Das Böse in der Engelsbucht

Nach dem verheerenden Anschlag herrscht gespenstische Stille in Nizza. Wo die Menschen zuvor die Sommerfrische genossen, werden Leichen gezählt.

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Die blaue Bucht von Nizza, die sich vor der Uferpromenade auftut, hat ihren Namen noch nie so schlecht getragen wie in dieser Nacht: Baie des Anges. In dieser Engelsbucht war in der Nacht auf Freitag das Böse am Werk, der unfassbare Wahnsinn. «Der Laster hat dieselbe Symbolkraft wie die Twin Towers des 11. September: hollywoodhaft», sagt der französische Islamismusexperte Gilles Kepel.

Die Amokfahrt in Nizza
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Die Menschen, die vor Ort waren, berichten vom Geräusch des dumpfen Aufpralls von Körpern. «Wie Kegel sind sie durch die Luft geflogen», sagt Damien Allemand, Journalist der Zeitung «Nice-Matin». Erst als er nach dem ersten, sprachlosen Schock auf seinem Motorroller nach Hause fuhr, begriff er das Ausmass des Schreckens: «Auf dem Trottoir lagen verstreut die Leichen.»

Am Tag danach herrscht gespenstische Stille in Nizzas Engelsbucht. Der Mistral hat die Wolken weggeblasen, der Himmel ist auf unverschämte Weise blau, die grelle Sonne macht die Szenerie noch unwirklicher: Müsste hier nicht, mitten im Juli, sorglose Sommerfrische herrschen? Aber kein Auto, niemand am Strand, keine Segeljacht, die durch das Meer gleitet, nur ein Marinekontrollboot zieht seine Kreise.

Zickzack gefahren

Vor der Bucht zieht sich die Promenade des Anglais am Ufer entlang. Einst Flaniermeile, jetzt Strasse des Schreckens. Man sieht die Spuren der Nacht: zersplittertes Glas, zerquetschte Fahrräder, ein viele Meter hoher Laternenpfahl, gefällt wie ein Baum. Dann ein Baugitterzaun, der mit einer weissen Plane abgehängt ist. Man ahnt nur, welches Bild sich dem Betrachter dahinter bieten würde. Die Spurensicherung ist am Freitagmittag immer noch vor Ort.

Terror an der Strandpromenade: Die Ereignisse im Überblick (Realisation: Lea Blum).

Der Tatort zieht sich auf über 1700 Meter auf der Strasse entlang. Das gab es noch nie: Ein einziger Mensch, der so viele tötet. Mit einem Laster als Waffe. Rund 30'000 Menschen hatten sich hier versammelt, als Mohamed Lahouaiej Bouhlel gegen 22.45 Uhr mit einem 19-Tonnen-Kühllaster die Uferpromenade langpreschte. Sie waren gekommen, weil es keinen besseren Platz gibt für das Feuerwerk, das draussen auf dem Meer gezündet wird, keine bessere Aussicht als die von der Prom’, wie die Einheimischen ihre Promenade nennen. «Hier in Nizza haben wir nicht damit gerechnet», sagt Christine, eine junge Frau.

Frankreich hatte die Fussball-Europameisterschaft ohne Terrorattacke überstanden; Frankreich hätte beinahe den Pokal gewonnen; es gab viele Gründe zu feiern an diesem 14. Juli. Doch es kam alles anders.

Viele Kinder unter den Toten

Nach dem schweren Anschlag von Nizza mit bisher 84Toten ringen noch immer Dutzende Personen um ihr Leben. «Etwa 50 Menschen sind in kritischer Verfassung und schweben zwischen Leben und Tod», sagte der französische Präsident François Hollande am Freitag nach dem Besuch eines Krankenhauses. Am späten Nachmittag ist klar, dass mindestens 200 Menschen verletzt sind. Unter den Toten seien viele Ausländer und Kinder, so die erste Einschätzung der Behörden.

Zickzack sei der Lastwagen gefahren, erzählen die Augenzeugen, um möglichst viele Opfer zu machen. «Von der Hausnummer 11 bis zur Hausnummer 147», wie Staatsanwalt François Molins auf einer Pressekonferenz im Justizpalast von Nizza mitteilte. Molins ist in Frankreich der Mann für die schlechten Nachrichten. Der Terrorist habe in Höhe des Hotels Negresco mehrfach auf drei Polizisten geschossen. Erst dreihundert Meter weiter, so Molins, gelang es ihnen, den Mann niederzuschiessen.

Das legendäre Hotel als Notlager

Das legendäre Hotel hat sich gestern Nacht in ein Notlager verwandelt. In der grossen Marmorhalle mit ihrem tonnenschweren Kronleuchter wurden Verletzte versorgt, Zeugen vernommen. Am Tag darauf ist der Zugang zum Prachtbau gesperrt. Nur Gäste dürfen hinein. Aber davon scheint es nicht mehr viele zu geben. Ein Paar reist ab, im roten Maserati. Das Restaurant Rotonde, der Nachbau eines Jahrhundertwendeka­russells, wirkt wie ein kitschiger Kindheitstraum in Rosa und Gelb, der sich in einen Albtraum verwandelt hat. Die hölzernen Schimmel stehen verloren im Raum herum, auf die Terrasse traut sich kein Mensch. Man hat von dort aus freien Blick auf den Tatort.

«Das ist unser 13. November», sagt eine junge Frau, die Blumen an der Absperrung ablegt. Nicht alle Menschen wollen reden, einige weinen. Es wirkt wie ein Déjà-vu. An den Frontscheiben der Autos tauchen die ersten Schilder auf: «Je suis Nice», ich bin Nizza. Eine Familie aus Köln schiebt den Kinder­wagen durch die Strassen. Sie sind heute aus den Bergen angereist, wie geplant. «Wir haben kurz gezögert, ob wir kommen sollen», erzählt die blonde Frau, «aber dann haben wir uns gedacht: Jetzt erst recht.»

Ein Zentrum der Islamistenszene

Am Strassenrand sitzt Jean-Claude Devot, weiss und zahnlos und macht Notizen. Was er schreibt? «Gedichte», sagt der 73-jährige Mann aus Perpignan. Gefängniswärter sei er gewesen, jetzt möchte er sich nur noch um die Schönheit der Welt kümmern. «Ich bin mit denselben Kräften des Bösen konfrontiert, aber ich bekämpfe sie. Mein Leben ist im Guten.»

Zu dem Anschlag bekannte sich zunächst niemand. In sozialen Medien bejubelten jedoch Anhänger der Extremistenmiliz Islamischer Staat die hohe Zahl von Opfern. Weil die Miliz in Syrien und dem Irak zunehmend zurückgedrängt wird, befürchten europäische Sicherheitsbehörden seit einiger Zeit, dass die Extremisten vermehrt Anschläge in Europa begehen könnten. Die 350'000-Einwohner-Stadt Nizza ist nicht nur ein alter Urlaubsort des Adels, sondern verfügt auch über eine grosse Islamistenszene.

Terrorismus als Dauerzustand

Radikale Islamisten riefen in den vergangenen Jahren zunehmend zu Gewalttaten mit einfachen Mitteln auf – etwa dazu, ein Fahrzeug in eine Menge zu steuern. Bisher kosteten solche Attacken aber nie so viele Menschen auf einmal das Leben. Es dürfte auch der schwerste von einem einzelnen Atten­täter verübte Anschlag sein. 2011 tötete der Rechtsextremist Anders Breivik in Norwegen 77 Menschen.

Frankreich stellt sich nun auf den Terrorismus als Dauerzustand ein. «Wir sind in einer neuen Ära. Frankreich wird mit dem Terrorismus leben müssen», sagte Ministerpräsident Manuel Valls. Hollande wiederum versicherte, dass Frankreich den Militäreinsatz in Syrien und dem Irak nun noch entschiedener vorantreiben werde. Im Land selbst gelten die Sicherheitskräfte, die seit Beginn des Ausnahmezustands zu Tausenden zur Terrorabwehr auf den Strassen unterwegs sind, allerdings schon seit Monaten überlastet und am Ende ihrer Kräfte. Heute Samstag beginnt in Frankreich eine dreitägige Staatstrauer zum Gedenken an die Todesopfer der LKW-Attacke auf der Uferpromenade von Nizza. Bereits am Freitag wurden die Fahnen an öffentlichen Gebäuden auf halbmast gesetzt.

Erstellt: 15.07.2016, 22:31 Uhr

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