Hintergrund

Aus der Internationalen der Antiislamisten

Die Ideologie des Massenmörders von Oslo stammt von einer gut vernetzten Internetgemeinde, die sich auch in der Schweiz trifft.

Auch von hier hat Breivik kopiert: Antiislamischer Blog «Gates of Vienna» (Screenshot).

Auch von hier hat Breivik kopiert: Antiislamischer Blog «Gates of Vienna» (Screenshot). Bild: TA

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1518 Seiten umfasst «2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung» von Anders Behring Breivik. Es ist eine krude Onlineschrift und ein grausamer Schlachtplan. Der Osloer Täter hat darin seine Weltsicht zusammengetragen, oder besser gesagt: zusammengeschnipselt. Weite Stellen hat er abgeschrieben. Einiges ist übernommen aus der Weltliteratur und noch viel mehr aus dem Internet, aus einschlägigen Blogs und Foren, in denen er jahrelang mit Gleichgesinnten diskutiert hat.

Anders Behring Breivik scheint «ein klassischer Fall der sogenannten Internetradikalisierung zu sein, wie sie auch bei jungen europäischen Islamisten zu beobachten ist», hält der norwegische Szenebeobachter Oyvind Stroemmen fest. Breivik scheint sich im Kampf zu wähnen gegen die islamistischen Glaubenskrieger und deren Verbündete, die er in Europas Linken sieht.

Antiislamistische Blogger in der ganzen westlichen Welt distanzieren sich nun reihenweise vom Mann, mit dem sie die Ideologie teilen, aber nicht den Blutrausch. Eine erstarkte geistige Gemeinschaft schliesst einen aus, der bei ihr bis vor kurzem nicht auffiel.

«Der Norweger Anders Behring Breivik hat der islamkritischen Szene einen Bärendienst erwiesen», stellt «Politically Incorrect» fest, der beliebte Internettummelplatz deutschsprachiger Antiislamisten. «Seine abscheuliche Tat ist Wasser auf die Mühlen derer, die er offensichtlich bekämpfen wollte», heisst es dort weiter. «Und wie im Fall der jüngsten Katastrophe in Japan ist davon auszugehen, dass die politische Linke, allen voran in Deutschland, nicht zögern wird, das traurige Ereignis für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.»

Der Internetkreuzzug

Im World Wide Web hat sich seit 9/11 eine heterogene Internationale der Antiislamisten gebildet, die sich selbst als «Freiheitsallianz» sieht. Jetzt fühlt sie sich missbraucht von einem Massenmörder, der sich bei ihr bediente.

Abgeschrieben hat der Norweger Breivik bei vielen Bloggern. So zitiert er auf seinen 1518 Seiten ausführlich Stellen aus 38 Aufsätzen seines Landsmanns mit dem Pseudonym Fjordman worauf gemutmasst wurde, die beiden seien ein und dieselbe Person. Internetkreuzritter Fjordman bloggte aber gestern in seinen «Gedanken zu den jüngsten Gräueltaten», er habe den Massenmörder «nie im Leben getroffen». Mit dem Massaker habe er «absolut nichts zu tun».

Erschienen ist Fjordmans Text auf dem antiislamischen Blog «Gates of Vienna», der vermutlich aus den USA betrieben wird. Der Titel des Blogs spielt auf das Jahr 1683 an, als türkische Heere vor den Toren Wiens standen. «2083», der Titel von Breiviks Kampfschrift, bezieht sich ebenso auf den Sieg christlicher Truppen über die Krieger aus dem Osmanischen Reich. Seine Ideologie bezeichnete der Täter von Oslo selber im Internet als «Wien-Denkschule», an der er «hauptamtlich» arbeite.

Treffen in «Zürcher Vorort»

International sind Islamkritiker und -hasser gut vernetzt vor allem übers Internet, aber es kommt auch zu Treffen. Einer der Macher von «Gates of Vienna» mit dem Pseudonym Baron Bodissey berichtet von einer Zusammenkunft der European Counterjihad Activists Mitte Juni 2010 «in einem Vorort von Zürich». Er sei aus Übersee angereist, andere «Delegierte» aus Österreich, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien und der Schweiz. Daneben habe es auch «Teilnehmer» aus Schweden und Norwegen gegeben. Einige Parteien hätten «Repräsentanten» geschickt: die English Defence League (siehe unten), die italienische Lega Nord und die einheimische SVP.

Baron Bodissey beschreibt seine Eindrücke von einem Stadtrundgang in Zürich, bei dem ihm auffiel, dass die Kebabstände und Pizzerias «oft von Türken» betrieben würden. Davor sässen «eine Menge Männer, die uns anstarrten, als wir vorbeigingen». Gesehen habe er Frauen mit Kopftüchern «auch unter dem Sicherheitspersonal am Flughafen». Die Schweiz befindet sich gemäss Baron Bodissey trotzdem nur in einem frühen Stadium der Islamisierung.

Inserate für Freysinger-Reden

Beim Treffen, so heisst es weiter, habe ein «Parlamentarier der SVP» die internationalen Aktivisten aufgefordert, sich in ihren Ländern ebenfalls für ein Minarettverbot einzusetzen. Namentlich genannt wird als Schweizer Teilnehmerin der Zusammenkunft jemand namens Christine, die auf «Politically Incorrect» aktiv sein soll. Auf dieser deutschen Internetseite werden Muslime als «Anhänger eines pädophilen Massenmörders» bezeichnet oder als «Handabhacker und Steiniger».

Auf «Politically Incorrect» werden auch Fjordman-Beiträge auf Deutsch veröffentlicht und Inserate geschaltet, die auf Veranstaltungen mit geistig verwandter Politprominenz hinweisen: Geworben wird dieser Tage für ein Treffen mit dem Niederländer Geert Wilders von der rechten Freiheitspartei und SVP-Nationalrat Oskar Freysinger in Berlin. Als dritter Redner für den 3. September ist der US-Amerikaner Robert Spencer angekündigt. Spencer, Betreiber des Blogs «Jihad Watch», wird in der Schrift des Osloer Attentäters rund fünfzigmal erwähnt.

Unter europäischen Politikern hat es immer wieder Ansätze gegeben, islamkritische Bündnisse zu schliessen unter Beteiligung einzelner SVP-Exponenten wie Freysinger oder dessen Nationalratskollegen Walter Wobmann und Ulrich Schlüer. Der Zürcher Schlüer wollte sich mit dem deutschen Buchautor Udo Ulfkotte verbünden. Er wollte gar einen Schweizer Ableger von Ulfkottes Organisation Pax Europa gründen. Dazu kam es nie. Inzwischen ist Ulfkottes Internetseite «Akte Islam» vom Netz verschwunden, die sich dem Kampf gegen eine «schleichende Islamisierung Europas» verschrieben hatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2011, 11:14 Uhr

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