«Das Böse kann man von aussen nicht erkennen»

Der deutsche Philosoph Detlef Horster hat über das Böse geforscht. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht er über das Spezielle im Fall Breivik und die Verantwortung der Medien.

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Herr Horster, was haben Sie gedacht, als Sie von den Anschlägen und dem Massaker von Oslo gehört haben?
Als Erstes habe ich genau das gedacht, was ich am 11. September 2001 auch gedacht hatte. Damals war ich in Südafrika. Wir schauten alle CNN und alle sagten: «Unglaublich! Unglaublich!» Man versuchte immer wieder neue Nachrichten zu bekommen, um zu rekonstruieren. Genauso war es mit Norwegen. Ich war in derselben Weise geschockt.

Das war also auch für Sie, der über das Böse geforscht hat, unbegreiflich?
Es ist nach wie vor unbegreiflich.

Dachten Sie zunächst auch, dass die Tat von Islamisten begangen wurde?
Als das Bombenattentat in Oslo geschah, habe ich das auch gedacht. Als dann aber die Meldungen über das Massaker auf der Insel bekannt wurden, nicht mehr.

Sie haben einen Band zum Thema «Das Böse neu denken» herausgegeben. Muss man nun das Böse nochmals überdenken?
Ich glaube nicht. Wenn wir durch die Jahrhunderte gehen, war das Böse immer das Unfassbare. Selbst in der frühen Phase des Christentums waren die Menschen erstaunt und fragten: «Wie kann Gott so etwas zulassen?» Der Philosoph Leibniz hat dann das mit seinem Bild «der besten der Welten» so erklärt, dass es anderswo noch schlimmer ist. Man versuchte, das Böse zu erklären, und war und ist doch immer wieder aufs Neue erschüttert.

Ist für Sie Breivik eine neue Dimension des Bösen?
In vielen Hinsichten, ja. So hat er seine Untat neun Jahre lang geplant. Bemerkenswert ist auch, dass er 32 Jahre alt ist. Wenn Sie sonst an Amokschützen denken, dann sind die meist noch Teenager. Zudem hat er im Gegensatz zu anderen solchen Tätern die letzte Patrone nicht für sich aufbewahrt. Er wollte weiterleben.

Ist er ein neuer Typus des westlichen Terroristen?
Das kann man schwer sagen, aber ich glaube, dass wir hier den typischen Einzeltäter haben, der in dieser Weise nicht als Vorbild für andere Terroristen gelten kann.

Der «Blick» titelt heute zum Mörder von Norwegen «Die Augen des Bösen». Doch Anders Behring Breivik sieht gerade nicht böse aus.
Aber gucken Sie sich alle Attentäter an: Würden Sie von irgendeinem sagen, der sieht böse aus? Das Böse kann man am Äussern nicht erkennen. Von daher kann man nie vom Aussehen auf das Innere schliessen. Selbst dem 9/11-Attentäter Mohammed Atta ist auf den ersten Blick nicht anzusehen, dass er ein Böser ist. Das Böse spielt sich im Bewusstsein der Menschen ab – der Wille ist entscheidend.

Sind solche Dämonisierungen, wie sie der «Blick» mit seinem Titel versucht, nicht eine allzu menschliche Reaktion? Dadurch versucht man, das Böse von sich fernzuhalten.
Nicht, um das Böse von sich fernzuhalten, sondern um Erklärungen für das Unbegreifliche zu finden.

Verbaut man mit der Dämonisierung einer Person nicht auch die Auseinandersetzung mit ihr und letztlich das Verständnis, wie so jemand tickt?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den Sie ansprechen. Wenn wir etwas über Täter aussagen wollen, dann müssen wir über Motive forschen. Die Motive sind im Hintergrund – das war schon in der Bibel so, als Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Da war im Hintergrund der Befehl Gottes. Abraham hat mit der Absicht, seinen Sohn zu opfern, gegen eine Reihe moralischer Regeln verstossen. Die werden aber ausser Kraft gesetzt durch das Motiv des Befehls von Gott. Aber auch ideologische Motive könnten entscheidend sein. Adolf Eichmann gab den Befehl von Adolf Hitler für seine Taten an. Er sagte wörtlich: «Dem Befehl des Führers ist unbedingt zu gehorchen.»

Welches Motiv steht bei Breivik im Vordergrund – das religiöse oder das ideologische?
Das ist noch nicht ganz klar, bisher sind ja erst Bruchstücke bekannt. Aber diese deuten für mich auf ein ideologisches Motiv hin.

Die Öffentlichkeit will alles über Breivik erfahren. Sollte man diesem Bedürfnis nachgeben?
Ja, unbedingt, denn wir sind durch diese Ereignisse emotional aufgewühlt und brauchen Erklärungen. Diese müssen öffentlich gemacht werden, damit die Menschen mit ihren Gefühlen wieder klarkommen.

Doch hier ist es gerade der Täter selber, der die Öffentlichkeit für die Verbreitung seiner Ideen sucht. Besteht da keine Gefahr?
Es kann sein, dass der eine oder andere Breivik als Vorbild nehmen könnte. Aber diese Chance ist so verschwindend gering im Vergleich zu den Millionen von Menschen, die Aufklärung erwarten.

Was möchten Sie zu Breivik wissen?
Erstaunlich ist, dass über seine Kindheit und sein Elternhaus bisher sehr wenig bekannt geworden ist. Möglicherweise hatte er ein anregungsarmes Elternhaus.

Aber besteht da nicht die Gefahr, dass man Breiviks Taten mit einer schwierigen Jugend erklärt?
Ja, man kann das Ganze erklären, aber verstehen kann man es nicht und auch nicht entschuldigen.

Was wären die Folgen, wenn man Breivik totschweigt? Bekäme er dadurch eine Aura und würde erst recht zu einem Mythos für Nachahmer?
Ja, das ist zweischneidig. Da hat die Presse eine grosse Verantwortung.

Der englische «Guardian» plädiert dafür, dass man Breivik ein Nichts nennt.
Das dient der Sache ebenso wenig, wie wenn man ihn dämonisiert. Das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen uns an das erinnern, was Hannah Arendt gesagt hat: «Das Böse geschieht immer durch Menschen.»

Ob wir es wollen oder nicht: Auch Breivik ist einer von uns.
Genau so ist es.

Wie sähe Ihres Erachtens der richtige Umgang der Medien mit Breivik aus?
Ich war einmal an der Universität in Wien tätig. Damals gab es eine Reihe von Selbstmorden, bei denen sich die Menschen vor die U-Bahn warfen. Da kamen die Pressevertreter zusammen und haben beschlossen, nicht mehr darüber zu berichten. Die Folge war, dass es keine Selbstmorde mehr gab.

Es kann also doch auch dienlich sein, wenn die Medien etwas verschweigen.
Journalisten haben heute eine höhere moralische Verantwortung als andere Berufe, etwa als der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Aus dieser Verantwortung kann ich Sie nicht entlassen.

Erstellt: 25.07.2011, 13:07 Uhr

1973 machte Detlef Horster (68) sein Erstes Juristisches Staatsexamen. Nach seiner Promotion 1976 zum Dr. phil. im Fach Soziologie übernahm Detlef Horster 1976/77 die Vertretung des Lehrstuhls für Ethik an der Universität Utrecht (NL). Seit 1981 war er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 Professor für Sozialphilosophie an der Universität Hannover. Zwischen 1981 und 2007 mehrere Gastprofessuren, Gastdozenturen und Fellowships u.a. in Port Elizabeth (Südafrika), in Wien und Zürich. Seine Schwerpunkte sind Ethik und Recht sowie die philosophischen Grundlagen von Erziehung und Bildung. Horster ist Vertreter des moralischen Realismus.

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