Hintergrund

Das Klima im Norden ist feindselig

Skandinaviens rechte Parteien distanzieren sich jetzt wortreich von Breiviks Tat. Manche ihrer Vertreter haben aber jahrelang dasselbe Gedankengut verbreitet.

Die norwegische Flagge weht noch immer auf Halbmast vor dem zerstörten Regierungsgebäude. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Die norwegische Flagge weht noch immer auf Halbmast vor dem zerstörten Regierungsgebäude. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist Anders Behring Breivik ein einsamer Irrer, oder ist er ein Terrorist? Entsprang seine grauenvolle Tat geistiger Verwirrung, oder ist sie die Folge einer politischen Radikalisierung? Was im Kopf eines Mannes vor sich geht, der Jugendliche mit Dum-Dum-Geschossen tötet, kann man letztlich nur vermuten, verstehen wird man es wohl nie. Aus Breiviks Äusserungen lässt sich zumindest schliessen, dass er sein Morden als politische Tat versteht. Und darum werden seine Attentate politische Konsequenzen haben, ganz unabhängig davon, wie das Gericht seinen Geisteszustand bewerten wird.

Breiviks im Internet verbreitetes Manifest ist voller Zitate aus der sogenannten Islamdebatte. Vieles ist wiedererkennbar. Und das ist das Erschreckende. Es bedeutet nicht, dass die rechten Politiker und Publizisten, von denen viele Bestandteile des wirren Machwerks stammen, eine Mitschuld an den Verbrechen haben. Worte töten nicht, und Schuld trifft darum nur den Täter. Aber dass Breivik in der politischen Debatte offenbar problemlos genügend Rohmaterial fand, um daraus eine 1500 Seiten lange Rechtfertigung für Massenmord zu basteln – das sollte zumindest Anlass sein, über das politische Klima in Nordeuropa und die nötigen Folgen des Attentats nachzudenken.

Rechte Parteien haben in den nordischen Ländern eine lange Tradition. Und in den letzten Jahren erlebten sie unter dem Sammelbegriff «Rechtspopulisten» eine erstaunliche Blüte. Die Schwedendemokraten schafften 2010 den Sprung in den Reichstag. Die norwegische Fortschrittspartei ist seit 2009 zweitstärkste Kraft im Parlament. Knapp 20 Prozent der finnischen Wähler gaben vor wenigen Monaten den Wahren Finnen ihre Stimme. Und in Dänemark hat die Volkspartei seit mehr als zehn Jahren erheblichen Einfluss auf die Regierungspolitik. Das politische Klima ist dadurch rauer geworden.

Der gemeinsame Nenner ist die Islamkritik

Natürlich gibt es zwischen diesen Gruppierungen Unterschiede: Die Schwedendemokraten haben ihre Wurzeln in der Neonaziszene; in Norwegen und Dänemark dagegen begannen die Rechten als Steuersenkungs-Parteien, und die Wahren Finnen sind ursprünglich eine Provinzbewegung, die sich heute mit EU-Feindlichkeit profiliert. Dennoch hat sich ein gemeinsamer Nenner herauskristallisiert: die Islamkritik und die Vorstellung, dass die eigene Lebensart und die eigene Kultur von muslimischen Einwanderern bedroht werden. Diese Ideen finden sich in allen genannten Parteien. Und sie finden sich auch in Breiviks Manifest.

Dass solche Ideen im Norden Rückhalt finden, hat vermutlich viele Gründe. Sicher spielen Vorfälle wie die Karikaturenkrise oder die zeitweise recht starke Zuwanderung von Flüchtlingen eine Rolle. Verglichen mit anderen Ländern ist der Ausländeranteil in den nordischen Staaten allerdings durchschnittlich bis gering. Es könnte auch sein, dass die Populisten im Norden einfach ein Konzept kopiert haben, dass anderswo Erfolg hatte. Die Entwicklung im Norden folgt nämlich einem europäischen Trend.

Forscher, die sich mit der Szene befassen, beobachten schon länger, dass Neonazismus und Rassismus abnehmen. Stattdessen haben rechte Gruppierungen – gewaltbereite Radikale ebenso wie politische Parteien – den Islam zum neuen Hauptgegner ausersehen. Die Vorstellung von der überlegenen Rasse wird dabei ersetzt durch die einer überlegenen Kultur, die angeblich unvereinbar ist mit den Werten von Einwanderern aus muslimischen Ländern. Dieser Wandel hat den rechten Parteien genützt. Warnungen vor «Überfremdung», «schleichender Islamisierung» und «Multikulturalismus» sind heute vielerorts salonfähig.

Man überbietet sich gegenseitig

In den Hauptstädten des Nordens war der Rechtsruck deutlich zu spüren. Andere Parteien passten sich zum Teil an das neue Klima an – auch die Sozialdemokraten. Am weitesten ist die Entwicklung in Dänemark fortgeschritten, wo es vorkommt, dass sich Politiker der Linkspartei und der Volkspartei gegenseitig mit Forderungen nach härteren Ausländergesetzen überbieten.

Vermutlich wird damit nach Utöya Schluss sein, zumindest vorläufig. Die rechten Parteien haben in diesen Tagen bereits überall damit begonnen, sich wortreich von den Attentaten zu distanzieren. Glaubwürdig werden sie allerdings erst, wenn sie ihre Rhetorik grundlegend ändern. Denn auch wenn die Worte, die Breivik in sein Manifest kopiert hat, niemanden getötet haben: Sie zeugen von einem Klima der Missgunst und von Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2011, 10:11 Uhr

Artikel zum Thema

Lega-Politiker lobt Breivik

Fünf Tage nach dem Massaker in Norwegen ist es offenbar kein Tabu mehr, mit den Ideen des Attentäters Breivik zu sympathisieren. Gleich mehrere ranghohe Rechtspolitiker sorgen zurzeit für Furore. Mehr...

«Wenn man lang genug hetzt, findet man Leute, die zur Tat schreiten»

In Europa ist nach dem Anschlag in Norwegen eine Debatte über die geistigen Brandstifter entflammt. In mehreren Ländern stehen islamkritische Parteien in der Kritik, die Mohammed mitunter gar als «Kinderschänder» bezeichnen. Mehr...

Bildstrecke

Norwegen in Trauer

Norwegen in Trauer Das Land trauert um die Toten des Massenmords.

Kommentare

Blogs

Outdoor Wandern mit Kindern: Wie hart darf es sein?
Welttheater Freiheit für Canvey Island!
Mamablog Eine Frage der Haltung

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...