Belgien hat ein Saudi-Problem

Ungebremst durfte Saudiarabien belgische Moscheen zu Brutstätten des Radikalismus umwandeln. Experten sehen den Grund des Übels in einem Deal der Könige beider Länder.

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Islamistischer Fundamentalismus in Belgien hat einen Zusammenhang mit einem jahrzehntealten und tief verwurzelten Einfluss von Saudiarabien, wie die «Washington Post» berichtet.

Aus keinem Land in Europa brechen im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele IS-Kämpfer in den «Heiligen Krieg» auf wie aus Belgien. Doch der im Land grassierende Extremismus äussert sich nicht nur in Syrien, sondern auch in Europa: So führte bereits die Suche nach den Tätern von Paris in das Brüsseler Stadtviertel Molenbeek, das als Brutstätte für islamistischen Terrorismus tragische Berühmtheit erlangte.

Moschee gegen Öl

Die Anfänge der saudischen Implementierung von salafistischem Gedankengut in Belgien finden sich gemäss «Washington Post» im Jahr 1967. Um sich einen Öl-Deal mit dem Golfstaat zu sichern, schenkte der belgische König Baudouin König Faisal die Grosse Moschee in Brüssel. Er versicherte zudem, saudische Imame einzustellen. Dank einer für 99 Jahre gültigen Pacht zahlen die Saudis keine Miete.

1974 wurde der Islam in Belgien offiziell von König Baudouin anerkannt. 1978 öffneten die Grosse Moschee und das darin gelegene islamische Kulturzentrum ihre Türen. Seither gilt die Einrichtung als Zentrum des belgischen Radikalismus.

Fundamentalistischer Islam

Das Gedankengut der saudischen Imame unterschied sich von Anfang an von der fortschrittlichen Einstellung der mehrheitlich marokkanischen und türkischen Immigranten der 60er- und 70er-Jahre. «In Marokko überwog die Maliki-Schule, die toleranter und offener als die des saudischen Wahhabismus ist», sagte der belgische Parlamentarier George Dallemagne bereits nach den Attentaten in Paris zum «Independent», «jedoch wurden viele dieser Immigranten von den salafistischen Predigern der Grossen Moschee re-islamisiert. Einigen Marokkanern wurde sogar ein Studium in Medina in Saudiarabien finanziert.»

Bei dem in Saudiarabien vorherrschenden Salafismus, von den Gegnern Wahhabismus genannt, handelt es sich um eine ultrakonservative Ausrichtung des sunnitischen Islams. Auch der IS basiert die Gesetze in seinem «Kalifat» auf salafistischen Normen. Demnach dürfen Frauen nicht Auto fahren und haben sich vor fremden Männern zu verhüllen. Teilweise gelten Verbote von Tanz, Musik und Fernsehen. Strafen richten sich nach der Scharia, Hinrichtungen und Auspeitschungen sind öffentlich auszuführen.

Eine Frage des Geldes

Der Golfstaat kann in Belgien laut der «Washington Post» walten, wie es ihm beliebt. So verbreitete die saudische Botschaft Korane in belgischen Moscheen und unterstützte diese finanziell. Wikileaks machte dies 2007 bekannt. Finanziert wurde auch die Ausbildung von Imamen, die in ganz Europa predigen sollen.

Einzig 2012 gelang es Belgien, den Direktor der Grossen Moschee, Khalid Alabri, zu entlassen. Ein geleaktes Geheimdokument von Saudiarabien offenbart, dass die belgische Regierung die saudischen Autoritäten zu diesem Schritt gezwungen hatten. Alabri wurde verdächtigt, intolerantes und radikales Gedankengut des IS zu verbreiten.

Fast keine anderen Gelehrten mehr

Es war nur ein kleiner Sieg gegen den Islamismus, denn die Auswüchse des saudischen Gedankenguts sind massiv, wie der Terrorismusexperte Michael Privot nach den Anschlägen von Brüssel zur israelischen Zeitung «Arutz Sheva» sagte: «95 Prozent der Islamkurse für Muslime in Brüssel werden heute von jungen Predigern geleitet, die in Saudiarabien studiert haben. In der muslimischen Gemeinschaft ist das Bedürfnis gross, mehr über die eigene Religion zu erfahren. Doch jene, die dieser Nachfrage nachkommen, sind meistens konservative und von Saudiarabien finanzierte Salafisten. Andere muslimische Länder können es sich gar nicht leisten, so viele Stipendien auszustellen.»

Die Einflussnahme saudischer Politik wird immer häufiger kritisiert, vor allem europäische Staaten sind verärgert. «Saudiarabien finanziert wahhabitische Moscheen in der ganzen Welt. Viele gefährliche Islamisten in Deutschland stammen aus diesen Gemeinschaften», so der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel. Als symbolischen Akt verbietet Holland seit Anfang Monat Waffenexporte in den Golfstaat.

Clinton nimmt Saudis in die Mangel

US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton nannte bei einer Rede nach den Attentaten von Paris die Dinge erstmals beim Namen. So seien die Saudis offensichtlich Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung: «Und jetzt, ein für alle Mal müssen die Saudis und Qataris ihre Bürger davon abhalten, sowohl Extremistenorganisationen als auch Schulen und Moscheen, die zu viele junge Menschen auf den Weg der Radikalisierung geschickt haben, direkt zu finanzieren.»

König Salman von Saudiarabien schickte dem belgischen König Philippe nach den Attentaten in Brüssel eine Stellungsnahme. «Mit Trauer haben wir von den Terroranschlägen in Brüssel vernommen (...). Wir verurteilen diese Gewalttaten entschieden. Wir betonen die Wichtigkeit der internationalen Bemühungen, diese gefährliche Plage, welche von allen göttlichen Religionen und internationalen Normen und Konventionen verurteilt wird, zu konfrontieren und zu eliminieren.» (sep)

Erstellt: 24.03.2016, 21:28 Uhr

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