Hintergrund

50 Jahre Debatten-Pleiten: Warum tun die Demokraten sich das an?

Barack Obama verliert vielleicht die Wahl wegen eines verpatzten TV-Duells. Er wäre nicht der Erste. Seit 1960 profitierten Demokraten fast nie von den Debatten. Trotzdem machten sie auch gestern Abend wieder mit.

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Es war damals kein einfacher Sommer für Bill Clintons Vizepräsidenten Al Gore, den Titelverteidiger der Demokraten. Eigentlich sprach im Jahr 2000 alles für ihn: die gute Wirtschaftslage, die aussenpolitische Ruhe, die Beilegung der Monica-Lewinsky-Krise. Doch Gore kam im Wahlkampf nicht vom Fleck. Sein republikanischer Gegner George W. Bush trat auf als «mitfühlender Konservativer», redete leise über Steuersenkungen, aber laut über bessere Schulen und das Los hispanischer Einwanderer. Ja, Bush sprach gar selber Spanisch. Für die Demokraten war es zum Verzweifeln.

Gore dagegen war unbeliebt. Der Reportertross, der ihm folgte, hatte zu ihm dasselbe Verhältnis wie Schüler zu einem verhassten Lehrer im Klassenlager. Bush galt als Kumpel, Gore als Sauertopf. Sogar das Essen in Gores Flugzeug sei karger als beim Konkurrenten, meckerte die vierte Gewalt. Aber wenn einen «die Meute» nicht mag, hat das Folgen. Das musste bis vor kurzem auch Mitt Romney feststellen, dem man ebenfalls zu viel Distanz zu den Medien nachsagt.

Gore, der «Serien-Flunkerer»

Gore wurde verspottet: Er lasse sich von Pop-Feministin Naomi Wolf in Sachen Kleiderfarben beraten (wahr). Er nehme in Anspruch, das Internet erfunden zu haben (falsch). Er sei eine Inspiration zum Film «Love Story» gewesen (wahr). Er habe behauptet, das Giftmülldesaster von Love Canal aufgedeckt zu haben (falsch). Irgendwann galt er als «Serien-Flunkerer». Und als Verlierer. Doch im Herbst kämpfte er sich langsam die Umfragen hoch. Im Oktober lag er klar vor Bush. Dann kam die erste TV-Debatte.

Ein Desaster. Gore benahm sich besserwisserisch bis zur Lächerlichkeit, fiel Bush und dem Moderator ins Wort. Und wenn Bush seine Plattitüden von sich gab, seufzte Gore jeweils vernehmbar ins Mikrofon. Überkandidelt und übergeschminkt bestätigte er all das, was zuvor nur unfaires Mobbing gewesen war. Gore stürzte ab. Vor der Debatte hatte er beim Umfrageinstitut Gallup mit acht Prozent geführt, danach lag er vier Prozent hinten.

Al Gores Schicksal erinnert an einen aktuelleren Demokraten: Barack Obama. Am Vorabend der ersten Debatte vor zwei Wochen lag Obama bei allen Instituten vor Mitt Romney. Eine Woche später war er bei praktisch allen im Hintertreffen. Auch bei Gallup, wo es einen Umschwung von 11 Prozent gab. Fast so desaströs wie Gore 2000.

Nur ein Demokrat schaffte am Fernsehen die Wende

Was zu der Frage führt: Warum debattieren Kandidaten eigentlich vor der Kamera? Oder etwas präziser: Warum lassen sich die Demokraten auf TV-Debatten ein? Ein Rätsel. Denn gemäss historischen Zahlen des Traditionsinstituts Gallup konnte in den letzten 50 Jahren nur gerade ein demokratischer Teilnehmer durch eine TV-Debatte eine Wende in den Umfragen herbeiführen: John F. Kennedy, und zwar 1960, beim ersten Mal überhaupt, als Kennedy gegen Richard Nixon antrat.

In der letzten Gallup-Umfrage vor der Debatte führte Republikaner Nixon mit einem Prozent. Danach lag er vier Prozent hinten. Das begründete die Legende. Nixon, an jenem Abend krank (er hatte ein entzündetes Knie) und verkniffen, verlor in den Augen der Zuschauer gegen den lockeren, gesunden Kennedy. Dass die Radiohörer Nixon für den Sieger hielten, bekräftigte die Legende. Was aber bei dieser schönen Geschichte nie nachgereicht wird: Wer damals ein Radio, aber noch keinen Fernseher hatte, lebte auf dem Land und war konservativ. Diese Leute hielten zu Nixon. Doch die Demokraten glaubten von da an ans Fernsehen. Dabei traten Nixon und Kennedy noch der weitere Male gegeneinander an. Und am Ende verlor Nixon mit nur 0,16 Prozent Abstand. Der jugendliche Teint hätte Kennedy also um ein Haar nichts genutzt.

Erst im Wahlkampf 1976 kam es wieder zu drei Debatten. Sie halfen dem Republikaner, obwohl Präsident Gerald Ford als unsicher galt. Der zungenfertige Prediger Jimmy Carter ging als Favorit auf die Bühne, mit 15 Prozent Umfragevorsprung. Nach drei Debatten war dieser Vorsprung auf fünf Prozent zusammengeschmolzen. Am Wahltag waren es noch zwei Prozent. Zwar zeigt man in Rückblicken immer nur jenen Debattenausschnitt, in dem Ford plötzlich vergass, dass Osteuropa von den Sowjets besetzt war. Dennoch nahmen Zeitgenossen Ford offenbar nicht als völligen Trottel wahr.

Carter, Mondale, Dukakis – sogar Clinton verlor

Unbestritten dann Carters Fiasko von 1980. Ende Oktober lag er bei Gallup sechs Prozent vor Ronald Reagan. Er hatte nur für eine Debatte zugesagt. Doch die reichte Reagan. Gut gelaunt und respektlos putzte er den Präsidenten vor einer bis heute unerreicht gebliebenen Zuschauerzahl herunter. Seine Antwort auf Carters ausführliche – und korrekte – Auflistung von Reagans erzkonservativen Sünden ging in die Geschichte ein: «Ach, da fangen Sie schon wieder an», sagte Reagan – und das Publikum lachte Carter aus. Das TV-Duell wendete die Umfragen um neun Prozent zu einem Reagan-Sieg

Und so ging es weiter: 1984 erhoffte sich der beredte Demokrat Walter Mondale Schub gegen den alt gewordenen Reagan. Doch Mondale lag vor den Debatten 17 Prozent zurück und danach genauso viel. 1988 rechnete man mit einem Debattensieg des geschliffenen Demokraten Michael Dukakis gegen den hölzernen Republikaner George H. W. Bush. Dukakis' Rückstand vor den Debatten: acht Prozent. Danach: neun Prozent.

1992 schickten die Demokraten den geborenen Debattierer Bill Clinton gegen Bush ins Rennen. Doch obwohl man das heute vergessen hat, verlor Clinton damals an Zustimmung. Er führte zwar auch nach der TV-Show, aber nur noch mit 12 statt 18 Prozent. Immerhin profitierte Clinton 1996, aber hatte es nicht nötig: Sein Gegner Bob Dole lag vorher 19 Prozent zurück, danach 24 Prozent. Und ins Ziel retten konnte Clinton diese Abstände weder '92 noch '96. Er gewann mit vier respektive acht Prozent.

John Kerry profitierte, aber nicht genug

Es folgte Al Gores Katastrophe von 2000 – und danach 2004 George W. Bush vs. John Kerry. Demokrat Kerry konnte sich nicht gesund stossen. Er «verbesserte» sich von 11 Prozent Rückstand auf drei Prozent Rückstand. Das war umso enttäuschender, als Bush vor allem in der ersten Debatte einen miserablen Eindruck machte. Wirres Gerede, sekundenlange Aussetzer, leere Blicke. Es wirkte so verheerend, dass danach gemunkelt wurde, Bush habe den Abend nur dank eines Senders im Ohr überstanden. Fotos einer seltsamen Ausbuchtung unter seinem Anzug dienten als «Beweis».

2008 schliesslich, der Moment, als ein Kandidat mit messianischen Qualitäten gegen einen alten Mann antrat. Doch der Alte, John McCain, hielt sich ganz gut gegen den Jungen, Barack Obama. Der Abstand vor den Debatten lag vorher, danach und durchgehend bis zum Wahltag bei sechs Prozent.

50 Jahre Debattengeschichte. Aus demokratischer Sicht lauter Pleiten. Warum also machen sie weiter mit? Barack Obama zeigte vor zwei Wochen, wie gross das Risiko ist. Selbst wenn die zweite und heute Nacht die dritte Debatte eine Korrektur und am Ende den Wahlsieg bringen sollten – der 3. Oktober war für die Demokraten eine Art politische Nahtoderfahrung. Und das gegen einen Mann, den sie ein Jahr lang als ungeniessbaren Roboter verspottet hatten.

Die Illusion der Erwartungen

Ist es Eitelkeit? Ist es die Hoffnung auf den argumentativen K. O.? Möglich, dass die Demokraten immer wieder Opfer eines Mechanismus werden, den die US-Politszene «expectation game» nennt, Spiel der Erwartungen. Der Dreh geht so: Die Zuschauer sind viel kritischer gegenüber jenem Debattierer, dem sie im Vorfeld den Sieg zutrauen. Der präsumtive Verlierer aber muss nur vermeiden, regelrecht in Tränen auszubrechen, um zu punkten.

Seit Nixon aber hatten immer die Demokraten jene Kandidaten aufgestellt, die in den Umfragen vor den Debatten als die besseren Redner galten – und hatten darum verloren. Oder nicht gewonnen. Ausser Kennedy, und dessen legendärem Sieg eifern die US-Liberalen seit einem halben Jahrhundert nach. Diese Legende ist wohl auch der Grund, weshalb sich die demokratische Basis aller schlechten Erfahrungen zum Trotz jedes Mal auf die Debatten freut. Die Falle des «expectation game».

Könnten die Demokraten sich denn überhaupt verweigern? Die Medien wären erzürnt. Die Anlässe sind ein prächtiges Spektakel und sorgen dafür, dass der Wahlkampfmonat Oktober schön durchgeplant ist. Den Medien müsste ein Demokrat also Alternativen bieten. Etwa eine Serie von Live-Interviews. Die Republikaner würden ebenfalls toben und den Verweigerer einen Hasenfuss nennen.

Carter verlor den Poker

Jimmy Carter hielt das aus. 1980 verweigerte er sich zuerst in den Vorwahlen seinem Gegner Ted Kennedy: keine Debatte. Danach verweigerte er sich Ronald Reagan, weil Reagan auf die Teilnahme des Drittpartei-Kandidaten John Anderson bestand. Carters Poker schien sich auszuzahlen. Erst eine Woche vor der Wahl gab das Reagan-Team nach und akzeptierte eine Debatte mit Carter alleine. Der Präsident kam. Mit einem Umfragevorsprung im Rücken.

Er hätte auch sagen können: Jetzt mag ich nicht mehr. Die Geschichte wäre womöglich anders verlaufen.

Erstellt: 22.10.2012, 19:06 Uhr

Obama-Romney zum Dritten

Heute nacht, um 3 Uhr Schweizer Zeit (21 Uhr Ostküsten-Zeit), treten Präsident Barack Obama und Gouverneur Mitt Romney an zur dritten TV-Debatte. Diesmal im hart umkämpften Bundesstaat Florida. Das Thema des Abends ist die Aussenpolitik. Obwohl die dritte Debatte meist als die höflichste gilt, sind diesmal heftigere Töne zu erwarten. Denn die Republikaner werfen Obama vor, er habe im Vorfeld des Botschaftermords in Libyen am 11. September dieses Jahres versagt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wird auch diese Nacht wieder ab 3 Uhr live mitkommentieren.

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