Analyse

Die Pleite des Plutokraten

Mitt Romney redete sich um Kopf und Kragen mit seinen heimlich mitgeschnittenen Äusserungen. Überraschend ist das nicht.

Wurde von seinem Vater reich beschenkt: Der Präsidentschaftskandidat und seine Frau Ann. (Archivbild)

Wurde von seinem Vater reich beschenkt: Der Präsidentschaftskandidat und seine Frau Ann. (Archivbild) Bild: AFP

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Frisch von der Leber weg urteilte der Plutokrat im Hause des Plutokraten über die Plebejer: Nicht anders lässt sich der dank eines mitgeschnittenen Videos zum Vorschein gekommene Monolog des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Willard «Mitt» Romney in der Villa des Financiers Marc Leder in Boca Raton in Florida beschreiben. Romneys Vermögen beziffert sich auf rund 250 Millionen Dollar, dasjenige der Leders auf geschätzte 400 Millionen.

Vor einer Schar Millionäre – man zahlte pro Kopf 50'000 Dollar in Romneys Wahlkampfkasse – geigte Romney es jenen 47 Prozent der Amerikaner heim, die vom Staat Zuwendungen erhalten: Lebensmittelmarken, Gesundheitsbeihilfen, Renten, alles Mögliche eben, was das Leben erleichtert in einer Gesellschaft, in der jeder Sechste arm ist.

Der Unterschied zu Roosevelt

Dass Romney mit diesen vermeintlichen Schnorrern Probleme hat, ist nicht weiter verwunderlich. Denn er ist nicht im Stande, bedrohte Existenzen am Rande des amerikanischen Gemeinwesens zu verstehen. Dies unterscheidet ihn von Franklin Delano Roosevelt (US-Präsident von 1933 bis 1945), der wie Romney aus privilegierten Verhältnissen stammte, jedoch durchaus Empathie für die Zukurzgekommenen empfand.

Im Gegensatz zu Roosevelt teilt Willard Romney die amerikanische Gesellschaft ein in erfolgreiche Macher – die in seinem Wahlkampf viel beschworenen «Schöpfer von Jobs» – sowie Verlierer. Und diese Verlierer versteht Romney nicht. Willard Romney wurde in ein reiches Elternhaus geboren. Sein Vater finanzierte sein Studium, sogar das Graduiertenstudium, was eine Seltenheit in den USA ist. Studienschulden hatte er keine, im Gegenteil: Da Willard und Ann Romney bereits an der Harvard-Universität Nachwuchs hatten, bedachte der Vater sie mit genügend Geld zum Kauf eines Hauses.

Romneys Tipp

Und seitdem ist Mitt Romney ein gemachter Mann. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist er nicht mehr produktiv, sondern verwaltet vor allem sein Vermögen. Willard Romney ist mithin ein Rentier. Was ihn gleichwohl nicht davon abhielt, jungen Amerikanern zu empfehlen, sie sollten sich zwecks Existenzgründungen doch Geld von den Eltern borgen. Damit stellt sich die Frage: Auf welchem Planeten lebt Mitt Romney?

Aus dem goldenen Füllhorn der Romneys rieselt unterdessen schon wieder Geld auf die nächste Generation herab: Dank der väterlichen Beziehungen verwaltet Sohn Tagg zusammen mit Romneys Geldmann Spencer Zwick einen Hedgefonds. Der Vater ging mit gutem Beispiel voran und zahlte ein. Und wenn Tagg Romney eben nicht Tagg Romney, sondern Billy Bob Jones hiesse, wäre wohl nie etwas aus diesem Hedgefonds geworden.

Absichtlich Firmen pleitegehen lassen?

Romneys Gastgeber an jenem auf Video verewigten Abend in Boca Raton ist von weniger vornehmem Zuschnitt als Mitt und seine Familie. Marc Leder hat sich einen Namen gemacht als Aufkäufer von Firmen, die er hin und her schüttelte, damit Geld aus ihnen floss. Ein Fünftel seiner seit 2008 gekauften Unternehmen ist bankrott, darunter die Restaurantkette Friendly's.

Die für innerbetriebliche Pensionskassen zuständige Bundesbehörde wirft Leder vor, er habe Friendly's absichtlich pleitegehen lassen, um sich aus den Verbindlichkeiten der Pensionskasse zu stehlen. Es ist gut möglich, dass frühere Angestellte von Friendly's zu jenen 47 Prozent zählen, die Willard Romney in Marc Leders Villa verdammte.

Erstellt: 18.09.2012, 21:29 Uhr

Mitt Romneys Patzer im Video, Teil I

Heimliche Videoaufnahmen

So haben die Wähler Mitt Romney noch nicht gehört: Der Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner schmäht jene «47 Prozent der Menschen», die im November ohnehin für Barack Obama stimmen würden.
Jene selbsterklärten «Opfer», die Ansprüche auf staatliche Leistungen erheben und keine Einkommenssteuern zahlen würden. Romney käme es wohl nie in den Sinn, vor laufender Kamera fast die Hälfte der Wählerschaft zu beschimpfen. Die explosiven Aussagen fielen bei einem Treffen mit reichen Spendern, von dem eine heimliche Videoaufnahme nun im Internet landete.

Mitt Romneys Patzer, Teil II

Romney äusserte sich auch über Palästinenser

Auch zum Thema Nahost liess sich Romney zu brisanten Äusserungen hinreissen. In einem erst später veröffentlichten Clip des Mitschnitts der selben Wahlkampfveranstaltung sagte Romney, die Palästinenser hätten sich «der Zerstörung und Beseitigung Israels verschrieben» und gar kein Interesse an einem Frieden. Zudem werde der Iran versuchen, Raketen in ein eigenständiges Westjordanland zu bringen, um Israel von dort zu bedrohen. Es käme zu einer ähnlichen Situation wie im Libanon.

«Glückwunsch! Papa»

Hinter der Veröffentlichung des Videos stand ein Enkel des früheren US-Präsidenten Jimmy Carter. James Carter IV. sagte, er habe denjenigen, der die Äusserungen heimlich aufgenommen habe, überzeugt, den Film den Medien zu übergeben. Er habe zunächst einen kurzen Clip auf Youtube entdeckt und dann via Twitter den Verfasser ausfindig gemacht. Der Name des Kameramanns ist der Öffentlichkeit weiter nicht bekannt.

Der frühere Präsident war begeistert von der Arbeit seines Enkels: «James: Das ist aussergewöhnlich. Glückwunsch! Papa», schrieb er in einer Mail, die der Nachrichtenagentur AP vorliegt.

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