Frau Clinton hört zu

Wer genau ist Hillary Clinton? Wofür steht sie? Und für wen? Selbst ihre Wähler misstrauen ihr. Dabei gäbe es eine klare Antwort auf die obigen Fragen.

Fast 50 Jahre in der Politik: Hillary Clinton. Foto: Scott Olsen (Getty Images)

Fast 50 Jahre in der Politik: Hillary Clinton. Foto: Scott Olsen (Getty Images)

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Die interessante Figur im amerikanischen Wahlkampf ist Hillary Clinton. Und zwar deshalb, weil Frau Clinton ein Geheimnis hat.

Bei Donald Trump liegt alles offen wie eine Wunde auf dem Operationstisch. Die Vulgarität, das Testosteron, der Bombast. So nackt ist noch selten ein Politiker aufgetreten, so ohne Kenntnisse und ohne jede Neugier darauf. Seine Rohheit ist ­faszinierend: Er demütigt sogar Parteikollegen, die sich ihm unterworfen haben. Nichts an ihm bleibt im Schatten – ausser seine Steuererklärung.

Dagegen ist Frau Clinton nach Jahrzehnten in der Weltöffentlichkeit erstaunlich undurchsichtig. Ihr grösstes Problem im Wahlkampf ist: Wofür steht sie? Sogar 40 Prozent ihrer Wähler halten sie nicht für vertrauenswürdig. Hiesse ihr Gegner nicht Trump, hätte sie kaum Chancen. Für viele Amerikaner ist es eine Wahl zwischen zwei Übeln.

Und das ist verblüffend. Denn so gut wie alle Leute, die je mit Hillary Clinton gearbeitet haben, Kollegen, Angestellte, Gegner, haben eine völlig andere Meinung von ihr als die Wähler: Sie schildern Clinton als brillante Frau mit Humor – und als extrem verlässlich. Ihr Ruf ist umso korrupter, je ferner man ihr ist. Aus der Nähe gibt es kaum Klatsch. Und keine einzige Enthüllungsstory eines Ex-­Mitarbeiters über sie. Was in Washington etwa so selten ist wie eine Schlange mit Ballettbeinen.

An Hillary Clinton gibt es kein unkritisiertes Fleckchen mehr.

Was erklärt diesen Bruch? Der Journalist Ezra Klein machte sich an die Recherche und befragte vier Dutzend Ex-Mitarbeiter aus fünf Jahrzehnten. Und alle sagten, fast ohne Variation, denselben Satz. Er ist so unauffällig, dass Klein ihn lange übersah. Er lautete: Sie hört zu.

Klein grub Dutzende von Geschichten dazu aus: Professoren, die Clinton komplizierte Papiere über Fehler schickten, die in den Entwürfen der Regierung ihres Mannes steckten. Und sie rief schon am Morgen danach zurück: Und hatte das Papier nicht nur gelesen, sondern sorgte dafür, dass die Vor­lagen geändert wurden. Als sie Aussenministerin war, stellten Diplomaten verblüfft fest, dass ihre Memos tatsächlich gelesen wurden – meist Jahre zurück. Als Senatorin hielt sie Sitzungen, in denen sie Berge von zerknüllten Notizen durchackerte, die sie bei Gesprächen mit Wählern gemacht hatte – und daraus wurden tatsächlich Gesetze.

Die Frau hinter der Kaffeetasse

Am erstaunlichsten ist die Geschichte mit ihren Feinden. Als sie 2001 in den Senat gewählt wurde, schworen die Republikaner, der Ex-First-Lady zu zeigen, dass sie «nur eine von 100» sei. Kaum gewählt, setzte Clinton sich mit ihren Gegnern zum Kaffee und hörte ihnen zu. Selbst ihre engsten Mitarbeiter waren von ihrer Schmerzfreiheit entgeistert. Sie sprach mit Politikern, die sie über Jahre attackiert hatten. Und versucht hatten, ihren Mann mit der Lewinsky-Affäre aus dem Amt zu jagen.

Will man Menschen überzeugen, ist Zuhören die wirksamste Art der Verführung – nur Anfänger setzen auf Reden. In der Tat ist Clintons politische Bilanz einzigartig in einer Zeit, in der Demokraten und Republikaner fast Todfeinde sind. Sie brachte Dutzende Vorlagen durch das gespaltene Parlament. Typisch war etwa die Verbesserung des ­Adoptionsrechtes. Der republikanische Mehrheitsführer Tom de Lay hatte selbst drei Adoptivkinder – Clinton nutzte das für einen gemeinsamen Entwurf, weil sie ihm zugehört hatte.

Die Knochenarbeit hinter der Kaffeetasse machte aus Clinton eine der erfolgreichsten Politikerinnen der USA. Jedenfalls, was Resultate angeht. Sie brachte etwa als First Lady ein brandneues ­Sozialwerk durchs Parlament: eine nationale Kinderversicherung. Und erreichte das nicht zuletzt, weil sie Woche für Woche am Kirchentee der Abgeordnetenfrauen teilnahm: Die Frauen überzeugten dann ihre Männer.

Das zweite Resultat ihrer Methode waren Verbündete. Es gibt wenige Mächtige, die einem zu­hören. Und denen bleibt man verbunden. 40 Jahre Zuhören brachte ihr Hunderte Loyalitäten ein: zuletzt etwa von ihrem einstigen Wahlgegner Obama, für den sie als Aussenministerin gearbeitet hatte. In der Vorwahl kämpfte seine gesamte Crew für sie.

Dies ist auch die Quelle für das Misstrauen: Ihre Reden für Goldman Sachs, ihre Freundschaft mit Wallstreet-Leuten oder politischen Finsterlingen wie Henry Kissinger führten bei Demokraten zur Frage, ob sie nicht die bessere republikanische Kandidatin sei. Ebenso wie mehrere ihrer Entscheidungen: Dass Clinton für den Irakkrieg stimmte – war das Opportunismus, rechte Politik oder schlicht das Pech, dass sie auf die falschen Experten hört?

Dazu hat Clintons Methode des Zuhörens eine ernsthafte Kehrseite: Ihre Reden klingen oft wie Presseerklärungen eines Komitees, zusammengeschnitten aus den Schlüsselsätzen der Leute, die sie sprach. Wenig klingt spontan, wenig reisst mit: Sorgfalt killt die Inspiration. Für Aussenseiter ist es schwer, vor lauter Details die grosse Linie zu sehen.

Dagegen wirkt Donald Trump mit improvisierten Reden – trotz Dutzender Lügen – auf verblüffende Weise ehrlicher. Und auf eine Art ist er das auch: Er macht aus seiner Mördergrube kein Herz.

Die absolute Leere

Trumps Problem dabei ist, wie der «New Yorker» schrieb, seine absolute Leere. Ohne nähere Kenntnis von Politik, ohne Manuskript, ohne detaillierte Ideen wird seine Aufgabe, eine Stunde mit Worten zu füllen, immer mörderischer. Kein Zufall, machte er die brutalsten Fehler, als er in den Umfragen absackte: Davor füllte er die Hälfte seiner Reden mit seinen Erfolgen bei den Polls. Als die ausblieben, füllte er die tote Zeit mit Angriffen auf das, was gerade zur Hand war: auf die Eltern eines toten Soldaten, die eigene Parteispitze oder mit der Bemerkung, dass nur der Besitzer einer Waffe eine Präsidentin Clinton stoppen könne.

Kein Wunder, setzte Trumps neues Kampagnenmanagement ihn hinter den Teleprompter: Seit er abliest, klingt er erstmals versöhnlich.

Clintons härtestes Problem ist das pure Gegenteil: die Fülle. Ihre Recherche endet nie. Ihr Kampagnenteam fürchtet ihre nächtlichen Mailwechsel und Telefonate in Clintons, so Klein, «weit verzweigtes Ökosystem»: Hört sie dabei ein neues Argument, wird am nächsten Morgen alles neu diskutiert. Ihre schwerste Niederlage erlitt Clinton als First Lady bei der Gesundheitsreform: Über zwei Jahre verwandelte sie das Weisse Haus in eine Universität – mit Hunderten von Experten. Das Resultat war ein 500-Seiten-Papier, das niemand mehr verstand.

Kein Zufall, dass Clintons aktuelles Problem ein E-Mail-Skandal ist. Als Aussenministerin führte sie ihre Geschäfte auch über einen privaten Server – und löschte 30'000 Mails. Die Hälfte davon, rekonstruiert vom FBI, wird nun von ihren Feinden in Portionen bis zum Wahltag veröffentlicht. Mit der Folge, dass Clinton weiter in Verdacht geraten wird. Als Aussenministerin traf sie sich zu oft mit Politikern, Bankern, Firmenchefs, die gleichzeitig auch Spender der Clinton-Stiftung waren.

Der Skandal trifft damit präzis ihre verwundbare Stelle: Beziehungspflege. «Ich bin eure Stimme», donnerte Trump bei seiner Parteitagsrede. Clinton könnte denselben Satz sagen – nur mit Betonung auf «eure» statt auf «ich». Ihr Problem ist, dass niemand genau weiss, wer bei dem «eure» dabei ist und was das «ich» bei Clinton exakt bedeutet. Das ist der Kern aller Anti-Hillary-Vorwürfe: Insiderpolitik, Korruption, Undurchschaubarkeit.

Eine Frage der Härte

Das Verblüffende am Duell Clinton - Trump ist: Beide sind alt – fast 70 –, beide unbeliebt – sehr –, aber beide trotzdem enorm zeitgemäss. Mit ihnen hat Amerika die Wahl zwischen zwei Reaktionen auf die Komplexität des 21. Jahrhunderts.

Donald Trump ist die Fleisch gewordene Kommentarkultur im Internet, ein Troll in Überlebensgrösse. Seine Antwort auf die Verwickeltheit der Welt ist Vorwärtsverteidigung: eine Flut von Meinungen. Und das Rezept für alles: Härte. Trumps politisches Programm, sofern erkennbar, ist radikale Komplexitätsreduktion, die Auflösung von Verträgen, Fakten und Fremden aller Art. Sein Versprechen ist, dass wieder gehandelt wird: durch einen Präsidenten, so stark, dass er auf Fakten keine Rücksicht mehr nimmt, sondern die Wirklichkeit schon rein durch Reden ändert.

Der Aufstieg autoritärer Führer ist eine starke Tendenz in der aktuellen Politik – aber nicht die einzige. Eine andere ist, dass der Westen nach Clintons Sieg zum ersten Mal an den wichtigsten Positionen von Frauen gesteuert werden könnte: Die Frauen Clinton, Merkel, May, Lagarde und Yellen regieren dann die USA, Deutschland, Grossbritannien, den IWF und die amerikanische Zentralbank.

So unterschiedlich diese Frauen sind, eines haben sie gemeinsam: Es sind Frauen. Und das heisst, dass sie alle einen härteren Weg hinter sich haben als Männer. Hohe Politikerinnen, wo immer sie stehen, sind fast alle harte Arbeiterinnen, erfahren im Nehmen, tief in ihren Dossiers. Anders als Männer können sie sich keine Fehler leisten.

Clintons Preis für Politik war brutal. Kaum jemals wurde ein amerikanischer Politiker so angegriffen wie sie: ohne Pause, ohne Gnade. Dass sie als First Lady eigene politische Pläne hatte, verzieh man ihr nie. Das Scheitern ihrer Gesundheits­reform war ein Herzensanliegen ihrer Gegner.

«Völlig rechtschaffend»

Egal, ob ihre Politik, ihre Frisur, ihr Ehrgeiz, ihr Mann, ihre Gesundheit, ihr Charakter – an Hillary Clinton gibt es kein unkritisiertes Fleckchen Mensch. Gegen niemand strengten die Republikaner so viele Prozesse an – mit so wenig Ergebnis. Hunderttausende Seiten Untersuchungsakten, Hunderttausende Zeitungsartikel von dem Whitewater-Immobiliendeal über Benghazi bis zu den bisher veröffentlichten E-Mails versickerten – und nirgends ein Beweis für wirklich Übles. «Es mag Sie schockieren, aber Hillary Clinton ist völlig rechtschaffen», schrieb die Ex-Chefin der «New York Times» Jill Abramson, die Dutzende Reporter auf Clinton angesetzt hatte, ohne jedes Ergebnis.

Was aber bleibt, ist der Verdacht. Und zwar, dass sie einfach eine zu raffinierte, zu gut vernetzte Lügnerin ist, um erwischt zu werden. Nicht umsonst ist der Lieblingsslogan der Trump-Anhänger: «Sperrt sie ein!» Sie hat zu viele Bühnen, zu viele Bekannte, um unschuldig zu wirken. Es ist der Preis, den Clinton für ihre Arbeitsweise zahlt, zuzuhören.

Nicht zuletzt zahlt Hillary Clinton auch, weil sie nie klein beigab. Die Sorte Härte, die alle Frauen haben, die in der Politik etwas wollen, ist Hartnäckigkeit. Sie ist die traditionelle Tugend aller Pioniere: Ohne Panzer, Geduld, Schläue und Kenntnisse hätten sie nicht überlebt.

In der Welt von heute, die durch hundertseitige Verträge geregelt wird, haben solche Politiker einen Vorteil. Zwar wäre das Durchschlagen aller Bindungen oft erfrischend – nur wären die Folgen unabsehbar. Es ist die Kunst der zeitgemässen Politik, in dem Dschungel an Verflechtungen die offenen Möglichkeiten zu finden.

Und deshalb irrt, wer Clinton nur als Trumps kleineres Übel sieht. Natürlich ist es möglich, dass ihre Präsidentschaft gelähmt wird: durch den Hass ihrer Gegner. Oder zu viele Stimmen in ihrem Ohr.

Aber das ist nicht gesagt. Hillary Clinton hat einen langen Weg hinter sich. Sie hat das Zeug zu einer grossen Präsidentin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2016, 20:28 Uhr

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