Der Hetzer und der Träumer

Die Sieger Donald Trump und Bernie Sanders verbindet der Hass auf das Establishment.

Ein Donald-Trump-Anhänger in New Hampshire. Foto: Charles Ommanney (Getty Images)

Ein Donald-Trump-Anhänger in New Hampshire. Foto: Charles Ommanney (Getty Images)

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Um halb 10 Uhr abends tritt er dann endlich auf die Bühne in Manchester, umringt von seiner Familie und bejubelt von seinen Fans. Nach Monaten der Spekulation, nach Hunderten von Fernsehinterviews und Analysen sogenannter Experten hatten am Dienstag nun endlich die Wähler das Sagen, und ihr Votum fiel eindeutig aus: Donald Trump soll der nächste ­Präsident der Vereinigten Staaten werden. Als Trump seine Kandidatur im Sommer bekannt gab, hielten das viele für einen PR-Gag, typisch Trump eben. Und als er in den Umfragen führte, sprachen sie von einem Phänomen, das verebben werde. Nun aber ist klar: Trump ist real, er wird bleiben, und er wird auch in anderen Staaten gewinnen.

«U-S-A! U-S-A!», schreien seine Anhänger auf der Wahlparty, es wird Bier getrunken und gegrölt, und das Erste, was auffällt, wenn man hier um sich blickt — sie sind alle weiss. Es ist ihre Nacht. Wen immer man fragt, warum er oder sie sich für Trump entschieden haben, erhält zwei Antworten: Trump steht für ein hartes Durchgreifen bei Immigranten. Die Menschen New Hampshires wollen tatsächlich diese Mauer, von der Trump spricht, und sie sind sich sicher, dass nur er sie bauen kann. Trump, der Immobilienzar, bringt das Land auf Vordermann, es ist das zweite Argument, nur er schaffe es, die USA wirtschaftlich nach vorne zu bringen. So hat er die Wahl gewonnen: mit der Angst vor Überfremdung und der Furcht vor dem Verlust an Bedeutung.

«Ich liebe New Hampshire!», ruft er ins Mikrofon. Neben ihm stehen seine Söhne und deren makellose Frauen. Man muss Donald Trump in Realität erleben, muss zwischen seinen Fans stehen, um zu verstehen, was hier gerade passiert. In den Fernsehdebatten der Republikaner, in denen Trump und seine Konkurrenten in jeweils 90 Sekunden auf die grossen Fragen der Zeit antworteten, wirkte er oft einfach nur banal. Es ist nicht sein Format, er ist weniger versiert als seine Konkurrenten. Nur allein, in den Hallen und Footballarenen, wo er seit Wochen auftritt, zeigt sich seine wahre Stärke.

Trump ist unterhaltend, das muss man ihm lassen, ein toller Redner. Er ist ein Fernsehprofi, einer, der alles weiss über die Kunst der Inszenierung. Er weiss, dass er seine Botschaften nur oft genug wiederholen muss, bis sie sich festkrallen und zu Gewissheiten werden. So wiederholt er auch am Abend seines Sieges, dass die wahre Arbeitslosenrate nicht bei 5 Prozent liege, wie das Obama behaupte, sondern in Wahrheit bei 42 Prozent – laut Factcheck.org eine Lüge. Trump ist schon seit Jahren ein Star in Amerika, eine Ikone der Popkultur, der schon in mehr als 60 Hip-Hop-Songs zitiert wurde und dessen Nachname zu einer Art Marke wurde in diesem Land, zum Abziehbild eines Lifestyles, von dem viele träumen, auch das erklärt einen grossen Teil seines Sieges. Trump steht für Erfolg, und davon will nun jeder sein Stück. «Ihr seid mein nächstes Projekt», sagt er ins Publikum zu seinen Anhängern – und das Erschreckende dran ist, dass sie ihm das auch noch glauben.

Sympathie für Folter

Es ist Zeit, ihn endlich als das zu bezeichnen, was er ist: ein Hetzer. Seine xenophobe Rhetorik, seine Wut, sein Spiel mit der Angst der Menschen wird nirgends so deutlich spürbar, als eingeklemmt zwischen seinen Fans, wenige Meter von seinem Podium entfernt. Regierungsbeamte, Chefdiplomaten und Staatsanwälte hält er für «so etwas von unfähig», dass er sie alle am ersten Tag durch seine Freunde ersetzen werde. «Und glaubt mir, meine Freunde sind keine netten Menschen, mit denen man zu Mittag essen möchte», sagt der Mann auf der Bühne, «aber verdammt, die wissen, was ein guter Deal ist.»

Donald Trump spricht offen davon, die Foltermethode Waterboarding wiedereinzuführen, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und fügt an, noch sehr viel Schlimmeres anzuwenden. Er sagt es so: «I would bring back a hell of a lot worse than waterboarding.» Man kann diese Sätze nicht mehr als populistisch durchgehen lassen oder als Wahlkampfrhetorik. Man darf nicht mehr abwinken, ­«typisch Trump eben», wie man das noch in seiner ersten Rede im Juli 2015 tat, als er Mexikaner als «Vergewaltiger und Kriminelle» bezeichnete. Der Aufschrei blieb deshalb aus, weil ihn niemand ernst nahm. Donald Trump aber zu ignorieren, wie das einige bis anhin taten, weil sie ihm keine Plattform bieten wollten, ist fahrlässig.

Nichts deutet darauf hin, dass er seinen Erfolg am 1. März beim Super Tuesday nicht wiederholt, wenn in 14 US-Staaten gewählt wird. Die ersten Analysen der Wählerstimmen in New Hampshire zeigen, dass Donald Trump bei allen vorne lag, ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, Arbeiter oder Uni­absolvent. Bis anhin hat man versucht, ihn in die White-Trash-Ecke zu stellen, König der Loser, aber das greift zu kurz. Die Enttäuschung und die Wut der Wähler auf das Establishment, der Hass auf Washington und Barack Obama, gehen tiefer und umfassen alle Bevölkerungsschichten. «Lasst es uns mal ganz anders versuchen», diese Vorstellung treibt sie zu Trump, und sie könnte ihn bis ins Weisse Haus spülen, bis an die Schalthebel der Macht, was ihn zum «gefährlichsten Menschen der Welt» macht, wie der «Spiegel» schrieb.

Wann immer an diesem Abend Hillary Clinton im Fernsehen gezeigt wird, beginnen die Trump-Anhänger zu pfeifen, ihre Verachtung Clinton gegenüber ist grenzenlos, weil sie alles verkörpert, wogegen sie kämpfen: die politische Elite, das Erbe Barack Obamas. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie tief der Graben wird, der das Land jetzt schon spaltet, sollte Clinton tatsächlich Präsidentin werden, wobei in diesen Stunden alles für Bernie Sanders spricht, den Occupy-Kandidaten, der die Revolution ausrief.

«Präsidentschaftswahlen handeln von der Zukunft, nicht von der Vergangenheit.» Der Satz, den sich jeder Kampagnenleiter auf die Stirn schreibt, trifft auf Sanders wie auf Trump zu, nur zu Hillary Clinton passt er nicht, die unaufhörlich mit ihren vergangenen Erfolgen prahlt, dabei stammt der Satz ausgerechnet von ihrem Ehemann Bill Clinton.

Schweigen im Studio

Was als Aussenstehender so unverständlich bleibt, ist die Tatsache, dass Trump, anders als Sanders, gar keinen Plan verkündet und dennoch Erfolg hat. Sanders spricht reale Probleme an, die wachsende Ungleichheit, die von mächtigen Unternehmen unterhöhlte amerikanische Politik. Seine Versprechen aber sind unglaubwürdig. Er will den Mindestlohn auf 15 Dollar erhöhen, bloss wie er das finanzieren will, bleibt sein Geheimnis.

Donald Trump hingegen steht für nichts. Er ist ein Opportunist, der auf seine Umfragewerte schielt und seine Anhänger verkaufen würde, wenn es ihm etwas brächte. Man kann elf Millionen illegale Einwanderer nicht einfach einpacken und zurückschicken. «Lügenpresse! Lügenpresse!», hört man sie rufen, das ist nicht nur in Dresden bei Pegida-Demonstrationen so, sondern auch auf Wahlpartys von Donald Trump. «Wer soll diesen Mann jetzt stoppen?», fragte der Moderator von CNN und blickte in die Runde der sonst so redseligen Experten. Sie alle schwiegen.

Erstellt: 10.02.2016, 22:31 Uhr

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