Vorsicht, Krise – darum fühlt sich 2018 wie 2008 an

Ein bekannter Thinktank sieht zehn Risiken, die globale Verwerfungen auslösen könnten – wie es schon die Finanzkrise getan hatte.

Sie bemühen sich um gute Beziehungen, das Konfliktpotenzial ist aber erheblich: US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping.

Sie bemühen sich um gute Beziehungen, das Konfliktpotenzial ist aber erheblich: US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping. Bild: Reuters

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«Wir stehen nicht am Rande des Dritten Weltkriegs. Doch angesichts der Vielzahl subnationaler und nicht staatlicher Akteure, die in der Lage sind, destabilisierende Handlungen vorzunehmen, ist die Welt ein gefährlicherer Ort geworden.» Das ist ein zentrales Fazit, das der renommierte US-Thinktank Eurasia Group in seinem Ausblick für 2018 zieht. Die globalen Herausforderungen in der Politik seien «beängstigend», heisst es weiter. «Die Welt ist näher an einer geopolitischen Depression als an einer Rückkehr zu früherer Stabilität.»

In den 20 Jahren seit Gründung der Eurasia Group habe das globale Umfeld viele Höhen und Tiefen erlebt, schreibt Ian Bremmer, Präsident des Thinktanks in New York, in der Einleitung der Studie. «Aber wenn wir ein Jahr für eine grosse unerwartete Krise wählen müssten – das geopolitische Pendant der Finanzkrise 2008 –, fühlt es sich wie 2018 an. Sorry.» Die Eurasia Group listet zehn Toprisiken auf. Die USA unter Präsident Donald Trump sind zwar nicht explizit als geopolitischer Risikofaktor aufgeführt, sie spielen aber bei den grössten Risiken eine wichtige Rolle. Eine Auswahl:

Chinas wachsender Einfluss

China ist bereit, das wachsende globale Machtvakuum zu füllen, nachdem der Einfluss der USA zunehmend schwindet. Trumps «America First»-Kurs mit der Abkehr vom Multilateralismus verstärkt diesen Trend. In den Bereichen Handel und Investitionen, Technologie und Werten setzt China bereits internationale Standards. «Für den Grossteil des Westens ist China kein attraktiver Ersatz für die USA. Aber für sehr viele Länder ist China eine plausible Alternative», hält die Eurasia Group fest. Dass China gewillt und fähig sei, diese Alternative anzubieten und seinen Einfluss zu vergrössern, «ist in diesem Jahr das grösste Risiko der Welt». Im bereits heiklen Verhältnis zwischen China und USA könnten zunehmende Spannungen zu politischen Verwerfungen führen – mit Folgen für ihre Volkswirtschaften und die Weltwirtschaft. Dazu kommen die territorialen Ansprüche Chinas im Südchinesischen Meer.

Fehleinschätzungen und Überreaktionen

Bestehende Konflikte können leicht eskalieren. Cyberangriffe, Nordkorea, Syrien, Russland und Terrorismus sind einige der Risiken, die zu ernsthaften Konfrontationen führen können. Dabei genügen «Unfälle»: Fehleinschätzungen und Überreaktionen von verfeindeten Staaten oder auch nichtstaatlichen Akteuren wie Hackergruppen. Ein grosses geopolitisches Risiko birgt der Atomwaffenstreit zwischen den USA und Nordkorea. «Die Gefahr eines Kriegs bleibt unwahrscheinlich», schreibt die Eurasia Group. Ein Krieg um Nordkorea sei aber noch nie so denkbar gewesen wie heute.

Kalter Krieg der Technologie

Künstliche Intelligenz, Big Data und ultraschnelle Netzwerke werden die wirtschaftlichen und politischen Systeme grundlegend verändern. «Eine neue Generation von Menschen wird rund um die Uhr am Netz sein», heisst es im Eurasia-Group-Bericht. «Das hat Folgen für unsere Gesellschaft und die Geopolitik.» Der Wettlauf um die Technologien der nächsten Generationen verschärft sich. Es ist vor allem ein Kampf zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Giganten. Wer sich durchsetzt, könnte längere Zeit wirtschaftliche und geopolitische Dominanz ausüben.

Streit um Nukleardeal mit Iran

Es ist kein Geheimnis: Für Donald Trump ist der Iran die Wurzel vieler Übel in der Welt. Nach den jüngsten Unruhen im Iran forderte der US-Präsident einen Regimewechsel in Teheran. Den Nukleardeal stellt er schon seit einiger Zeit infrage. Falls das Abkommen, das unter Barack Obama zustande gekommen war, von den USA aufgekündigt wird, könnte der Nahe Osten und die Welt in eine weitere Krise gestürzt werden. Die Eurasia Group hält fest: «Die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran werden im Jahr 2018 eine breite, geopolitische Gefahrenquelle und ein Marktrisiko sein.»

Comeback des Protektionismus

Zunahme von Populismus und Staatskapitalismus sowie erhöhte geopolitische Spannungen: Das alles begünstigt die Wiederkehr protektionistischer Politik zum Schaden des Freihandels und der zwischenstaatlichen Beziehungen. Die Barrieren betreffen sowohl die alte als auch die neue Wirtschaft. Regierungen intervenieren auch in der digitalen Wirtschaft, um sich geistiges Eigentum und neue Technologien zu sichern. «Es werden Mauern hochgezogen», schreibt die Eurasia Group. «Der Protektionsmus 2.0 könnte einen grösseren geopolitischen Schaden anrichten.»

Im Ausblick für 2018 nennt die Eurasia Group weitere Grossrisiken der internationalen Politik. Dazu gehören der Brexit Grossbritanniens und die Erosion der politischen Institutionen in Europa und anderen Teilen der Welt, wie etwa Brasilien und Südafrika. (vin)

Erstellt: 04.01.2018, 10:39 Uhr

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