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Wie das Paradies nach einem Atomkrieg

Auf der Insel Barbuda sah es einst aus wie im Garten Eden. Doch dann zog Hurrikan Irma über die Karibikinsel und verwüstete sie fast vollständig. Viele Menschen stehen vor dem Nichts.

Ein einziges Trümmerfeld: Diese Luftaufnahme zeigt das Ausmass der Zerstörung. Foto: Joel Rouse (AFP, Keystone)
Ein einziges Trümmerfeld: Diese Luftaufnahme zeigt das Ausmass der Zerstörung. Foto: Joel Rouse (AFP, Keystone)

Wo die Palmen Kokosnüsse tragen und das Wasser türkisfarben schimmert, dort liegt für viele Menschen das Paradies. Die Insel Barbuda, 160 Quadratkilometer Land zwischen Karibik und Atlantik, kommt dem sehr nahe. Allerdings nur auf Fotos, die älter sind als fünf Wochen. In der Nacht des 6. September zog der Hurrikan Irma über Barbuda hinweg. Wie es jetzt aussieht? Wie das Paradies nach einem Atomkrieg.

An einem wolkenfreien Vormittag im Oktober wagt sich Kendra Beazer (24) zum ersten Mal zurück nach Hause. Einen Tag und eine Nacht will er bleiben, «ein bisschen aufräumen», dann will er wieder zurück auf die Nachbarinsel Antigua, an der das Auge von Irma knapp vorbeigewirbelt war. Als das Boot am Steg von Codrington anlegt, der einzigen Siedlung Barbudas, wird er von Hunden umringt. Manche sehen abgemagert aus, aber es hat nicht den Anschein, als hätten sie es auf Beazers Vorräte abgesehen. «Das sind Haustiere, sie sehnen sich nach Gesellschaft.»

Barbuda ist seit mehr als einem Monat menschenleer. Am Tag nach dem Sturm wurde die gesamte Bevölkerung evakuiert, 1800 Menschen. Sie leben jetzt auf Antigua, in Notunterkünften oder bei Verwandten. Zurück blieben nur die Tiere. Sie irren herum, herrenlos in der Apokalypse.

Kurs auf Florida: Laut Prognosen bewegt sich der Hurrikan nun in Richtung Miami. (7.September 2017)
Kurs auf Florida: Laut Prognosen bewegt sich der Hurrikan nun in Richtung Miami. (7.September 2017)
AFP PHOTO / Erika SANTELICES
Ungezähmte Naturgewalten: Der Sturm schlägt an die Küste der Dominikanischen Republik. (7. September 2017)
Ungezähmte Naturgewalten: Der Sturm schlägt an die Küste der Dominikanischen Republik. (7. September 2017)
Ivan Alvarado, Reuters
Zufluchtsort in der Schule: Nach Schätzungen könnten bis zu 37 Millionen Menschen von den Auswirkungen des Sturms betroffen sein. (6. September 2017)
Zufluchtsort in der Schule: Nach Schätzungen könnten bis zu 37 Millionen Menschen von den Auswirkungen des Sturms betroffen sein. (6. September 2017)
Alvin Baez, Reuters
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An einer Strassenecke liegen Bretter und Balken. Das war einmal das Lebensmittelgeschäft. Der Haufen nebenan: die Bäckerei. Gemessen daran hat Beazer Glück gehabt. Bei ihm fehlen nur die Scheiben und ein Stück vom Dach. Er ist gekommen, um sein Elternhaus so schnell wie möglich wieder bewohnbar zu machen. Er lebt alleine hier. Seine Mutter ist schon vor Jahren nach England ausgewandert. Der Vater wohnt auf Antigua, wo es mehr Touristen und mehr Jobs gibt. Kendra Beazer ist Lokalpolitiker. Anfang des Jahres wurde er in die Ratsversammlung von Barbuda gewählt. Deshalb will er bleiben. Aus Liebe zur Heimat, aus Pflichtgefühl. Er sagt, er glaube an die Zukunft von Barbuda.

29 Seemeilen, zwei Welten

Die Zukunft? «Die Zukunft ist überall ungewiss», sagt Beazer. Wenn es aber noch eines Beweises bedurfte, dass der Klimawandel kein Problem der Zukunft ist, sondern der Gegenwart, dann steht dieser Mann jetzt mittendrin. Im Schutt, der einmal Codrington war. Barbuda liegt am nördlichen Ende der Kleinen Antillen. Jedes Jahr wüten hier Tropenstürme, aber keiner kann sich erinnern, dass sie je mit einer solchen Zerstörungskraft wie 2017 über die Inseln tobten. Wird das Paradies also bald unbewohnbar? Die Frage stellt sich jetzt überall in der Karibik. Kuba leidet, Puerto Rico liegt in Trümmern. Dominica ist ein einziges Katastrophengebiet. Wer nicht von Irma erwischt wurde, wen die Stürme José und Maria verschont haben, der ist vielleicht nächstes Jahr dran.

Kendra Beazer steht in den Trümmern seines Hauses und sagt: «Der Klimawandel bedroht die ganze Menschheit. Niemand kann davor wegrennen.» Er ist ein kräftiger Mann; er fängt an zu weinen. Es gibt auf der Insel immer noch keinen Strom, kein Wasser und vor allem: kein Aufräumkommando, keinen erkennbaren Fortschritt. Barbuda sieht auch im Oktober noch aus, als wäre Irma erst gestern durchgezogen. «Die Regierung hat die Leute abtransportiert und dann einfach alles liegen lassen», sagt Beazer. Die Regierung sitzt drüben auf Antigua. Und die Geschichte über diese Naturkatastrophe ist auch die Geschichte einer ohnehin brüchigen Nation, die vom Hurrikan und seinen Nachwehen so durcheinandergewirbelt wurde, dass sie zu zerfallen droht.

Die ehemaligen britischen Kolonien Antigua und Barbuda wurden 1981 gemeinsam in die Unabhängigkeit entlassen – gegen den Willen der Barbudaner. Sie wären lieber bei der Krone geblieben. Seither fühlen sie sich von den Antiguanern unterjocht. Zwei Inseln im Abstand von 29 Seemeilen, ringsherum unendlich viel Wasser; als Fremder denkt man: So gross können die Unterschiede eigentlich nicht sein. Tatsächlich trennen Antigua und Barbuda aber Welten.

Antigua hat 80'000 Einwohner und 45'000 Autos. Morgens und nachmittags steht die halbe Insel im Stau. Die Touristen kommen auf Kreuzfahrtschiffen, und wenn sie von Bord gehen, fallen sie praktisch ins King’s Casino hinein. Die Hafenpromenade ist eine Duty-free-Zone. Dahinter liegt des Banken- und Briefkastenfirmenviertel. Ausserhalb des Hauptortes Saint John’s wurde die Küste ringsherum mit Resorts bebaut.

Die Bewohner Barbudas dagegen leben vom Fischfang. Ein paar auch vom Tourismus. Was Barbuda besonders macht, ist sein Landrecht. Der Boden gehört allen Bewohnern. Jeder kann bauen und anbauen, wo er will. Es gibt kein Privateigentum, keine Banken, keinen Burger King.

Die Antiguaner lästern gerne: «Die da drüben sind nicht einmal versichert.» Die Barbudaner fragen dann: «Wozu? Wir helfen uns gegenseitig.» Aber jetzt fürchten sie um ihren Lebensstil. Nicht nur wegen Irma, sondern vor allem wegen der Regierung in Saint John’s.

Der erste Mensch aus Antigua, der Barbuda nach dem Sturm betrat, war Gaston Browne (50) der Premier. Er liess sich mit dem Helikopter rüberfliegen, am Nachmittag des 6. September. Zehn Stunden war die Nachbarinsel da schon von der Aussenwelt abgeschnitten. Weil Antigua glimpflich davongekommen war, ging Browne davon aus, dass abgesehen von Telefon und Internet auch auf Barbuda alles okay sein würde. Seine Pressestelle hatte bereits eine Meldung vorbereitet: «Antigua und Barbuda überstehen Hurrikan Irma ohne grössere Schäden.» Browne wollte sich aber noch vor Ort ein Bild von der Lage machen. Als sein Helikopter in Codrington aufsetzte, traute er seinen Augen nicht. Am Abend schrieben seine Presseleute eine neue Meldung: «Barbuda zu 95 Prozent zerstört.»

Mit Gewalt abtransportiert

Browne ordnete die sofortige Evakuierung an. Viele Barbudaner widersetzten sich, sie mussten zum Teil mit Gewalt abtransportiert werden. Der Premier meint, dass er dafür gute Gründe hatte: Erstens die Gefahr von Cholera, die gesamte Insel habe knöcheltief unter Wasser gestanden, und überall lagen Tierkadaver. Zweitens war mit José schon der nächste Hurrikan unterwegs.

So weit sieht Kendra Beazer das noch ein. Er fragt sich aber: «Warum durften wir nicht zurück, als José vorbei war?» Allmählich hat er den Verdacht, dass dies politisch gar nicht gewünscht ist. Die Regierung auf Antigua suche seit langem eine Gelegenheit, um Barbuda zu kommerzialisieren. «Irma ist die perfekte Gelegenheit dafür.» Die Vorwürfe sind auch zum Premier durchgedrungen. Browne sagt: «Manche Barbudaner haben mir schon zugerufen: ‹Pharaoh, let my people go!› Das ist so bescheuert, dass ich darauf nicht antworte.»

Auf Antigua und Barbuda sind sie gerade beschäftigt mit der Frage: Wie wollen wir leben? Und vielleicht ist das auch eine Strategie, um nicht verrückt zu werden in diesem kleinen Land mitten im grossen Wasser. Denn die dringendste Frage lautet ja: Wie lange können wir hier überhaupt noch leben? Ex-Banker Browne wurde 2014 Regierungschef, und man nimmt ihm ab, dass dies seinen Blick auf die Welt verändert hat. «Als Anführer dieses Landes wird man automatisch zum Kämpfer gegen den Klimawandel.»

Mitte September hielt Browne eine Rede vor der UNO, in der er daran erinnerte, dass die Nationen der Karibik gemeinsam weniger als 0,1 Prozent zum weltweiten CO2 beitragen. Er rief ins Mikrofon: «Wir sind die kleinsten Verschmutzer, aber die grössten Opfer.» Der Hauptadressat dieses Hilferufs hat vermutlich nicht zugehört, deshalb möchte Browne noch einmal betonen: «Der Bruch des US-Präsidenten mit dem Pariser Klimaabkommen ist eine der verantwortungslosesten Entscheidungen in der Geschichte der Menschheit.»

Schwere Zerstörung auf Karibikinseln. Video: Reuters

Auf Antigua und Barbuda gibt es entweder zu viel oder zu wenig Wasser. In der Hurrikan-Saison werden die Inseln regelmässig überschwemmt, dazwischen haben sie mit extremer Trockenheit zu kämpfen. Das Land hängt zu einhundert Prozent von Trinkwasser aus Entsalzungsanlagen ab. Auf den Postkarten, die in den klimatisierten Resorts verkauft werden, sind diese Industriekomplexe nicht zu sehen. Das unberührte Paradies, hier leben sie von diesem Traum. Die Wahrheit würde Touristen abschrecken: dass die Tropenfrüchte oft aus Costa Rica importiert werden. Dass sich zwischen den Entsalzungsanlagen auch zwei Raffinerien befinden, für den Treibstoff, den die Autos und die Generatoren schlucken.

Browne ist fest entschlossen, beim Klimaschutz voranzugehen. Vielleicht noch nicht auf Antigua, dem wirtschaftlichen Motor des Landes, wohl aber auf Barbuda. «Wir werden eine komplett klimaneutrale Insel wieder aufbauen», sagt er. Der Plan hat schon einen Slogan: «Let’s bring the 21st century to Barbuda». Er beinhaltet sturmsichere Gebäude, mehr Beton, weniger Holz, Solarzellen auf allen Dächern und vor allem: die Abschaffung des Landrechts. Browne hat, wie er findet, einen grosszügigen Vorschlag gemacht: «Jeder Barbudaner darf das Grundstück, das er zuletzt bewohnt hat, für einen Dollar kaufen.»

Alles wunderbar – eigentlich

Ein mieser Trick sei das, um Privateigentum einzuführen, sagt Kendra Bea­zer. Der erste Schritt zum Ausverkauf. Offenbar gibt es auch für diesen Ort noch Interessenten. Das Paradies lockt bis zum letzten Tag. Die verschworene Gemeinschaft von Barbuda hat sich bislang allen Versuchen widersetzt, ihre Insel für Investoren zu erschliessen. Was Beazer als die «Verteidigung unseres Lifestyles» bezeichnet, nennt der Premier «Rückständigkeit».

«Browne ist ein Lügner, man darf ihm kein Wort glauben», sagt George Jeffries (64) barbudanischer Fischer ohne Arbeit. Am 6. September ist sein Boot zerschellt, sein Haus hat er auch verloren. Seither lebt er im grössten Notauffanglager von Antigua, dem nationalen Cricket-Stadion. Jeffries sagt, die Bedingungen seien hier erstaunlich gut. Es gebe täglich drei warme Mahlzeiten, abends Theatervorstellungen oder Karaoke, manchmal sogar Freibier. Die Kinder von Barbuda könnten auf Antigua zur Schule gehen. Alles wunderbar.

Es ist aber nicht das, was er eigentlich will. Er sagt: «Wir alle wollen nach Hause, aber sie lassen uns nicht.» Es gibt im Moment nur eine Fährverbindung täglich, um an Bord zu kommen, braucht man eine Genehmigung. Gute Chancen haben Journalisten und Politiker. Schlechte normale Barbudaner. Jeffries schimpft: «Browne und seine Leute setzen darauf, dass möglichst viele von uns auf Antigua Wurzeln schlagen. Um weniger Gegenwehr zu haben, wenn sie sich unsere Insel unter den Nagel reissen.»

Wenn der Meeresspiegel steigt, hat sich der Streit um Barbuda erledigt. Darin sind sich beide Seiten einig. Das Zerwürfnis dreht sich darum, wie man den Countdown bis zum Untergang gestalten soll. Eine Variante ist: Verdrängung. Der Barbudaner Beazer sagt: «Vielleicht haben wir noch ein paar Jahre, vielleicht ein paar Generationen.» Die andere Variante ist: Rausholen, was geht, bevor es zu spät ist. Premier Browne will auf Barbuda eine «Klasse von Eigentümern» entwickeln. Auf die Frage, ob er selbst dazugehören möchte, kein Wort. In den Kabinen des Cricket-Stadions wird aber erzählt, seine Frau habe beim Hafen ein Stück Land geleast, das sie gerne verkaufen würde – für mehr als einen Dollar.

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