«Wir fuhren 3 Tage mit dem toten Jungen im Tiefkühler rum»

Sie hat 5000 Menschen aus dem Meer gerettet – nun drohen ihr 20 Jahre Haft: Kapitänin Pia Klemp über ihr Leben als Flüchtlingshelferin.

«Ich bin da mitnichten naiv rangegangen»: Kapitänin und Aktivistin Pia Klemp. Foto: Lisa Hoffmann

«Ich bin da mitnichten naiv rangegangen»: Kapitänin und Aktivistin Pia Klemp. Foto: Lisa Hoffmann

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Pia Klemp, 35, sitzt in einem veganen Café in ihrer Heimatstadt Bonn und erklärt, wie sie ohne festes Einkommen überlebt, als ein Mann in Jeansjacke an den Tisch tritt und sagt: «Hey Pia, du bekommst noch Geld von mir.» Er hat ein Konzert veranstaltet und will die Einnahmen Klemp und ihren Mitstreitern spenden, die sich «Iuventa 10» nennen. Denn der Kapitänin und Aktivistin, die für verschiedene zivile Seenotrettungsorganisationen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet hat, droht ein teurer Prozess: Im Sommer 2017 wurde ihr Schiff, die Iuventa, im Hafen von Lampedusa beschlagnahmt, in Italien droht ihr Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Beihilfe zur illegalen Einreise.

Frau Klemp, reden wir über Geld. Sie haben mal gesagt, dass Sie penibel auf Wellengang und Fahrtgeschwindigkeit achten, wenn Sie auf See sind, um Sprit zu sparen. Denken Sie, während Sie Flüchtlinge retten, wirklich über Finanzen nach?
Natürlich nicht in einer akuten Rettungssituation oder wenn wir wissen, dass ein Boot in Seenot ist. Aber es sind ziemlich lange Strecken, die wir zurücklegen: von Malta bis vor die Küste Libyens.

Und das ist sehr teuer?
Schifffahren geht leider in günstig nicht. Die Dieselkosten, die Instandsetzung, das technische Equipment, der Kran, die Beiboote – da kommt sehr viel zusammen. Eine zweiwöchige Mission kostet ungefähr 50'000 Euro. Obwohl die Crew ehrenamtlich fährt, ist das Geld immer knapp.

«Uns steht ein jahrelanger Schauprozess bevor.»

Wo kommt das Geld her?
Es wird alles über Spenden finanziert. Die Spendenbereitschaft ist auch da, aber dafür, was im Mittelmeer geleistet wird und eigentlich geleistet werden müsste, ist es ziemlich wenig.

Im Moment sammeln Sie für etwas anderes Spenden.
Genau. Ich bin eines von zehn ehemaligen Crewmitgliedern des zivilen Seenotrettungsschiffes Iuventa, gegen die in Italien ermittelt wird. Uns wird Beihilfe zur illegalen Einreise vorgeworfen. Darauf stehen bis zu 20 Jahre Haft und horrende Geldstrafen. Uns steht ein jahrelanger Schauprozess bevor. Allein die Anwalts- und Gerichtskosten werden sich auf über 300'000 Euro belaufen, dazu kommen Reise- und Kampagnenkosten ...

Mit wie viel rechnen Sie insgesamt?
Eine halbe Million werden wir wohl mindestens brauchen.

Davon könnten Sie zehn Missionen fahren.
Ja, und das ist sehr bitter. Wir haben nur internationales Recht befolgt, vor allem das Seerecht, wo es das alleroberste Gebot ist, Menschen aus Seenot zu retten.

Ich weigere mich zu glauben, dass man ins Gefängnis muss, weil man Menschen in Not das Leben gerettet hat.

Haben Sie Angst vor dem drohenden Prozess?
Ich habe Angst vor dem, was schon ist. Das Schlimme ist schon passiert: Die Seenotrettung wird kriminalisiert. Wir sind jetzt schon lahmgelegt. Und deshalb sterben Menschen auf dem Mittelmeer.

Sie landen womöglich im Knast.
Ich gehe nicht von einer Verurteilung aus. Und wenn wir bis nach Strassburg gehen müssen. Ich weigere mich zu glauben, dass wir in einem Europa leben, in dem man ins Gefängnis gehen muss, weil man Menschen in Not das Leben gerettet hat.

Sie haben also noch eine Resthoffnung auf die EU, die Sie so oft kritisieren.
Dafür muss sich die EU nur mal an ihre viel beschworenen Werte erinnern: die Menschenrechte, das Recht auf Leben, auf einen Asylantrag, die Pflicht von Seeleuten, Menschen aus Seenot zu retten. Auch wenn das dem diametral entgegenläuft, was Demagogen wie Salvini, Kurz und ein Heimat-Horst verbreiten.

«Jedes Menschenleben ist gleich viel wert»: Pia Klemp an einer Veranstaltung der deutschen Partei Die Linke. Video: Youtube

Ihnen wird häufig vorgeworfen, dass Sie durch die Rettungsmissionen nur noch mehr Flüchtlinge aufs Meer locken.
Es gibt wissenschaftliche Studien, die belegen, dass die Seenotrettung kein sogenannter Pull-Faktor ist. Sie war die Antwort auf die vielen Schiffbrüchigen im Mittelmeer, nicht umgekehrt. Die Menschen kommen, weil es leider so viele Fluchtursachen gibt. Und sie kommen übers Mittelmeer, weil es keine legalen Einreisewege gibt.

Aber wird es für die Schlepper nicht einfacher, wenn Sie da sind?
Denen ist das egal. Wenn die Kohle da ist, werden die Flüchtlinge in die Boote gesetzt. Ob sie ersaufen oder nicht, interessiert die Schlepper nicht.

Momentan müssen Sie sich auf Ihren Prozess vorbereiten. Wovon leben Sie?
Ich bin Vollzeit mit unserem Fall beschäftigt und finanziere mich durch Erspartes und ein Solidaritätsgehalt von Freunden, Bekannten und Unterstützern.

Vollzeitaktivistin sind Sie schon länger. Wie haben Sie da Ihren Lebensunterhalt bestritten?
Ich habe immer wieder für die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd auf Schiffen gearbeitet und dort Geld verdient. Ich bin allerdings ein genügsamer Mensch, bin immer auf See gewesen oder herumgereist. Deshalb habe ich seit zehn Jahren keinen festen Wohnsitz. Das spart Geld.

«Als Aktivist muss man abwägen zwischen politischen Anliegen und dem Bedürfnis, Wohlstand anzuhäufen.»

Wo wohnen Sie jetzt?
Ich tingel zwischen Bonn, Berlin, Hamburg und Brüssel umher und ziehe von Couch zu Couch bei Freunden und Bekannten.

Besitzen Sie etwas, das Sie mitnehmen?
Ja, meinen Rucksack, da passt alles rein, was ich besitze, abgesehen von ein paar Bücherkisten und Winterschuhen, die auf dem Dachboden meiner Familie stehen.

Sie leben ohne festes Einkommen. Haben Sie keine Angst vor Altersarmut?
Es ist nicht so einfach, daran zu glauben, dass dieses Rentensystem in 40 Jahren noch existiert. Und natürlich muss man als Aktivist sehr genau abwägen zwischen seinen politischen Anliegen und dem Bedürfnis, Wohlstand anzuhäufen. Bisher hat das politische Anliegen deutlich überwogen.

«Ich bin erschrocken, wie sich das Wertesystem verändert hat.»

Und Sie haben offenbar viel Geld für Tattoos ausgegeben.
Meine Schwester ist Tätowiererin. Das stellt zum Glück keine finanzielle Herausforderung dar.

Da sieht man viel Meer und Meeresgetier.
Das Meer ist für mich der schönste Ort.

Fällt Ihnen das auf den Missionen überhaupt noch auf?
Sehr oft, ich war zwar noch nie zum Spass auf See. Aber jeder Sonnenuntergang ist toll, wenn man Delfine begleitet oder das Wasser aussieht, als würde es kochen, weil man aus Versehen einen Thunfischschwarm aufgestöbert hat – einfach dieses Wegsein vom Lauten, vom vielen, von allem.

Die Seefahrt gilt als Männerwelt ...
Die gilt nicht nur, die ist es.

Auf eine Frau kommen gut 100 Männer. Ist Ihnen das unangenehm?
Grundsätzlich ist es mir unangenehm, dass es 2019 noch Bereiche gibt, in denen Männer bessergestellt sind als Frauen. Aber im Meeresschutz und in der zivilen Seenotrettung ist es kein Problem, als Frau in einer verantwortungsvollen Position zu sein. Die Geschlechter sind an Bord 50/50 vertreten. Das ist in der Handels- oder Marineschifffahrt sicher anders.

Wir wissen, dass unsere Brücke verwanzt war und dass es verdeckte Ermittler gab.

Als Sie vor zwei Jahren angefangen haben, Rettungsmissionen zu fahren, haben Sie geahnt, dass das mal so endet?
Ich bin da mitnichten naiv rangegangen. Wir waren aber trotzdem alle sehr überrascht, als die Iuventa in Italien beschlagnahmt und dieses Ermittlungsverfahren gegen Einzelpersonen eingeleitet wurde.

Sie wurden auch abgehört.
Aus der Beschlagnahmungsakte wissen wir, dass unsere Brücke verwanzt war und Telefone abgehört worden sind, dass es verdeckte Ermittler gab und dass mindestens vier verschiedene Behörden, darunter der italienische Geheimdienst, gegen uns ermittelt haben oder immer noch ermitteln.

Was war das für ein Gefühl, das zu erfahren?
Ein widerliches Gefühl. Wir sind 24 Stunden am Tag auf See, das ist nicht nur dein Arbeitsplatz, du lebst dort. Aber das, was da politisch passiert, finde ich erschreckender, als dass da irgendjemand mit anhört, was ich mit meinen Freunden berede. Es wird vor nichts haltgemacht, um diese Grenzen abzuschotten.

Man kann diese Schrottboote nicht steuern, man kann nicht anhalten, um jemanden wieder einzusammeln.

Sie hätten auch ein gutes Leben als Biologin führen können.
Ich fahre sehr gerne zur See, ich bin da gut drin und ich mache vor allem gerne etwas, was Sinn hat. Und das Stoppen von illegalem Walfang oder das Retten von Menschen ist für mich deutlich sinnvoller, als Labormäuschen zu sein – ohne jetzt gemein sein zu wollen.

Also haben Sie Ihren Eltern irgendwann gesagt: Mama, Papa, ich werde Kapitänin?
Ich war sowieso die ganze Zeit auf See, beim Tauchen oder bei Sea Shepherd. Dass ich Kapitänin wurde, war dann keine grosse Überraschung mehr. Ich komme aus einem sehr liebevollen, tollen Elternhaus. Obere Mittelschicht. Die fanden es natürlich schade, mich nicht mehr so nah bei sich zu haben. Aber grundsätzlich finden die das, was ich mache, gut.

Wissen Sie, wie viele Menschen Sie und Ihre Crews gerettet haben?
Bei den Einsätzen, auf denen ich dabei war, werden das ungefähr 5000 Leute gewesen sein.

Wie ist nach so einer Rettung die Stimmung an Deck?
Manchmal sind die Menschen sehr froh, aber komplett erschöpft. Das sind zum grössten Teil Leute, die eine jahrelange Flucht durch Afrika hinter sich haben und lange in libyschen Internierungslagern festsassen, viele haben Folternarben. Dann treiben sie zum Teil tagelang orientierungslos auf dem Meer. Manchmal ist die Stimmung auch herzzerreissend traurig, weil bei der Überfahrt Leute über Bord gegangen sind. Man kann diese Schrottboote nicht steuern, man kann nicht anhalten, um jemanden wieder einzusammeln.

Ich verstehe nicht, dass so viel Geld für Notre-Dame da ist und so wenig für das Retten von Leben.

Einen Zweijährigen konnten Sie nicht retten. Seinen Leichnam haben Sie in der Kühltruhe des Schiffs mitgenommen.
Wir haben ihn aus dem Wasser gezogen, das Ärzteteam hat versucht, ihn wiederzubeleben. Das hat leider nicht geklappt. Da uns die anwesenden europäischen Kriegsschiffe nicht helfen wollten und die europäischen Behörden an Land sich gesträubt haben, uns einen Hafen zuzuweisen, sind wir drei Tage lang mit diesem toten Jungen im Tiefkühler umhergefahren. Wir hatten keine anderen Möglichkeiten an Bord. Seine Mutter war dabei.

Wie verarbeiten Sie so etwas?
Ich weiss gar nicht, ob es so viel zu verarbeiten gibt.

Das müssen Sie doch irgendwie aushalten.
Das ist die Realität, ob ich dabei bin oder nicht. Diese Menschen auf der Flucht haben etwas zu verarbeiten. Diese Momente, wenn sie in Libyen zum ersten Mal diese Schrottschlauchboote sehen, mit Waffengewalt darauf gezwungen werden und völlig orientierungslos auf dem Meer rumtreiben. Die können nicht zu ihrer tollen Mittelschichtsfamilie nach Bonn fahren, sondern sitzen dann jahrelang in einem völlig überfüllten Aufnahmelager in Italien fest.

«Wenn wir aufhören würden, so viel falsch zu machen, müsste es nicht so viele Leute geben, die das wieder geradebiegen.»

Stumpft die Gesellschaft gegenüber solchen Schicksalen ab? Vor einigen Jahren ging noch das Bild dieses syrischen Jungen um die Welt ...
Alan Kurdi.

Er lag tot am Stand. Das hat jeden bewegt.
Ich bin erschrocken, wie sich das Wertesystem seitdem verändert hat. Ich möchte niemanden dafür verurteilen, dass er für Notre-Dame spendet. Aber ich verstehe nicht, dass so unendlich viel Geld für ein Bauwerk da ist und so unendlich wenig für das Retten von Leben.

Ihre Erlebnisse fliessen in die Bücher ein, die Sie schreiben. Ist das Selbstverwirklichung oder Geldverdienen?
Mit dem ersten Roman habe ich ein bisschen was verdient. Aber davon kann selbst ich nicht leben. Der zweite ist gerade fertig geworden, da wird das hoffentlich anders.

Über Ihr erstes Buch haben Sie gesagt: «Meine Figuren und ich wollen einen Blick auf eine Welt offenbaren, in der das Handeln des Einzelnen mehr bedeutet als das blosse Sammeln von Payback-Punkten.» Sind Leute, die nicht all ihre Zeit für die Moral opfern, schlechtere Menschen?
Nein. Es muss und darf auch Menschen geben, die ganz normale Sachen machen.

«Diesen räuberischen, verbrecherischen Kapitalismus will ich einfach nicht.»

Also auch Payback-Punkte sammeln?
Das fällt für mich nicht unter die Kategorie Normal. Normal ist für mich, dass Menschen Berufe wahrnehmen, die für viele von uns wichtig sind. Aber keiner muss Payback-Punkte sammeln, Nestlé-Produkte kaufen, Tierprodukte essen oder mit einem riesigen SUV durch die Stadt fahren. Wenn wir aufhören würden, so viel falsch zu machen, müsste es nicht so viele Leute geben, die das wieder geradebiegen.

Klingt nach Wut auf das etablierte Wirtschaftssystem. In Ihrem Buch überlegt eine Aktivistin, einen Manager zu entführen. Was stört Sie an grossen Konzernen?
Ich möchte keine Gesellschaft, in der jemand 50 Jahre lang putzen geht und statt Rente Hartz IV beantragen muss, während woanders Banker sitzen, die Millionen auf dem Konto liegen haben, obwohl sie zur Finanzkrise beigetragen haben. Diesen räuberischen, verbrecherischen Kapitalismus will ich einfach nicht.

Würden Sie dafür auch einen Manager entführen?
Ich glaube, das darf ich in der Zeitung nicht beantworten (lacht).

Erstellt: 15.06.2019, 21:16 Uhr

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