610 Pferde, 9 Rinder, ein UFO und ein Pokal

Im Autojahr 2014 waren nicht die neuen Kompakt-SUVs, Kleinwagen und Mittelklassemodelle prägend.

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Wo ich letzte Woche war? Nein, nicht diese Frage! Gerne gebe ich Auskunft über Trockensumpfschmierungen, variable Allradantriebe, Differenzialsperren. Aber wenn mich jemand fragt, wo ich letzte Woche war, dann mache ich ein Gesicht als wäre ich gefordert, die Wurzel von sieben geteilt durch Pi im Kopf auszurechnen. Manchmal weiss ich ja nicht einmal, wo ich jetzt gerade bin. Wenn ich morgens um drei zufällig aufwache, ist es im Hotelzimmer in Spanien genau gleich dunkel wie im Hotelzimmer in Frankreich, Deutschland, Italien oder Island.

Twingo, Macan, Mondeo und Co.

In solchen Momenten weiss ich oft auch nicht mehr, für welches Auto ich zum Presselaunch gereist bin. Im Zweifelsfall für eines mit «dynamischem Design», «innovativen Assistenzsystemen» und «bis zu 20 Prozent weniger Verbrauch», das sie ganz nach dem Digitalisierungstrend als «Smartphone auf Rädern» vermarkten. In jüngerer Zeit ist die Chance zudem hoch, dass es sich um ein winziges Auto mit grossem Individualisierungsangebot oder aber um ein grösseres Auto mit Plug-in-Hybridantrieb und winzigem Verbrauch handelt. Bei letzterem wird dann häufig «das Beste aus zwei Welten» versprochen. Was mich – wenn ich morgens um drei darüber nachdenke – nur noch mehr verwirrt. Bislang musste ich mir bloss überlegen, in welchem Land ich mich befinde. Nun aber stellt sich auch die Frage, in welcher Welt. Und darum habe ich jetzt, da von mir verlangt wird, einen ganz persönlichen Rückblick auf das gesamte vergangene Jahr zu verfassen, wieder dieses √7/π - Gesicht. Würde ich den Kalender meines Smartphones konsultieren (nein, nicht das auf Rädern), könnte ich nachlesen, dass ich 2014 so wichtige Modelle getestet habe wie den Renault Twingo in Frankreich, den Smart Fortwo in Spanien, den Porsche Macan in Deutschland, den Land Rover Discovery Sport in Island, den VW Passat in Italien oder den Ford Mondeo in Spanien. Rückblickend könnte ich zudem sagen, 2014 sei das Jahr der kleinen Smartphones auf Rädern, der dynamisch designten Kompakt- SUVs und bis zu 20 Prozent sparsameren Mittelklassewagen mit innovativen Assistenzsystemen gewesen.

Von der Steinzeit in die Zukunft

Aber das wäre so nicht richtig, zumindest nicht aus meiner persönlichen Perspektive. Denn wenn ich statt des digitalen Gedächtnisses mein mechanisch ratterndes Hirn konsultiere, dann waren da keine wichtigen Modelle, sondern – ähnlich wie in den Träumen, die ich jeweils vor und nach drei Uhr morgens habe – wirre Versatzstücke. Etwa ein Keil. Eine dunkle, mit Alcantara ausgekleidete Höhle. Archaisches Gebrüll. Das primitive Vergnügen, mit 610 wutschnaubenden Pferden im Nacken auf einer Rennstrecke in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 zu donnern. Aufgrund des trendy digitalen Cockpits und um elf Prozent gesenkten Verbrauchs weiss ich, dass dies 2014 stattfand. Gefühlsmässig war ich da aber im Paläolithikum.

In einer weiteren Szene bin ich mit einem dieser Plug-in-Hybride unterwegs. Bemerkenswerter als den winzigen Verbrauch finde ich aber die grossen Augen. Die Passanten starren, als wäre meine windschlüpfrige Karbon- Flunder ein UFO. Ich reise leise surrend ein wenig durch Raum und Zeit, bis ich schliesslich einen Parkplatz finde. Da lachen sie dann aber, als wäre ich eine Komödiantin. Die Schwenktüren brauchen zum Öffnen Platz – Platz, den ich zwischen den parkierten Autos nicht habe. Ich kann nicht aussteigen. Möchte im Erdboden versinken. Ob in der einen oder anderen Welt, ist mir egal.

In Erinnerung geblieben ist mir auch dieser flauschige Teppich. Das leise Ticken der Uhr. Das scheinbare Nichtvorhandensein jeglicher Bodenwellen, Schlaglöcher und Querfugen. Und dann erst der zarte Duft des Leders! 45 Quadratmeter Tierhäute von neun Rindern wurden dafür aufgewendet. Und eigentlich müsste ich das daneben finden, als Vegetarierin, aber ganz heimlich bin ich ja auch Hedonistin. In einem anderen Leben, auf einer anderen Welt wäre ich zudem professionelle Regelmässigkeitsprüfungs- Rennfahrerin statt Journalistin geworden. Ich rase mit 270 Sachen auf eine Rechtskurve zu, es beginnt zu regnen, aber macht nichts. Ich habe Allradantrieb, die anderen mit ihren Heckschleudern das Nachsehen. Am Schluss bin ich es, die die zehn Runden mit der geringsten Zeitabweichung voneinander absolviert hat. Als ich den grössten Pokal entgegennehme, sehen die Gesichter meiner 21 routinierten Konkurrenten so ein bisschen nach √7/π aus.

Emotionen statt Innovationen

Apropos, das Ergebnis lautet 0,8421695 – und wenn ich mich anstrenge, dann fällt mir auch wieder ein, welche Autos das waren: der Gallardo-Nachfolger Lamborghini Huracàn, der futuristische Sportwagen BMW i8, der dezent überarbeitete Rolls-Royce Ghost II sowie der Porsche 911 Turbo S, mit dem ich an der Drivers Challenge beim Porsche Sports Cup Suisse teilnehmen durfte. Vielleicht erinnere ich mich daran, weil man sich Unwichtiges oft besser merken kann als Wichtiges. Vielleicht aber auch deshalb, weil 2014 trotz der 20 Prozent sparsameren, mit innovativen Assistenzsystemen ausgestatteten Smartphones auf Rädern immer noch ein emotionales Autojahr sein durfte. Zum Glück! Wo ich besagte Autos fuhr, weiss ich allerdings nicht mehr. Es war wohl dunkel, als ich morgens um drei aufwachte.

Erstellt: 29.12.2014, 19:49 Uhr

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