Ernüchterung im Auto-Märchenland

Während sich das Wachstum in China spürbar verlangsamt, bittet Shanghai zu einer Messe fast ohne Kopien und Kuriositäten.

China-Sportler: Der Eagle Carre ist ein Mix aus Porsche Cayman und Ferrari. Fotos: Thomas Geiger

China-Sportler: Der Eagle Carre ist ein Mix aus Porsche Cayman und Ferrari. Fotos: Thomas Geiger

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Die Models sind züchtig gekleidet, der Sound hat eine erträgliche Lautstärke, und auf den Ständen geht es nicht mehr zu wie auf einem Jahrmarkt: Wer in diesem Jahr über die Motorshow in Shanghai geht, erlebt eine für chinesische Verhältnisse zivilisierte Messe – fast ohne Shows und schräge Autos. Das passt zur aktuellen Stimmungslage auf dem chinesischen Markt. Denn nachdem nun auch die Optimisten erkannt haben, dass es nicht immer mit zweistelligen Wachstumsraten nach oben gehen kann, macht sich im Auto-Märchenland Ernüchterung bemerkbar. Denn nach durchschnittlich 13 Prozent Plus in den vergangenen fünf Jahren rechnen die Experten für die nächsten fünf Jahre mit einem Schnitt von 7 Prozent. Und das Gros dieses Wachstums werde auf die chinesischen Marken entfallen, meldet Marktbeobachter Bernstein.

SUV auch in China im Trend

Warum sich die Ausländer nun plötzlich schwertun, das kann man beim Rundgang auf der Auto Shanghai gut erkennen. Zwar gibt es zu den Nobelmodellen von Mercedes, Audi oder BMW nach wie vor keine chinesische Alternative, und die Liga der Luxuslimousinen oder Supersportwagen ist ohnehin fest in europäischer Hand. Entsprechend sieht es in den Hotelvorfahrten der Stadt nicht anders aus als in London, Mailand oder Paris. Aber im Volumengeschäft holen die heimischen Hersteller mächtig auf: Egal ob Kleinwagen, Limousinen von der Kompakt- bis zur gehobenen Mittelklasse oder die bei einem Zulassungsanteil von 26 Prozent mittlerweile auch in China unverzichtbaren SUV – was man sich auf der Messe auch anschaut, das hat deutlich an Substanz gewonnen. Das Design ist modern und oft sogar dem globalen Geschmack zumutbar, die Interieurs sind lange nicht mehr so lieb- und lustlos wie früher. Und unter der Haube findet man oft einen Hybrid- oder Plugin-, wenn nicht gar einen reinen Elektroantrieb: Insgesamt wirken die Autos aus China reifer und genau wie die Messe in ihrem neuen Palast vor den Toren der Stadt ernsthafter denn je. Das Gros der ausgestellten Fahrzeuge könnte sich wenigstens auf den ersten Blick auch an der IAA in Frankfurt sehen lassen.

Europapläne auf Eis gelegt

Doch zumindest diese Sorge müssen die Hersteller aus der Alten Welt vorerst nicht haben. Der Nachholbedarf in China ist so gross und der Weg nach Westen geografisch wie technisch so weit, dass die heimischen Hersteller ihre Chancen realistischer einschätzen und ihre Expansionspläne immer bescheidener werden. Selbst Qoros, mit deutschem Design und europäischer Entwicklung, hat den Start in Europa noch einmal um mindestens zwei Jahre verschoben. Doch so richtig zum Lachen ist es den Europäern trotzdem nicht. Vielmehr wirken sie – allen voran die deutschen Hersteller – ein wenig überrascht von der neuen Ernsthaftigkeit der Chinesen. Statt die Party mit einem Premierenfeuerwerk in Gang zu bringen, haben sie nur wenig spektakuläre Neuheiten nach China geschickt. Ja, das Mercedes GLC Coupé, das im nächsten Jahr die Verfolgung des BMW X4 aufnimmt, sieht hinreissend aus. Und neue Plug-in-Hybride wie der Audi Q7, der gestreckte Audi A7 oder der BMW X5 liegen voll auf der politischen Linie der Regierung in Peking. Doch dass der Audi Prologue jetzt als Allroad quasi schon sein zweites Facelift bekommt, bevor auch nur ein Detail der Studie in Serie ist, das ist in etwa genauso einfallsreich wie das C Coupé GTE von VW. Denn so elegant der Wegweiser für den neuen Phaeton auch sein mag, ist das goldgelbe Schaustück nicht viel mehr als die Genfer Studie in XL.

Ein Kleiner ganz gross

Immerhin: Ausgerechnet Deutschlands Kleinster sorgt für ein bisschen Farbe und Freude im grauen Einerlei: Denn die schrillste Show in Shanghai gab es am Vorabend der Messe bei der Asien-Premiere des neuen Smart. Ein Wunder ist auch das nicht: Ein, zwei Jahre noch, dann ist China schliesslich für den Bonsai-Benz der wichtigste Markt. Aber bei allem Ernst: Ganz so nüchtern und sachlich, wie sich die Chinesen geben, geht es auf der Messe dann doch nicht zu. Denn zwischen all den seriösen Autos und züchtigen Hostessen gibt es noch immer Klone und Kopien, die einem zum Lachen bringen. So wie etwa der Eagle Carre, der ein Porsche Cayman mit Ferrari-Gesicht ist und sogar das Wappen des Stuttgarter Sportwagenherstellers imitiert hat.


Das Logo des Eagle Carre ist von Porsche abgekupfert.

Erstellt: 24.04.2015, 17:58 Uhr

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