Kult-Auto

Auto-Salon: Wie das 1954 war

Das Auto schwankte lange zwischen Vergötterung und Verdammung. Das zeigt ein Blick zurück in die Geschichte der Genfer Auto-Salons.

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2014 pilgern wieder einige Hunderttausend Automobil-Interessierte an den Genfer Automobil-Salon, wie sie es auch Jahrzehnte zuvor taten. Über die Jahre haben sich Ausstellungstechnik und Schwerpunkte immer wieder geändert, was uns vor allem dann auffällt, wenn wir eine Zeitreise über 60 oder 30 Jahre zurück unternehmen. Setzen wir uns also in H. G. Wells’ Zeitmaschine und lassen uns ins Jahr 1954 zurückbefördern.

Unbestrittener Glaube an die Technik

Im März 1954 ist das Vertrauen in die Technik und ihre Möglichkeiten gross. Das erste atomgetriebene Unterseeboot läuft (in den USA) vom Stapel und das erste kommerzielle Atomstromkraftwerk geht (in Russland) ans Netz. In Genf wird die europäische Organisation für Kernforschung (Cern) gegründet. Und Texas Instruments kündigt das erste Transistorradio an.

Die Welt steht im wahrsten Sinne des Wortes unter Strom. Die Autoindustrie aber kämpft immer noch mit den Nachwehen des Kriegs, fährt sorgfältig die Produktion hoch und kämpft mit dem Wachstum. Volkswagen etwa kündigt deshalb am Genfer Auto-Salon im März 1954 keine neuen Modelle an, sondern Preissenkungen und einen erhöhten Ausstoss.

Trotzdem gibt es kleine Sensationen zu vermelden. BMW stellt den ersten deutschen Nachkriegs-V8-Motor im BMW 502 vor. Mercedes zeigt den Sechszylinder-220-Ponton erstmals in der Öffentlichkeit und Chevrolet präsentiert die in Europa noch gar nicht erhältliche Corvette. Die Engländer sind mit 23 Marken vertreten. 210'000 Zuschauer, die sowohl Personen- als auch Lastwagen betrachten können, zählen die Salon-Verantwortlichen und weisen auf ein Wachstum von rund fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr hin. Für die meisten Besucher aber dürften die gezeigten Fahrzeuge unerschwinglich gewesen sein, denn bei einem Stundenlohn von 2 oder 4 Franken war selbst ein VW Käfer Standard für 5575 Franken unerreichbar. Zurück in die Zeitmaschine, ab ins Jahr 1964.

Stetige Verbesserungen, aber keine Sensationen

Im Jahr 1964 sind die ersten Autobahnabschnitte in der Schweiz bereits gebaut und anlässlich des Salons zwischen Lausanne und Genf auch schon verstopft. Selbst der Flughafen Cointrin meldet emsiges Treiben, weil offensichtlich viele Salon-Besucher per Privatflugzeug anreisen. Dabei gibt es gemäss der Tagespresse kaum Sensationen zu sehen, doch so schlimm kann es nicht gewesen sein, denn die «Automobil Revue» füllte 40 Seiten in sechs Ausgaben mit Beobachtungen und Analysen rund um den Auto-Salon.

Tatsächlich ist es kein Salon der Neuheiten, aber es werden viele Verbesserungen und Verfeinerungen gezeigt, die offensichtlich von den 411'676 Besuchern mit Interesse wahrgenommen werden. Und es sind die Exoten, die ziehen, zum Beispiel der Aguzzoli Condor Alfa Romeo, ein Sportwagen mit Kunststoffkarosserie und Alfa-Romeo-Motor vor der Hinterachse. Oder der Lotus Elan mit der italienischen Stahlkarosserie von Pietro Frua. Oder der erste Porsche mit Kunststoffhaut, der 904 GTS, der auf den Rennstrecken rund um den Globus für Erfolge sorgen wird.

Eine optische Sensation ist auch der Ferrari 500 Superfast, er ist der teuerste Zweisitzer des Salons, während der Honda S500 mit Kettenantrieb auf die Hinterräder zu den günstigen offenen Sportwagen gehört. Der VW Käfer, den es natürlich immer noch gibt, kostet übrigens inzwischen 5555 Franken in der einfachsten Ausführung, er ist zum beliebtesten Fahrzeug in der Schweiz geworden, ein echter Volkswagen halt. Genug gesehen, auf zum nächsten Jahrzehnt ...

Fahrfreude trotz Energiekrise

Die Zeiten haben sich gewandelt, die Erdölkrise von 1973 hat ihre Spuren hinterlassen. Vorbei ist die unbeschränkte Fahrt auf den Schweizer Autobahnen, vorbei das unbeschwerte Verbrennen des vorübergehend kontingentierten Treibstoffs. Dass man bereits eine Sättigung des Motorisierungsgrads erwartet, regt die Konsumenten nicht zum Autokauf an. Und dass die Diskussionen um die verbesserungswürdige Sicherheit der Autos immer lauter werden, prägt auch den Auto-Salon im Jahr 1974. Das Thema wird denn auch folgerichtig in Form einer Sonderschau bearbeitet, und dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz.

Trotz dieser düsteren Stimmung warten auf die 406'044 Salon-Besucher Weltneuheiten. Erstmals kann der von Giugiaro gezeichnete VW Scirocco vom Publikum bewundert werden. Erstmals dürfen die Schweizer Autokäufer einen Blick auf den Ford Capri der zweiten Serie mit Heckklappe werfen. Und dass auch noch Opel den Manta GT/E mit Einspritzung anbietet, zeigt, dass es auch in schweren Zeiten einen Markt für Sportcoupés gibt, wenn sie denn auch mit ein paar Vernunftargumenten aufwarten können.

Dass zu viel Vernunft allerdings nicht immer ein Erfolgsrezept ist, kann man an der Karriere des Austin Allegro ersehen, der in Genf zum ersten Mal als Exportmodell zu sehen war. Er steht fast symbolisch für den Untergang der englischen Autoindustrie, die 1974 nur noch ein Schatten dessen ist, was sie 1954 noch war. Dafür sind die Japaner stark, zeigen in Genf neue Modelle wie die 2+2-plätzige Version des Datsun 260 Z. Und mit Subaru ist ein neuer Anbieter in Genf, dem der Siegeszug noch bevorsteht.

Ach ja, den VW Käfer gibt es noch immer, er heisst nun 1200, 1300, 1303 oder 1303 S und man kann ihn bereits ab 7800 Franken kaufen, der Golf aber steht kurz vor der Lancierung. Und ob er erfolgreich war, dies sehen wir nach einer weiteren Zeitreise ins Jahr 1984.

Das Auto als Gefahr für die Umwelt

Die Angst um den Erdölnachschub ist dem wachsenden Bewusstsein für die Umweltfolgen der Massenmotorisierung gewichen. Das Waldsterben ist in aller Munde im Jahr 1984, das Tempo auf der Autobahn soll auf 100 km/h gedrosselt werden, auf Landstrassen droht Tempo 80 km/h. Die Autobahnvignette und die Schwerverkehrssteuer werden vom Volk im Februar 1984 gutgeheissen. Die Autoindustrie fährt im Gegenwind. Die Schweiz hat bezüglich Abgas- und Lärmgesetzgebung den Alleingang angetreten, was zu einer Verdünnung des Angebots und verminderter Kauflust bei den Konsumenten führt.

Keine guten Vorzeichen für die 54. Ausgabe des Auto-Salons, der wie in den beiden Vorjahren nicht mehr im Zentrum Genfs, sondern in den Palexpo-Hallen beim Flughafen stattfindet – ohne Lastwagen und ohne Bootsausstellung. Als Weltneuheit wird der Peugeot 205 GTI präsentiert, die späte Antwort aus Frankreich auf den unglaublich erfolgreichen VW Golf GTI, der den Golf erst zum richtigen Star gedeihen liess. Volkswagen ist vom Einmodell-Hersteller zu einem der wichtigsten Autobauer gewachsen, der Golf II hat den Golf I bereits beerbt.

Den Umweltproblemen versucht die Autoindustrie mit verfeinerter Technik und optimierter Aerodynamik entgegenzutreten. Toyota etwa zeigt das Konzeptfahrzeug FX-1, das mit Charakteristiken auf sich aufmerksam macht, die auch heute noch zeitgemäss sind: Der zweifarbige Wagen weist nicht nur eine überzeugend strömungsgünstige Karosserie mit einem cw-Wert von 0,25 auf, sondern brilliert auch bezüglich Technik und Bedienung mit Innovationen. So wird der V6-Motor mit 24 Ventilen durch zwei parallele Turbolader beatmet, die Steuerzeiten passen sich an den Belastungszustand an und die Zylinder lassen sich einzeln abschalten. Die Aufhängung ist hydropneumatisch gefedert, ein Sprachbefehlssystem mit 14 Funktionen erleichtert den Umgang mit dem Prototyp.

Der erste CD-Spieler fürs Auto

Zu kaufen gibt es allerdings solche Zukunftstechnologie noch nicht. Immerhin weist auch der neu präsentierte Mercedes-Benz 190 E 2.3-16 einen Vierventil-Zylinderkopf von Cosworth auf, und Fiat zeigt den 540'750 Salon-Besuchern den Argenta mit Volumex-Kompressor. Den VW Käfer aber kann man in der Schweiz offiziell nicht mehr kaufen, der billigste Volkswagen heisst jetzt Polo C 1050 und kostet 11'625 Franken. Den Golf gibt es ab 12'990 Franken, und den teuersten Santana kann man sich für 24'180 Franken vor die Garage stellen.

Weil die Autos sich immer ähnlicher sehen in der Meinung der damaligen Konsumenten, freuen sich Auto-Tuner und -Veredler eines guten Geschäfts. Sie haben die Karossiers der Fünfziger- und Sechzigerjahre ersetzt und individualisieren die Alltagsautos und Sportwagen einer immer grösser werdenden Klientel. Am Rande übrigens präsentiert der japanische Unterhaltungselektronikhersteller Panasonic einen Protoyp eines Auto-CD-Players. Die Compact Disc ist 1984 erst knapp zwei Jahre alt und hat das Auto noch nicht erobert. Erst zu Ende des Jahres tauchen die ersten käuflichen Einbaugeräte im Handel auf.

Die Zeit läuft ab, die Zeitmaschine bringt uns ins Jahr 2014 zurück, mit der Erkenntnis, dass nicht alles besser war früher, aber manches halt schon. Anders war es auf jeden Fall.

Detaillierte Berichte zu den Auto-Salons 1954, 1964, 1974 und 1984 finden sich zusammen mit Tausenden von Bildern auf www.zwischengas.com.

Erstellt: 11.03.2014, 11:25 Uhr

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