Oh Giulia!

Nach über 20-jähriger Abstinenz von Alfa Romeo könnte die neue Giulia bei einem einst eingeschworenen Alfista eine neue Liebe entfachen. Ein persönlicher Aus- und Rückblick.

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Nomen est omen. Oh Giulia, was war das für ein (Glücks-)Gefühl, als ich mich zum allerersten Mal hinters Steuer eines Alfa Romeo setzen durfte. Mein erster Alfa 1971 – eine Giulia. Silbergrau, hellbraune Ledersitze, 1,6-Liter-Doppelnockenwellenmotor, der dank zweier Flachstromvergaser fast 100 PS leistete. 98 PS genau. Und für die 175-km/h-Spitze verbürge ich mich ebenfalls, wenn ich sie denn je selbst erreicht hätte.

Kernig und knackig

Für meine Giulia wäre es bestimmt ein Leichtes gewesen, für mich eigentlich auch: Tempolimiten gab es damals noch keine. Allerdings auch keine Strassen, die mir solche Geschwindigkeiten einfach so ermöglicht hätten. Was dem Fahrspass grundsätzlich aber keinen Abbruch tat. Dazu war der Sound zu kernig, das Getriebe zu knackig. Adrenalin schoss mir allerdings auch dann ins Blut, als mir mein Garagist, der ausnahmslos im hellblauen Alfa-Übergwändli mit entsprechendem Logo in seiner Werkstatt stand, kundtat, er müsse die Zylinderkopfdichtung ersetzen und danach auch die Ventile neu einschleifen. Das alles nach rund 20'000 Kilometern. Kostenpunkt: 3000 Franken. Vor 44 Jahren.

Es war allerdings das einzige Mal, dass mich die Giulia im Stich liess. Und fortan tat das auch kein anderer Alfa mehr. Die Alfetta nicht, die mit ihrer Transaxel-Bauweise und mit ihrer damals genialen Gewichtsverteilung von 50:50 in den 70er- und 80er-Jahren so traumhaft zu fahren waren. Und auch der 164-V6-Turbo nicht, der in seiner 200 PS starken Quadrifoglio-Verde-­Version den Höhepunkt, gleichzeitig aber auch den Schlusspunkt meiner lang anhaltenden Liaison zu den «belle macchine» aus Mailand bildete.

Emotionaler Absturz

Das war 1989. Und dass es so war, dass fortan auch meine Tochter Ariane (nicht Giulia!), inzwischen 21-jährig geworden, nicht mehr für Fotoshootings auf der Motorhaube posieren mochte, lag an einer neuen Nüchternheit, die schleichend Einzug hielt. Statt Giulia, Giulietta oder Alfetta wurden die Autos fortan Alfa 75, Alfa 90, Alfa 147, Alfa 159 getauft, die Emotionen verflogen aber auch fahrdynamisch. Und das legendäre «cuore sportivo» hörte nicht nur bei mir auf zu pochen.

Das legendäre «cuore sportivo» hörte auf zu pochen.

Als die Italiener 2010 versuchten, den Niedergang zu stoppen, und eine neue Giulietta ins Rennen schickten, meinte mein inzwischen längst pensionierter Alfa-Garagist: «Ein etwas schöner verpackter Fiat, mehr nicht.» Das müssen sich auch alle Alfisti gedacht haben, die es zweifellos noch immer gibt, auch wenn sie längst Modelle von A (wie Audi) bis B (wie BMW) fahren. Im vergangenen Jahr hat der Fiat-Chrysler-Konzern gerade mal 70'000 Autos verkauft – Giuliettas und Mitos zusammengerechnet.

Milliarden für den Restart

Und jetzt? Gilt nochmals nomen est omen? Kann Alfa Romeo das Rad der Zeit tatsächlich zurückdrehen? «Ja», sagt Harald Wester, der Deutsche, zuständig für Alfa Romeo und Maserati. Er will in den nächsten drei Jahren mit den von Konzernchef Sergio Marchionne gesprochenen Milliarden acht neue Modelle auf den Markt bringen. Und die zuletzt begangenen Sünden Giulietta und Mito aus dem Programm kippen. Wester ist auch überzeugt: «Es gibt noch immer genug Alfisti, die sich von neuem wieder begeistern lassen. Und wir werden sehr viele neue gewinnen.»

Auf 400'000 Einheiten will Wester das Verkaufsvolumen bis 2018 steigern. Mit der neuen Giulia als Zugpferd, und zwar in der Topversion Quadrifoglio, wie sie als Weltpremiere an der IAA steht: 510 PS stark, 307 km/h schnell, ein roter Renner, der die Nordschleife des Nürburgrings laut Alfa in der Rekordzeit von 7:39 Minuten für serienmässige Limousinen geschafft hat. Schneller als Audi RS5, BMW M4 oder Mercedes AMG C63.

Die Giulia ist durch und durch italienisch.

Der 2,9-Liter-V6-Biturbo, der den neuen Alfa zu dieser Leistung befähigt, stammt aus der Zusammenarbeit mit Ferrari. Die Giulia ist aber auch in allen anderen Belangen durch und durch italienisch: entwickelt und gefertigt im Werk Cassino nahe Rom, perfekt geformt im Centro Stile unweit von Mailand. Versehen mit allen Genen, die es für einen echten Alfa Romeo braucht.

Oh Giulia, werden längst verflogene Träume tatsächlich noch einmal wahr? Als Quadrifoglio-Verde-Version wird die Giulia, wenn sie laut Alfa-Chef Wester «im ersten Quartal 2016» auf den Markt kommt, 87'000 Franken kosten. Wesentlich günstiger dürften die später folgenden Vierzylinder als Benziner und Diesel mit 150 bis 180 PS werden.

Erstellt: 22.09.2015, 09:44 Uhr

Video

Alfa Romeo Giulia: Der Quadrifoglio kommt im Frühjahr 2016 mit 510 PS und ab 87'000 Franken in die Schweiz. Foto: Alfa Romeo

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