«Die Schweiz spielt in einer anderen Liga»

Der deutsche Autowissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer ordnet den Schweizer Automobilmarkt ein und bewertet ihn als «sehr gut».

Der deutsche Konzern Mercedes-Benz gibt auf der bis
morgen dauernden Elektronikshow CES 2020 in Las Vegas mit dem spektakulären Vision AVTR einen Ausblick auf die nachhaltige Mobilität der Zukunft. Foto: Mercedes-Benz

Der deutsche Konzern Mercedes-Benz gibt auf der bis morgen dauernden Elektronikshow CES 2020 in Las Vegas mit dem spektakulären Vision AVTR einen Ausblick auf die nachhaltige Mobilität der Zukunft. Foto: Mercedes-Benz

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Herr Dudenhöffer, der Schweizer Markt ist 2019 um 3,9 Prozent gewachsen. Ist das im europäischen Vergleich ein gutes Resultat?
Das ist besser als Europa, aber schlechter als Deutschland. Wobei dort ein Nachholeffekt den Markt künstlich aufgeblasen hat.

Der «Autopapst» Ferdinand Dudenhöffer leitet das CAR-Center an der Universität Duisburg-Essen. Foto: zVg

Welcher Nachholeffekt?
Zum einen die Nachwirkungen durch die Umstellungen auf den neuen Prüfzyklus WLTP. Zum andern der Druck, die grossen Spritfresser auf 2019 vorzuziehen, da jetzt strengere CO2-Vorgaben gelten. Daher knickt Deutschland 2020 ein. In der Schweiz war dies nicht so stark zu spüren, also ist der Schweiz Markt stabiler.

Seit Jahren wird behauptet, die Schweiz sei für die Automobilindustrie ein wichtiger und spezieller Markt. An den Verkaufszahlen – 311'466 Fahrzeuge im Jahr 2019 – kann es nicht liegen. Woran sonst?
Die Schweiz ist ein Nischenmarkt. Nur 0,4 Prozent aller weltweit verkauften PW finden in der Schweiz ihren Käufer. Aber es gibt einige Schweizer, die sich die schönen, teuren Autos leisten. In der Schweiz lässt sich für Premiumhersteller Geld verdienen.

Trotzdem stieg der Anteil der alternativen Antriebe 2019 auf 40714 Fahrzeuge. Das ergibt einen Marktanteil von 13,1 Prozent. Ist das ein Erfolg oder eine Enttäuschung?
Das ist ein sehr gutes Resultat. Gegenüber Deutschland spielt die Schweiz in einer anderen Liga. In Deutschland hatten wir nur 6,6 Prozent Anteil bei den Alternativen. Das gilt auch für die vollelektrischen Autos. Allein der Marktanteil von Tesla ist in der Schweiz grösser als der gesamte Anteil der Elektroautos in Deutschland.

Hält der Elektroboom 2020 an?
Natürlich, aber wie hoch die Steigerung sein wird, hängt in erster Linie vom Marktstart und der Produktion des VW ID.3, den Auslieferungen beim Porsche Taycan und vom Tesla Model Y ab. Das dürfte aber alles erst in der zweiten Jahreshälfte hochlaufen, darum sind Prognosen schwierig.

Nummer 1 der Stromer ist Tesla mit 6061 Exemplaren. Mit diesem Resultat haben die Amerikaner Marken wie Alfa Romeo, Honda, Mini, Mitsubishi, Nissan oder Subaru überflügelt. Geht das so weiter?
Mit grosser Sicherheit ja. Tesla wird in fünf Jahren statt der 367'500 weltweiten Auslieferungen des vergangenen Jahres auf 800'000 oder mehr kommen. Da werden in der Schweiz noch andere traditionelle Marken überholt werden.

Warum ist Tesla so erfolgreich?
Einerseits ist der zeitliche Vorsprung, andererseits die Tatsache, dass Tesla derzeit den besten Elektroantrieb hat. Energieeffizienz vom Feinsten und andere Innovationen etwa beim Autopiloten und Softwareupdates. Das schätzen die Schweizer: Innovationen, die Freude machen und verträglich mit unserem Klima sind.

Trotzdem stammten 2019 über 40 Prozent der Neuwagen von den deutschen Marken. Wie lautet das Erfolgsrezept der deutschen Automobilindustrie?
Hochwertigkeit, perfekte Verarbeitung und eine Fahrdynamik, die auch in den Schweizer Bergen Freude macht.

Das schlechteste Resultat der deutschen Marken erzielte 2019 Opel mit einem Minus von 17,4 Prozent. Überrascht Sie das?
Nein, denn seit knapp drei Jahren gilt die Gleichung Opel = Peugeot. Der eine hat einen Löwen am Grill, der andere einen Blitz. Das ist zwar kosteneffizient, aber nicht innovativ. Nur mit besten Kosten und einem Fussballtrainer in der Werbung ist es schwer, langfristig erfolgreich zu sein. General Motors hat durch die Skalierung über Jahrzehnte die beste Kostenstruktur gehabt und ist insolvent geworden. Zudem hat die PSA Group nicht nur in der Schweiz Mühe, sondern auch im grössten und wichtigsten Markt China.

Sowohl Citroën, DS Automobiles, Peugeot als auch Renault haben 2019 weniger verkauft, der Marktanteil der Franzosen liegt bei 8,65 Prozent. Weshalb?
DS ist weltweit erfolglos. Einfach zu glauben, man verkauft jetzt einen Citroën als DS und nennt das Premium, funktioniert nicht. Es fehlt die Innovation, die der Kunde erleben möchte. Ansonsten kann er ja gleich zu Dacia gehen.

Noch schlechter sieht es bei Alfa Romeo, Fiat und Maserati aus – das Minus gegenüber 2018 liegt bei 13 Prozent. Haben sie die Zeitenwende verschlafen?
Italiener sind gut, wenn sie Ferrari heissen. Die Ingenieure dort bauen Autos, um die Formel 1 zu gewinnen. Alfa war mal eine grosse Marke, aber während der Sparjahre unter Fiat Chrysler ging leider einiges verloren.

Aber alle müssen doch sparen.
Ja, man muss auf Kosten achten, aber Kosten sind die Nebenbedingungen im Geschäft. Zielvariable ist die Emotion, also Innovation.

Positiv entwickelt haben sich 2019 dafür die asiatischen Hersteller, bei denen Lexus und Toyota zweistellig zugelegt haben. Was war deren Stärke?
Toyota hat mal mit dem Hybrid gepunktet. Eine wichtige Inno­vation, die aber jetzt verblasst. Und dann haben die Japaner vor 30 Jahren ihre Qualitäts-Offensive gespielt – ebenfalls eine sehr erfolgreiche Strategie. Das macht aber heute jeder, darum werden die nächsten zehn Jahre spannend.

Erstellt: 08.01.2020, 17:16 Uhr

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