Flüsterleiser Bote der Neuzeit trifft auf Kaliforniens Haute Voiture

Mit dem Mission E Cross Turismo will Porsche die SUV-Szene aufmischen: Der Test der Elektrostudie irritiert zunächst wegen des fehlenden Motorgeräuschs, «Power of Silence».

Der neue Mission E Cross Turismo von Porsche. Foto: PD

Der neue Mission E Cross Turismo von Porsche. Foto: PD

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Ein alter Mercedes SL, ein Ferrari California, zwei, drei Lamborghini, Bentley und Rolls-Royce in allen Farben und Formen und ein halbes Dutzend Tesla Model X oder Model S – auf dem Parkplatz des Restaurants Nobu in Malibu trifft sich die Haute Voiture von Los Angeles. Doch diesmal hat dafür niemand einen Blick. Sondern hier starrt alles auf ein Auto, das es eigentlich noch gar nicht gibt: Drei Monate nach der Premiere am Autosalon in Genf gönnt Porsche dem Mission E Cross Turismo einen Ausflug in die Wirklichkeit und schickt die Elektrostudie auf Testfahrt über den Pacific Coast Highway und durch die Hollywood Hills.

«Wir wollen herausfinden, ob und wie das Konzept bei unseren Kunden ankommen würde», sagt Baureihenleiter Stefan Weckbach über den Crossover an der Nahtstelle zwischen Kombi, Coupé und SUV, der nach der für Ende 2019 avisierten Sportlimousine zum zweiten Meilenstein auf dem Weg in die elektrische Porsche-Zukunft werden könnte. Und er will ein für alle Mal beweisen, dass es keinen Verbrennungsmotor braucht, um mit einem Porsche Spass zu haben.

Für beides gibt es kaum einen besseren Platz als das Küstengebirge rund um Los Angeles. Hier, wo es in manchen Strassenzügen mittlerweile mehr Tesla gibt als Toyota, muss man Elektromobilität zwar nicht mehr erklären. Natürlich hat das Restaurant Nobu eine ganze Reihe von Ladesäulen. Doch in einem Landstrich, in dem das Leben zwischen Bergen, Beach und Boulevard stattfindet und der derzeit einzige elektrische Geländewagen der klobige Tesla Model X ist (der Jaguar I-Pace steht in den Startlöchern), gibt es viel Bedarf für ein Lifestyle- und Freizeitauto, das eleganter ist und trotzdem einen alltagstauglichen Aktionsradius hat. Und wer einmal mit einem Akku-Auto durch den Topanga Can­yon oder über den Mulholland Drive gefahren ist, der weiss, wie segensreich das gewaltige Leistungs- und Drehmomentniveau eines Elektroautos ist.

Es dauert nur ein paar Minuten, dann fühlt man sich wie in einem 911er.

Erst recht, wenn auf der Haube ein Porsche-Wappen klebt: Zwei Motoren mit zusammen über 600 PS garantieren einen Sprint von 0 auf 100 in weniger als 3,5 Sekunden. Und wenn es hier irgendwo eine hinreichend lange Gerade gäbe in den Hollywood Hills, dann würde der Cross Turismo mehr als 250 km/h schaffen, verspricht Weckbach. Denn egal, mit was für einem Motor er angetrieben werde, ein Porsche müsse immer wie ein Porsche fahren, sagt der Entwickler, während die Studie handlich und leichtfüssig durch die Kurven fräst.

Es dauert nur ein paar Minuten, dann fühlt man sich dank der variablen Kraftverteilung zwischen den Achsen, der Allradlenkung und dem spontanen Antritt eher wie in einem 911er als im schweren Panamera – dabei misst der Prototyp fast fünf Meter und wiegt mehr als zwei Tonnen. Schliesslich steckt im Wagenboden ein Akku von rund 90 kW/h Kapazität, der auf dem Prüfstand für mehr als 500 Kilometer reichen soll und selbst bei sportlicher Fahrweise locker 300 Kilometer hergeben dürfte.

Doch so vertraut sich der Cross Turismo auch nach Porsche anfühlt, so fremd wirkt er zugleich. Denn es fehlt der Sound, der bei einem Sportwagen die halbe Miete ausmacht. «Power of Silence» nennt Baureihenleiter Weckbach diese ungewöhnliche Sinneserfahrung, die dem Beamen näher ist als dem eigentlichen Fahren und deshalb einen ganz anderen Erlebnishorizont öffnet.

Eigenes Display für Beifahrer

Stille – das ist eine Eigenschaft, die man im Cross Turismo aber nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne erleben kann. Denn sie war auch das Leitmotiv für die Gestaltung des Interieurs, bei dem nichts die Aufmerksamkeit des Fahrers ablenken soll. «Wir haben das Anzeige- und Bedienkonzept auf ein absolutes Minimum reduziert», erläutert Interface-Entwickler Gantimur Meissner. So gibts ein digitales Cockpit, in dem es ausser direkt am Lenkrad keinen einzigen analogen Schalter mehr gibt. Alles, was im Cross Turismo zu steuern und zu regeln ist, erledigt man über Sensorfelder und Touchscreens, und alles, was einem das Auto mitzuteilen hat, erscheint auf den drei Bildschirmen hinter dem Lenkrad, in der Mittelkonsole und vor dem Beifahrer, der erstmals sein eigenes Display bekommt.

Natürlich ist im Cross Turismo noch vieles Zukunftsmusik, und wie bei jeder Designstudie braucht man ein bisschen Fantasie und Vertrauen, wenn man den Beschreibungen der Entwickler folgt. Doch anders als die meisten Showcars rollt der Porsche nicht nur, sondern fährt tatsächlich. 70, 80, zwischendurch auch mal 100 km/h sind locker drin, wenn die Cops aus dem Begleittross mal ein Auge zudrücken. Und selbst wenn die Software des Bedienkonzepts noch den Demomodus in Dauerschleife abspult, wirkt die Hardware im Cockpit buchstäblich greifbar.

Müsste, könnte, würde – wenn Weckbach über die Zukunft der Studie spricht, nutzt er noch oft den Konjunktiv und berichtet sogar von einem relativ geteilten Echo auf die Studie. Denn während sie in Europa begeistert waren vom Showcar, ist der Wagen den Amerikanern «zu wenig SUV». Doch so richtig zweifeln mag man trotzdem nicht an der Serienfreigabe. Erstens, weil das Auto einfach zu gut aussieht und als Softie-SUV perfekt in die Zeit passt. Zweitens, weil Porsche mehr als ein Modell braucht, wenn die Schwaben tatsächlich bald ein Viertel ihres Absatzes mit Elektroautos bestreiten wollen.

Und drittens, weil die Schwaben in den vergangenen 20 Jahren keine Studie gezeigt haben, die danach nicht in Serie gegangen wäre.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 19:09 Uhr

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