Aussen UFO, innen Lounge

Der neue Nissan Murano ist ein Charakterkopf und hätte als Flaggschiff der Japaner durchaus auch in Europa eine Chance.

Polarisierend: Das futuristische Outfit des neuen Nissan Murano ist (vorerst) nur für den US-Markt gedacht.<br />Fotos: Nissan

Polarisierend: Das futuristische Outfit des neuen Nissan Murano ist (vorerst) nur für den US-Markt gedacht.
Fotos: Nissan

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Mars an Erde, bitte kommen! Während die Nasa gerade erst wieder in den Weltraum startet und Elon Musk von bemannten Flügen jenseits des Mondes träumt, sind die Ausserirdischen längst unter uns – und haben sogar ihren eigenen SUV mitgebracht. Das zumindest kommt einem in den Sinn, wenn man zum ersten Mal den neuen Nissan Murano sieht. Denn was die Japaner da zum Jahreswechsel für den US-Markt auf die Räder gestellt haben, ist eher UFO als Auto und lässt die Konkurrenz ganz schön alt und angestaubt aussehen. Und wir Europäer werden spätestens beim Blick auf die Preisliste blass: Das Basismodell mit Frontantrieb startet unter 30'000 Dollar, und selbst mit Allrad, schmucken 20-Zoll-Rädern und allem Luxus kann man den Preis kaum über 45'000 Dollar treiben.

Für den futuristischen Auftritt hat Designer Ken Lee den Murano erst kräftig aufgebockt und dann wieder platt geklopft wie einen Sportwagen, er hat die Scheinwerfer so scharf und zackig geschnitten wie Scherben und die Seitenfenster bis über die D-Säule gezogen. Dazu gibt es markante Powerdomes auf der Haube, über die Flanke laufen Zierleisten wie Muskelstränge, das Dach fällt nach hinten ab wie bei einem Coupé, und das breite Heck lebt von Rückleuchten im Bumerang-Styling, einer stark nach vorn geneigten Scheibe samt markantem Spoiler sowie endlos breiten Kotflügeln. Nicht schön, aber selten – und vor allem unverwechselbar.

Weniger Knöpfe, mehr Screen

Während der Murano aussen wirkt wie von einer anderen Welt und man fast reflexartig erst einmal einen Schritt zurücktritt, offenbart er beim Einsteigen ein extrem einladendes Wesen: Viel ruhiger und cleaner gezeichnet als das Exterieur, nimmt sich der Innenraum angenehm zurück, wirkt luftig, weit und hübsch aufgeräumt. Nicht umsonst haben die Entwickler die Zahl der Knöpfe zum Beispiel auf der Mittelkonsole halbiert. Stattdessen gibt es ein grosses Display, ein ordentlich beladenes Multifunktionslenkrad und vor allem einen riesigen Touchscreen samt App-Store und Onlineservices. Dazu bequeme, klimatisierte Sitze, ein beheiztes Lenkrad, viel Sicht und Licht durch eine grosszügige Verglasung und quadratmeterweise Zierkonsolen – wahlweise in hellem Holzimitat oder in poliertem Pseudoblech, die auf den ersten Blick sogar ganz ordentlich aussehen. Und fertig ist der Crossover für aufgeschlossene Familien, denen eine Limousine zu lahm oder ein Van schlicht zu spiessig und gewöhnlich ist.

Aber der Murano will nicht nur ein Auto für die erste Reihe sein. Konsequenter als manche Konkurrenten haben die Japaner auch an die Hinterbänkler gedacht. Dafür stehen nicht nur der flache Mitteltunnel und die buchstäblich überschaubare Truhe zwischen den beiden Vordersitzen, über die man sich spielend hinwegbeugen und deshalb leichter mit den Passagieren ins Gespräch kommen kann. Sondern dafür stehen auch die mit Nasa-Hilfe ermüdungsfrei konstruierten Sitze der Rückbank und viel Platz für Köpfe und Knie. Weil sich Nissan den Luxus leistet und konsequent auf die dritte Sitzbank verzichtet, hat man auf der zweiten spürbar mehr Platz, und der Kofferraumbietet trotz der schnittigen Form ein ordentliches Volumen – 1100 Liter sind schliesslich nicht schlecht.

Er spielt zwar in einer anderen Liga. Aber bei der Technik bedient sich der Murano seiner europäischen Verwandten Qashqai und X-Trail. Denn genau wie die Crossover für die Alte Welt bietet das SUV-UFO für Amerika Finessen wie LED-Scheinwerfer, Around-View-Monitor und Assistenten wie den Tempomaten mit Abstandsregelung, die Helfer für Spurführung sowie die Querverkehrskontrolle beim rückwärts Ausparken.

Realität beim Antrieb

Nur beim Antrieb gehen die Amerikaner ihren eigenen Weg. Weil ihn das europäische Downsizing suspekt ist und der 1,2-Liter-Vierzylinder aus dem Basis- Qashqai diesseits des Atlantiks allenfalls für einen Rasenmäher taugt, setzten sie wie eh und je auf einen standesgemässen V6-Motor. Der 3,5-Liter ist ebenso bekannt wie bewährt und wäre nach wie vor eine probate Kraftquelle, wenn ihn Nissan nicht konsequent mit einer stufenlosen Automatik kombinieren würde. Denn was helfen einem der seidenweichste Lauf und die harmonischste Kraftentfaltung, wenn beim Kickdown der Gummiband-Effekt einsetzt und das Getriebe den Motor zu johlenden Drehzahlorgien zwingt. Da vergeht einem die Lust an den 260 PS, und man lässt es gleich viel ruhiger angehen. Aber vielleicht ist das ja auch so gewollt. Denn nicht ohne Grund sind auch Fahrwerk und Lenkung auf gemütliches Cruisen ausgelegt. Ausserdem kann man so wohl am ehesten von den rund 20 Prozent Verbrauchsvorteil profitieren, die die Japaner durch einen guten Zentner weniger Gewicht und viel Feinschliff im Antrieb erreicht haben. Trotzdem: Unter zehn Liter kann man den Murano kaum bewegen.

Das ist auch der Haken, wenn es um die Exportaussichten des Murano geht. Zwar würde Nissan in Europa ein Flaggschiff wie der Murano gut zu Gesicht stehen. Bei 4,9 Meter Länge wäre er weit genug weg von Qashqai und X-Trail, damit bei den beiden Volumenmodellen nichts anbrennt. Und was das Setup von Fahrwerk und Lenkung angeht, liesse sich das einfach auf europäische Strassen anpassen. Doch ohne Diesel oder Hybridantrieb dürfte es das UFO in Europa schwer haben. Aber wer weiss: Wenn es der Murano vom Mars schon auf die Erde geschafft hat, dann ist der Weg von Amerika nach Europa eigentlich nur noch ein Katzensprung.

Erstellt: 30.03.2015, 18:13 Uhr

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