L wie Ansichtssache

Fiat will mit der Langversion des kultigen Cinquecento, dem neuen 500L, Kunden gewinnen. An seiner Optik scheiden sich die Geister.

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Der Fiat 500 war seit seiner Lancierung vor 55 Jahren Inbegriff des charmanten Kleinwagens schlechthin. Mit seiner lieblichen Erscheinung hatte er sich bis zum Produktionsende 1977 eine grosse Fangemeinde erobert. Als Fiat dann im Sommer 2007 den Cinquecento als Retroversion wieder auferstehen liess, glaubten viele nicht an den Erfolg, obwohl die moderne Optik durchaus ansprechend daherkam. Doch Konzern-Boss Sergio Marchionne war davon überzeugt, und seine Zuversicht zahlte sich aus: Vom neuen 500er konnten die Italiener bis heute weltweit rund 800 000 Exemplare verkaufen.

Vom iPod zu Le Corbusier

Sehr viel zum Erfolg beigetragen hat die Arbeit von Roberto Giolito. Als Chefdesigner der Neuauflage brachte er das Kunststück fertig, die 500er-DNA von der alten in die neue Generation zu transferieren. Giolito nannte sein Werk «das automobile Pendant zum iPod, schlank, simpel und benutzerfreundlich». Tatsächlich, der völlig neue Cinquecento entpuppte sich für Fiat als Glücksbringer. Der 500er wirkt cool und trendy. Und er wird besonders in neuen Fiat-Märkten wie den USA bereits als Synonym für die italienische Automarke wahrgenommen. Von diesem Hype will Fiat weiterhin profitieren und setzt dafür – marketingtechnisch durchaus schlau – das gleiche Prinzip wie Mini ein: aus einem Basisfahrzeug sollen verschiedene Modell-Derivate entstehen.

So bringt Fiat exakt fünf Jahre nach der Auferstehung der Retroversion eine Langversion, den 500L, auf den Markt. Das L soll laut Fiat-Chef Olivier François für Verschiedenes stehen: «Large drückt die neue Grösse aus, light steht für jene Leichtigkeit, die das Leben komfortabler gestaltet und vereinfacht, und L für Loft ist eine zeitgenössische Dimension, die offen, hell und funktional ist.» Wie es sich für Italiener gehört, hält sich auch der für das L-Design zuständige Roberto Giolito bei der Präsentation nicht mit blumigen Worten zurück: «Die Architektur des 500L weist auf die Grundsätze von Le Corbisier hin und versprüht mit ihren weichen Formen natürlichen Charme.»

«Auto mit eigener Persönlichkeit»

Bei so viel Lobpreisung wird der Blick auf das Produkt schnell einmal verklärt. Deshalb wenden wir uns rasch dem Fiat 500L zu – und sind im ersten Moment verblüfft. Steht man frontal davor, blickt man in das bekannte 500er-Gesicht mit seinen freundlich blinzelnden Kugelaugen-Scheinwerfern. Wäre da nicht der Höhenzuwachs von knapp 18 Zentimetern, der Laie würde kaum einen Unterschied feststellen. Der wird erst bei der Seiten- und Heckansicht deutlich. Und wie: Verschwunden sind die beiden Türen und der knackige Hintern, mit dem der kleine Cinquecento so keck durch den Verkehr kurvt. An ihrer Stelle hat es beim 60 Zentimeter längeren 500L nun vier Türen und ein steil abfallendes Heck. Ist das noch ein 500er, fragt man sich unweigerlich, oder schon ein Minivan? Das ist, wie immer in solchen Fällen, Ansichtssache.

«Gewöhnungsbedürftig», lautet der Tenor zur neuen Optik. Die zwar gefällig ist, aber den Ur-500er nur noch erahnen lässt. «Ich wollte den Cinquecento nicht nur vergrössern», erklärt Giolito, «sondern ein Auto mit eigener Persönlichkeit gestalten.» Die findet man im 500L besonders im Wageninnern oder erfährt sie auf der Strasse. Dank dem um gut 30 Zentimeter verlängerten Radstand und kurzen Überhängen ist der nun 4,15 Meter lange Italo überaus geräumig und im Stadtverkehr dank hoher Sitzposition auf allen fünf Plätzen trotzdem übersichtlich. Selbst Gegenstände bis 2,4 Meter Länge lassen sich dank multifunktional verstellbaren Sitzen transportieren. Und die vom 500er bekannte, unruhige Fahrbahnrückmeldung gehört mit dem langen Radstand auch der Vergangenheit an.

Dem nicht genug, wird die 500LPreisliste in der Schweiz schon unter 20 000 Franken beginnen. Ab Oktober soll er Konkurrenten wie dem Ford B-Max oder dem Citroën C3 Picasso einheitzen. Und weil der Name Cinquecento derzeit bei der Käuferschaft so hoch im Kurs steht, werden im kommenden Jahr vom 500L gleich noch eine Offroad-Version mit Traktionskontrolle und ein 7-Plätzer nachgeschoben. Ob die noch den Namen Fiat 500 verdient haben? Auch das wird reine Ansichtssache sein.

Thomas Borowski fuhr den neuen 500L am 5./6. Juli auf Einladung der Fiat Group Automobiles Switzerland in Italien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2012, 23:13 Uhr

Fiat 500L

Kategorie: 5-türiger Kompaktwagen
mit 5 Plätzen.

Masse: Länge 4147 mm, Breite 1784 mm, Höhe 1665 mm, Radstand 2612 mm.
Kofferraum: 343 bis maximal 1310 Liter.
Motor: 2 Benzinmotoren mit 95 und 105 PS (70/77 kW) und ein Diesel mit 85 PS (62 kW).
Fahrleistungen: Spurt von 0 bis 100 km/h in 12,3 bis 14,9 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit von 165 bis 180 km/h.
Verbrauch: Von 4,2 bis 6,4 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe).
CO2-Ausstoss: 110 bis 145 Gramm/Kilometer.
Markteinführung: Oktober 2012.
Preis: Einstiegspreis unter 20 000 Franken.
Infos: www.fiat.ch

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