Der Traum vom billigsten Auto ist geplatzt

Der Tata Nano hätte zum «Volksauto» werden sollen. Jetzt wird die Produktion eingestellt.

Bye, bye Volksauto: Nur zehn Jahre nach der Vorstellung wird die Produktion des Tata Nano eingestellt. Video: AFP

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Er betrat die Weltbühne mit einem Riesenbrimborium. Nun trat er wieder ab – still und leise. Der Tata Nano fand bei seiner Lancierung 2008 so viel Aufmerksamkeit, wie sie kaum einem Modell in den letzten Jahrzehnten widerfahren ist. Dieses billigste Auto der Welt wurde von der Presse gefeiert. «Ein Traum wird wahr», titelte etwa das «St. Galler Tagblatt». «Das Volksauto ist da», freute sich die «Süddeutsche Zeitung». Das Schweizer Wirtschaftsmagazin «Cash» stellte gar die These auf, dass der Nano den Tata-Anlegern mehr Geld einbringen werde als das iPad den Apple-Investoren. Nun, keine zehn Jahre nach der Markteinführung, wurde die Serienproduktion des Billigwagens wegen fehlender Nachfrage eingestellt.

Der indische Multi-Milliardär Ratan Tata wollte mit dem Nano ein Auto anbieten, das sich jeder leisten kann. «Ich beobachtete ganze Familien auf einem Motorroller. Der Vater fährt, der kleine Sohn steht vor ihm, die Frau sitzt dahinter und hält ein Baby. Da fragte ich mich, ob man nicht ein sicheres, wetterfestes und bezahlbares Transportmittel für solche Familien entwickeln könnte», erläuterte der Unternehmer bei der Nano-Premiere an der New Delhi Auto Expo im Januar 2008 seine Vision. Auch weit über die Landesgrenzen hinaus sah Tata glänzende Chancen für dieses auf das Wesentlichste beschränkte Vehikel; sogar nach Europa und in die Schweiz sollte es der Billigwagen schaffen, was aber nie zustande kam.

Preis bald verdoppelt

Eine feste Vorgabe war der Preis des Nano von maximal einem Lakh – das sind 100'000 indische Rupien, heute etwa 1420 Franken. Das erstaunte die Fachwelt, auch die Konkurrenz auf dem indischen Markt. «Wir können kein Auto für ein Lakh bauen. Unsere Ingenieure sagen, das geht nicht», sagte dazu Shinzo Nakanishi, damaliger Chef des indischen Marktführers Maruti Suzuki. Und auch Ratan Tata musste bald eingestehen, dass der Wunschpreis nicht eingehalten werden kann: «Wenn wir ein Auto bauen wollen, das die Umwelt- und Sicherheitsstandards erfüllt, werden die Kosten steigen.» Tatsächlich brachte Tata Motors nur eine Erstauflage von 100'000 Einheiten zum Preis von einem Lakh auf den Markt – die Interessenten mussten den Zuschlag dafür in einer Lotterie gewinnen. Danach verdoppelte sich der Preis beinahe.

Der Start ins Leben war holperig für den Kleinwagen. Ein in Westbengalen geplantes Werk konnte nicht gebaut werden, weil die lokale Bevölkerung zu sehr dagegen aufbegehrte – die Markteinführung musste verschoben werden. Einmal gebaut, offenbarte der Nano grosse Sicherheitsmängel: Beim NCAP-Test 2014 erzielte der Kleinwagen das verheerende Ergebnis von null Sternen. Ausserdem sorgten in Brand geratene Exemplare für negative Schlagzeilen.

Türen wie leere Getränkedosen

Ein Leckerbissen war der Nano auch sonst nicht. «Das Ambiente ist schlicht wie im Zimmer eines Etap-Hotels: billiger Kunststoff, statt eines Handschuhfachs zwei Krater im Plastik und dazu ein armseliges, zentral positioniertes Cockpit», schrieb der «Spiegel» nach einem Kurztest im Jahr 2011. «Die Türen wirken fragil wie leere Getränkedosen, und ABS, Airbags oder gar ESP sind bislang nicht erhältlich.» Der Nano bot auch sonst kaum Annehmlichkeiten: Auf eine Klimaanlage, ein Autoradio, eine Servolenkung oder auf einen zweiten Aussenspiegel wurde verzichtet – das alles wurde erst später in teureren Modellvarianten angeboten.

Im Heck arbeitete ein Zweizylindermotor mit 624 Kubikzentimeter Hubraum. Davon gab es eine Benzinversion mit 38 PS sowie einen Selbstzünder mit 28 PS, gekoppelt an ein Vierganggetriebe. Der Benziner brauchte für die Beschleunigung auf Tempo 100 gemäss Hersteller stolze 27,5 Sekunden, und gleich danach war auch schon Schluss; der Diesel beschleunigte gar nicht erst so weit. Zum Verzögern mussten dem nur 600 Kilogramm wiegenden Winzling Trommelbremsen ausreichen.

Die Ambitionen von Tata Motors, Besitzer von Jaguar Land Rover, waren dennoch enorm. Die Inder definierten erst ein Absatzziel von jährlich einer Million Nano, reduzierten es dann auf 200'000 Einheiten, doch auch davon blieb der Billigwagen weit entfernt. In seinem erfolgreichsten Jahr, 2012, wurden gerade einmal 76 747 Stück gefertigt. Andere Produkte, etwa der Maruti Suzuki 800, standen ihm als «Volksauto» stets vor der Sonne, obwohl der Nano über seinen gesamten Produktionszeitraum das billigste Auto der Welt blieb.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass im Autobau ein tiefer Preis noch nicht zum Erfolg verhilft.

2013 vermeldete das Unternehmen eine Produktionsauslastung von weniger als 20 Prozent, danach ging es weiter bergab. Im vergangenen Jahr schwankten die monatlichen Fertigungs­zahlen noch zwischen 57 und 1000 Exemplaren. Nun also hat Tata den Stecker gezogen. Die Serienproduktion des Modells, das einst so grosse Hoffnungen weckte, wurde gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg eingestellt. Der Kleinwagen soll fortan nur noch auf Einzelbestellung gefertigt werden.

Was bleibt, ist die Erinnerung an ein Fahrzeug, das als billigstes Auto der Welt in die Geschichte eingegangen ist. Und ausserdem die Erkenntnis, dass im Automobilbau ein tiefer Preis allein noch nicht zum Erfolg verhilft. An mangelnder Aufmerksamkeit scheiterte der kugelrunde Kleinwagen auf seinen winzigen 12-Zoll-Rädchen sicher nicht, denn über kein Auto berichtete die Weltpresse so bereitwillig wie über den kleinen Inder. Genützt hat es allerdings nichts – nun heisst es: Goodbye, Tata Nano.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.09.2018, 19:39 Uhr

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