Ein bisschen Spass muss trotzdem sein

Mit dem neuen Focus ST kann Ford ein wenig von seinen Problemen in Europa ablenken.

Nur ein Dachspoiler und ein Schriftzug am Heck machen äusserlich beim Focus ST auf die Sportversion aufmerksam – unter der Haube schlummern dann 190 oder 280 PS. Fotos: PD

Nur ein Dachspoiler und ein Schriftzug am Heck machen äusserlich beim Focus ST auf die Sportversion aufmerksam – unter der Haube schlummern dann 190 oder 280 PS. Fotos: PD

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«Ford – die tun was», hiess in den 90er-Jahren der Slogan von Ford in Europa. Danach warb man mit «Ford. Besser ankommen». Angekommen ist er, der Europa-Ableger des US-Autobauers. In der harten Realität: 2018 steckte man tief in der Verlustzone, für 2019 sieht es ein wenig rosiger aus. Trotzdem muss was getan werden. Und Ford tut was: Für die geplante Rückkehr in die Gewinnzone zückt Ford Europa den Rotstift – 12'000 Stellen sollen bis Ende 2020 auf dem Alten Kontinent wegfallen, zudem wird die Zahl der Standorte um 6 auf 18 reduziert. Die angepeilten Werkschliessungen sind zwar nicht neu, das Ausmass der Stellenkürzungen hingegen schon. In Europa hatte Ford zu Jahresbeginn noch 56'000 Mitarbeiter – bis Ende 2020 soll diese Zahl auf 44'000 sinken.

Auf allen Strassen zu Hause

Ein bisschen Spass darf trotzdem sein: Nach der Enthüllung des Ford Puma und der Ankündigung der Elektrostrategie soll der neue Ford Focus ST ein wenig von den aktuellen Problemen der Marke ablenken. Mit gutem Grund: Wissenschaftler haben es mit der Trieb- und Instinkttheorie schliesslich nachgewiesen, dass es sich beim Spieltrieb um ein Sozialverhalten handelt, das dem Menschen angeboren ist. In der Regel tritt es in der Kindheitsphase auf – manche Erwachsene kommen aber ihr Leben lang nicht davon los. Im Prinzip kann der Mensch also nichts dafür, wenn er sich – etwa beim Kauf des neuen Focus ST – nicht für das sparsame Vernunftsmobil entscheidet, sondern für einen Kompaktwagen, der sowohl Alltagsauto als auch Sportwagen ist. Ford – wie selbstverständlich jeder andere Hersteller leistungsstarker Autos auch – bedient mit Modellen wie dem Focus ST einen Markt, der besonders hierzulande gross ist: In der Schweiz werden so viele PS-starke Autos verkauft wie kaum in einem anderen Land Europas.

Leo Roeks weiss von all dem, und ihm kann es nur recht sein. Schliesslich ist er bei Ford oberster Chefstratege in Sachen Spieltriebbefriedigung. Als Direktor von Ford Performance Europa ist er mit seinem Team dafür verantwortlich, dass aus der vierten Focus-Generation wieder ein begehrliches Spielzeug – pardon: Auto – wurde. In seinen Augen ist das Experiment gelungen, wie er sagt: «Die grosse Vielseitigkeit des neuen Ford Focus ST, der wie Dr. Jekyll & Mr. Hyde mit zwei völlig verschiedenen Gesichtern auftreten kann, ist in seinem Segment einzigartig.» Dermassen überzeugt, lädt Leo Roeks zur ersten Ausfahrt des ST-Modells nicht auf eine Rennstrecke, sondern auf das Ford-Testgelände im belgischen Lommel.

Hier gibt es auf 100 Kilometer Strecke mehr als nur fein asphaltierte Strassen. Das Herz des Areals ist gespickt mit Strassen, die Beläge aus weltweit 25 Ländern simulieren: Angefangen beim Pariser Kopfsteinpflaster über die afrikanische Buckelpiste bis hin zu amerikanischen Highway-Schlaglöchern. Hier muss der in der Schweiz zu Preisen ab 42 200 Franken erhältliche Focus ST unter Beweis stellen, dass er sowohl Vernunft als auch Vergnügen beherrscht.

Recaro-Sportsitze sorgen für viel Seitenhalt und Komfort.

Optisch hält sich der auch als Kombi verfügbare Focus ST zurück. Ein Dachspoiler sowie der ST-Schriftzug am Heck weisen Kenner auf die Sportversion hin; der vergrösserte Kühlergrill macht an der Front dann klar: Unter der Haube stecken wahlweise ein 190-PS-Dieselmotor oder der leistungsstärkere 2,3-Liter-Turbobenziner. Der kommt auch im Kultwagen Mustang zum Einsatz, liefert im Focus ST mit 280 PS aber 10 Pferdestärken weniger. Die 420 Newtonmeter Drehmoment im ST spürt man im rund 1,5 Tonnen schweren Focus auf den ersten Metern. Dass beim Fronttriebler ein integriertes Sperrdifferenzial für die optimale Kraftverteilung sorgt, erweist sich in Kurven von Vorteil. Gut abgefedert, dringen die teils groben Schläge des Testparcours nur sanft in den Fahrgastraum durch, wo Recaro-Sportsitze für viel Seitenhalt und trotzdem für langstreckentauglichen Komfort sorgen. Insgesamt macht der Focus ST als kompakte Schrägheck-Limousine einen alltagstauglichen Eindruck.

Wählt man beim serienmässigen Fahrmodusschalter aber «Sport», passen sich die geschwindigkeitsabhängige Lenkung und die Gasannahme entsprechend an. Hat man zudem das Performance-Paket auf der Optionenliste angekreuzt, verändern die adaptiven Stossdämpfer ihre Wirkung automatisch zur jeweiligen Gangart: von angenehm dämpfend bis sportlich straff. Im wählbaren Track-Modus und mit aktivierter Launch Control beschleunigt der Focus ST in 5,7 Sekunden auf Tempo 100 und riegelt die mittlerweile nur noch beim Autoquartett wichtige Spitzengeschwindigkeit bei 250 km/h ab. Wie beim Supersportwagen Ford GT kommt dabei auch die Anti-Lag-Funktion zum Einsatz: Beim Hochschalten hält sie die Drosselklappe ein Stück weit geöffnet und sorgt so dafür, dass der Turbolader beim erneuten Beschleunigen schneller mit vollem Druck anspricht. Und dass die automatische Drehzahlanpassung beim Runterschalten mit entsprechendem Sound automatisch Zwischengas gibt, setzt der Spieltriebbefriedigung am Steuer des Focus ST das i-Tüpfelchen auf.

Thomas Borowski fuhr den Focus ST auf Einladung von Ford Schweiz im Mai in Belgien.

Erstellt: 01.07.2019, 20:41 Uhr

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