Schatz, wir müssen reden

Das erste serienmässige Elektroauto der sonst so emotionalen Marke Mini wirkt ein wenig lustlos.

Irritierende Mutlosigkeit: Die Optik des Mini SE orientiert sich am konventionellen 3-Türer, auffällig anders sind nur die gelben Zierelemente und der geschlossene Kühlergrill. Foto: PD

Irritierende Mutlosigkeit: Die Optik des Mini SE orientiert sich am konventionellen 3-Türer, auffällig anders sind nur die gelben Zierelemente und der geschlossene Kühlergrill. Foto: PD

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«Is it love?», fragte Mini 2001 in der Einführungskampagne der unter BMW-Regie entstandenen Retro-Neuauflage. Format und Preis widersprachen dem Namenssinn, und technisch versprach der Kleinwagen keine Revolution. Aber mit einem kultigen Design Begehrlichkeiten wecken, mit fröhlichen Farbkombinationen einen neuen Trend setzen und mit unvergleichlicher Agilität für jenes Fahrgefühl sorgen, das die Marketingabteilung bis heute als «Gokart-Feeling» beschreibt, das konnte dieses Auto. Ja, es war Liebe auf den ersten Blick. Und 18 Jahre, zwei Evolutionsstufen und weitere Familienmitglieder später hält diese noch immer an, auch in der Schweiz: Von Januar bis Ende Juni 2019 setzte Mini insgesamt 2387 Fahrzeuge ab – das entspricht zwar einem Minus von 22,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, sind aber beispielsweise immer noch 228 verkaufte Autos mehr als bei der Marke Subaru, die sich als Allradspezialistin betont vernünftig und betont schweizerisch gibt.

Umso irritierender, mit welcher Verspätung und Mutlosigkeit der Hersteller diese Liebe in die elektrische Zukunft hinüberretten will. Gewiss, ein Plug-in-Hybrid-Modell steht bereits im Angebot. Und um den neuen, als klassischen 3-Türer erhältlichen Stromer zu präsentieren, wurden keine Mühen gescheut: Die halbe Welt war letzte Woche zur Vorstellung in Rotterdam geladen. Die Location im urbanen Industriestil war hip. Das Catering erstklassig. Das Bühnenbild pompös. Und die Zuversicht der Redner gross (offenbar haben sich bereits 40'000 Interessenten für das Auto registriert). Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Aufregendste am Auto die asymmetrisch gestylten, mit «coolen Sneakers» verglichenen Felgen sind. Unübersehbar war ebenso, dass sich der Event weniger an Journalisten als an die zahlreichen anwesenden Influencer richtete, die ebenso an «coolen Sneakers» zu erkennen waren. Und deren Liebe zu einem erst 2019 vorgestellten Elektro-Erstling möglicherweise nicht an die Bedingung geknüpft ist, dass er in irgendeiner Weise progressiv oder zumindest anders ist.

Bestenfalls 270 Kilometer Reichweite

Um nicht in Manier der enttäuschten Liebenden unfair zu werden: Hier die nüchternen Fakten zum neuen Mini Cooper SE, der ab November vom Band läuft und ab März 2020 zu Preisen ab 39'900 Franken beim Händler steht. Die Optik orientiert sich am konventionellen 3-Türer – auffällig anders sind nur die gelben Zierelemente und der geschlossene Kühlergrill. Der vom BMW i3 bekannte E-Motor mit 135 kW (185 PS) schickt seine 270 Nm an die Vorder- statt die Hinterräder; der 0-auf-100-Sprint dauert 7,3 Sekunden. Der Lithium-Ionen-Akku mit einem Brutto-Energiegehalt von 32,6 kWh ermöglicht eine für die «urbane Mobilität» geeignete Reichweite von 235 bis 270 Kilometern und ist so tief im Unterboden platziert, dass der Laderaum wie gehabt 211 bis 731 Liter fasst. Der Strom­verbrauch beträgt nach dem aktuellen WLTP-Testzyklus 13,2 bis 15,0 kWh/100 km. Die Rekuperation (Energierückgewinnung) hat zwei Stufen – in der höchsten soll die Verzögerung so stark sein, dass man das Bremspedal nur selten braucht. Per Schnellladung ist die Batterie in 35 Minuten zu 80 Prozent geladen. Die Anzeige- und Bedienelemente im Interieur sind «modellspezifisch». Serienmässig ist etwa eine Heizung mit Wärmepumpentechnik.

Das konservative Design und die Reichweite zu kommentieren, dürfte sich erübrigen. Dazu wird es wie immer Onlineleserkommentare geben, traditionell beginnend mit «Aber mein Tesla …», oder vielleicht werden diesmal auch die eigenständiger gestalteten und reichweitenstärkeren Konkurrenten vergleich­baren Formats genannt. Erwähnenswert ist vielmehr, dass ausgerechnet Mini vor elf Jahren eine Elektroauto-Testflotte als Versuchsträger für den BMW i3 in Betrieb hatte. Während der E-Mini wieder verschwand, kam mit dem i3 2013 ein Auto auf den Markt, das tatsächlich konsequent war – nicht nur in Sachen Design, sondern auch bezüglich Leichtbau- und Recyclingmaterialien – und bis heute Emotionen schürt. «Is it love?» Das muss man freilich nicht mit Ja beantworten. Aber man kann es mit einem gewissen Hang zur Skurrilität trotzdem tun!

Neues Level von «Gokart-Feeling»

Noch ist die Liebe zum neuen Mini Cooper SE aber nicht gekündigt. Das Rendez-vous auf der Strasse steht ja noch aus, und viele Faktoren sprechen dafür, dass die Leidenschaft dann schon wieder neu entflammt: etwa das Elektroauto-typisch direkt aus dem Stand verfügbare maximale Drehmoment. Die spezielle elektronische Hilfe, die das Durchdrehen der Vorderräder verhindert. Der tiefe Fahrzeugschwerpunkt – wenngleich die Karosserie wegen der Akkus im Unterboden um rund 18 Millimeter erhöht werden musste. Und dann die noch bessere Achslastverteilung im Vergleich zum herkömmlichen Mini Cooper. All das könnte dem von der Marketingabteilung strapazierten «Gokart-Feeling» neue Relevanz verleihen. Ja, es könnte also wieder Liebe sein. Zwar erst auf den zweiten Blick, aber wie einem doch Psychologen versichern, ist man damit keineswegs schlechter für die Zukunft gerüstet.

Erstellt: 15.07.2019, 21:29 Uhr

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