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Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage

Der neue Delta entscheidet über das Schicksal der Marke Lancia. Floppt das Auto, gehen bei Lancia wohl die Lichter aus. Doch vorerst gehen sie an – mit Eleganz auf Fiat-Bravo-Basis.

Lancia Delta: Sein kommerzieller Erfolg entscheidet über das Schicksal der Traditionsmarke Lancia.
Lancia Delta: Sein kommerzieller Erfolg entscheidet über das Schicksal der Traditionsmarke Lancia.

Plus 31,5 Prozent nach vier Monaten: Von solchen Zahlen können andere Automarken in der Schweiz derzeit nur träumen. Doch was bei der italienischen Traditionsmarke Lancia auf den ersten Blick so gut aussieht, ist erst ein kleiner Hoffnungsschimmer. Denn Lancia geht es nicht nur nicht gut, sondern schlecht. Zwar legt die elegante Fiat-Tochter in diesem Jahr in Europa zu – und das nicht nur wegen der neuen Märkte –, doch das ist Wachstum auf sehr tiefem Niveau. In der Schweiz bedeutet das Plus von 31,5 Prozent, dass Lancia in den ersten vier Monaten des Jahres 263 Autos verkauft hat – also nicht einmal doppelt soviel, wie beispielsweise die Luxusmarke Maserati.

Das Ende der Durststrecke?

Kein Zufall. Denn Lancia-Fans haben harte Zeiten hinter sich: Seit der Präsentation des Minivans Musa vor mehr als vier Jahren herrschte bei der Marke, die mit Modellen wie Aurelia, Fulvia, Stratos oder Delta Autogeschichte geschrieben hat, eine beängstigende Funkstille. Brachten die Italiener mit dem Sinn fürs Feine im Jahr 2000 immerhin 2159 Autos an den Mann – in erster Linie wohl an die Frau –, so waren es im vergangenen Jahr noch 661 Fahrzeuge. Also hat Lancia pro Jahr 10 Prozent eingebüsst.

Damit soll 2008 Schluss sein. Und alle Hoffnungen ruhen dabei auf der Wiedergeburt des Lancia Delta, der bei uns am 5. September an den Start gehen soll. In Turin ist man davon überzeugt – und trägt diese Überzeugung auch gebetsmühlenartig an die Öffentlichkeit –, dass der neue Lancia Delta die Durststrecke der Marke beenden wird. Schon 2008/09 sollen in der Schweiz 1450 Delta verkauft werden.

Das Delta-Design polarisiert

Dabei zählt man bei Lancia vor allem auf das Design des Neulings. «Könnten wir je ein anderes Auto träumen?», fragte Designchef Marco Tencone am Dienstagabend im Schloss Venaria Reale vor versammelter Presse. Das ist Geschmackssache, und die schlüssige Antwort wird die Kundschaft geben. Aber Tatsache ist: Der vom Fiat Bravo abgeleitete Lancia Delta polarisiert. Man findet ihn wunderschön, oder hässlich – einen Kompromiss gibt es nicht. Und das erinnert (zu?) stark an die Lancierung des Thesis, dessen eigenwilliges Design zwar vor ein paar Jahren für viel Gesprächsstoff sorgte, aber nicht für gute Verkäufe.

Denn während die Front des Deltas der Marke endlich wieder ein sportliches und selbstbewusstes Gesicht gibt – auch dank der modischen LED-Leuchten –, wirkt das rundliche Heck mit den vertikalen Rückleuchten gewöhnungsbedürftig. Doch ein Versprechen haben die Designer so zumindest erreicht: «Ein Lancia Delta fällt sofort auf, dank seinem modernen und ausgesuchten Design, ganz im Sinne des unverwechselbaren Lancia-Stils der letzten Jahre», bekräftigt der Pressetext die Anstrengungen, um jeden Preis anders als die Konkurrenz zu sein.

Und die Konkurrenz des Delta ist gross, denn Lancia positioniert den Neuling zwischen das C- und D-Segment. Das heisst oberhalb der Golf-Klasse und zu Beginn der Mittelklasse. Der Grund für diese Positionierung liegt in erster Linie bei der Länge des Delta, der mit 4,52 Metern 30 Zentimeter länger ist als ein VW Golf. Dieses Plus spürt man im Delta in erster Linie in der zweiten Reihe, wo die in Längsrichtung verschiebbare Rücksitzbank fürstliche Verhältnisse bietet.

Auch vorne fühlt man sich wohl. Die Fauteils sind bequem, die Ergonomie ist gut, doch der von CEO Olivier Francois versprochene Luxus-Anspruch wird bei weitem nicht überall erfüllt: Die silberfarbenen Kunststoffteile im Cockpit beispielsweise wirken eher billig, und viele kleine Details erinnern daran, dass man auch im Delta eben doch in einem Auto der Golf-Klasse sitzt.

Lancia als Technik-Pionier

Dafür haben die Italiener dem neuen Hoffnungsträger jede Menge Features mit auf den Weg gegeben: Einparkautomat, variables Fahrwerk, ESP mit Berganfahrhilfe oder den Driving Advisor, ein System, das den Fahrer über einen leichten Widerstand im Lenkrad warnt, wenn der Seiten- oder Mittelstreifen ohne zu blinken überfahren wird. Apropos blinken: Vorne und hinten erhellen modische LEDLeuchten den Tag und die Nacht.

Das macht durchaus Sinn, wenn Lancia dem Anspruch seines CEOs gerecht werden will. Denn während des einstündigen, repetitiven Monologs über «das Delta des Delta» und der Differenz zu den Vorgängern und der Konkurrenz, sagte Olivier Francois: «Wir wollen wieder der Technologiepionier im Fiat-Konzern sein.»

Trotz diesem Anspruch rüsten die Italiener den Delta mit konventionellen Vierzylindermotoren mit Turbolader aus. Die Benziner leisten 150 oder 200 PS, die drei Dieselmotoren zwischen 120 und 190 PS. Bei den ersten Probefahrten überzeugte vor allem der 1.9 D-Multijet Biturbo: Die 190 PS verleihen dem Delta zwar keine Flügel, aber genügend Kraft – vor allem auch im unteren Drehzahlbereich –, um in jeder Situation souverän motorisiert zu sein. Laut Werksangaben liegt der Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometer bei minimal 4,9 oder maximal 7,0 Litern. Das entspricht einem CO2-Ausstoss von 130 bis 165 Gramm pro Kilometer.

Zum Verkaufsstart steht der Delta nur mit dem 1,4-Liter-Motor (150 PS) parat. Das Einstiegsmodell soll 32'390 Franken kosten, der 1,9-Liter-Biturbodiesel mit 190 PS folgt im Oktober ab 41'890 Franken.

Dann wird sich zeigen, ob der von Ennio Morricone extra für den neuen Delta komponierte Song «Verso Est» zum Triumphmarsch wird, oder ob die musikalische Vergangenheit des italienischen Komponisten auch die Marke Lancia einholt – denn Morricones grösster Hit war 1968 «Spiel mir das Lied vom Tod».

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