Englische Angriffslust

Aston Martins neuer Vantage ist ein auf Rennwagen getrimmter DB 11. Das Ziel, dem Konkurrenten Porsche 911er-Kunden abzujagen, wird trotzdem nicht einfach zu erreichen sein.

Weniger Aristokratie, mehr Raubtier: Der Vantage. Foto: Aston Martin

Weniger Aristokratie, mehr Raubtier: Der Vantage. Foto: Aston Martin

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Willkommen auf der dunklen Seite der Pracht: Nachdem Aston Martin die vermögenden Sportwagenfans mit dem DB 11 verführt und quasi mit Samtschuhen auf Speed gebracht hat, zeigen sich die Briten jetzt mit dem neuen Vantage von der rohen Seite und schnüren die Boxerstiefel. So, wie ihr berühmtester Kunde James Bond mal den Charmeur im Smoking und mal den knallharten Killer im Kampfanzug gibt, bedient sein Haus- und Hoflieferant nun ebenfalls die niederen Instinkte: Nicht der sinnliche Genuss im Gran Turismo, sondern die Rundenzeiten auf einer Rennstrecke stehen mit dem zum Rennwagen radikalisierten Luxusliner im Vordergrund, wenn der Vantage im Juni zu Preisen ab 173'900 Franken in den Handel kommt.

500 Kilo abgespeckt

Für diesen Betrag erhält man ein Auto, das mit dem DB 11 trotz der gemeinsamen Plattform nicht mehr viel gemein hat. «Nicht umsonst haben wir 70 Prozent der Teile ausgetauscht», sagt Simon Croft aus dem Aston-Martin-Management. Ausserdem ist der Vantage, der sich die beiden ohnehin nutzlosen Rücksitze des DB 11 schenkt, rund dreissig Zentimeter kürzer als sein grosser Bruder, hat zehn Zentimeter weniger Radstand und bringt mit seinen 1,5 Tonnen glatt fünf Zentner weniger auf die Waage.

All das verfehlt seine Wirkung nicht: Der Vantage fühlt sich in jeder Hinsicht leichter, handlicher, gieriger und giftiger an. Während der DB 11 durch die Landschaft gleitet wie ein Jumbojet über den Atlantik, fühlt man sich im Vantage wie in der Kanzel eines Kampfjets im Tiefflug und zwingt den Wagen mit dem kleinen Finger in die engsten Kehren auf die Ideallinie.

Diesen Eindruck stützen die Briten mit der extrem tiefen Sitzposition und einem Cockpit, das zwar weder ergonomisch ist, noch sonderlich gute Ausblicke bietet, das aber mit den schmalen Scheiben, dem eingebauten Tunnelblick und der Schalterformation um den hoffnungslos überladenen Mitteltunnel mächtig Eindruck schindet. Dazu passt auch das Design, bei dem die Engländer ihre aristokratische Eleganz mal beiseitelegten und sich ein Raubtier zum Vorbild nahmen: tiefer auf die Strasse gekauert als jeder andere Aston Martin vor ihm, die Leuchten zu aggressiven Schlitzen verengt, jede überflüssige Linie aus dem eng um die Technik geschnürten Blech getrieben – statt eines grossen Gleiters ist der Vantage ein Fighter.

Als erklärten Rivalen auf der Rennstrecke haben sie bei Aston Martin den Porsche 911 ausgemacht. Auf dem Papier steht der Vantage gegen ihn nicht schlecht da: Für 173'900 Franken gibt es so ein Paket bei Porsche nicht, zumal der Vantage zwar das meistverkaufte Modell der Briten sein wird, gemessen am Elfer aber trotzdem ein exklusiver Exot bleibt. In der Praxis jedoch werden sich die Briten mit dieser Kampfansage ein wenig schwertun: Der Vantage ist exklusiver und je nach persönlichem Geschmack auch eleganter, doch wirkt er weder so alltagstauglich wie der Schwabe – dafür ist er zu hart und zu spitz –, noch lässt er sich ganz so aggressiv bewegen. Für die reine Raserei ist er eben doch wieder zu kultiviert und gönnt er seiner Kundschaft zu viel Restkomfort.

Selbst der Motor klingt bei aller Power irgendwie verhalten und zugeschnürt, auch wenn das Triebwerk im Grunde über jeden Zweifel erhaben ist. Nicht umsonst kommt es von Kooperationspartner Mercedes-AMG, wo er den GT antreibt. Für Aston Martin hat AMG das 4,0-Liter-Triebwerk in Affalterbach auf 510 PS und 685 Nm kalibriert.

Der offene Volante folgt 2019

Während die wegen der ausgeglichenen Balance ins Heck gewanderte ZF-Automatik ihre Gänge mit der Präzision und dem Tempo eines Schweizer Uhrwerks wechselt und die elektronische Differenzialsperre die Kraft verteilt, schiesst der Aston davon, als gäbe es kein Morgen. Bei Vollgas ist er wegen der geänderten Übersetzung etwas langsamer als der DB 11 und schafft 314 statt 322 km/h. Dafür ist er – wie es sich für einen Renn­wagen mit Strassenzulassung gehört – der bessere Sprinter und nimmt seinem grossen Bruder drei Zehntel ab: Gerade einmal 3,6 Sekunden vergehen, bis das Coupé auf Tempo 100 ist.

Man kann im Vantage kaum lockerlassen und fährt ihn deshalb derart verbissen, dass der Genuss bisweilen ein wenig auf der Strecke bleibt. Wem das Coupé also nicht sinnlich genug ist, den bitten die Briten noch um ein bisschen Geduld: In rund einem Jahr gibt es den Vantage auch als offenen Volante – und spätestens dann geht sogar über der dunklen Seite der Pracht die Sonne auf.

Thomas Geiger fuhr den Vantage auf Einladung von Aston Martin in Portugal.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 17:49 Uhr

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Aston Martin Vantage
Zweisitziger Sportwagen

Masse: Länge 4465 mm, Breite 1942 mm, Höhe 1273 mm, Radstand 2704 mm

Gewicht: 1530 Kilogramm

Motor: 4-Liter-Twinturbo-V8 mit 510 PS und einem maximalen Drehmoment von 685 Nm

Getriebe: 8-Gang-Automatik von ZF

Fahrleistungen: 0 auf Tempo 100 in 3,6 Sekunden; Topspeed 314 km/h

Verbrauch: noch keine offiziellen Daten

Marktstart: Juni 2018

Preis: ab 173'900 Franken


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