Italienische Reformation

Ein Ferrari mit Downsizing-Motor? Das klingt nach Blasphemie! Doch fürchtet euch nicht: Der neue California T hat die heiligen Markenwerte nicht verraten.

Der neue, turbogeladene California T ist sparsamer und 70 PS stärker geworden. Abgesehen davon besticht das Klappdach-Cabrio mit Ferrari-typischer Eleganz. Fotos: Ferrari

Der neue, turbogeladene California T ist sparsamer und 70 PS stärker geworden. Abgesehen davon besticht das Klappdach-Cabrio mit Ferrari-typischer Eleganz. Fotos: Ferrari

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Gott muss ein Ferrari-Fan sein. Eigentlich hatte Petrus für diesen Tag ja Regenwetter vorgesehen, doch dann wichen die Wolken, und nun taucht die Sonne das Mittelland in ein goldenes Licht. Das faltbare Hardtop kann getrost unter dem Kofferraumdeckel verschwinden. Der Wind sich in den Haaren zu schaffen machen. Das mal dumpfe Grollen, mal furchteinflössende Brüllen des Motors ungefiltert in die Ohren dringen. Der Blick durch die Windschutzscheibe bleibt von Regentropfen unversehrt, und von schleichenden Vordermännern ebenso – sogar das «Bitte mach, dass die Strassen frei sind»-Stossgebet wurde erhört. Wer weiss, vielleicht wäre auf Anfrage sogar der Vierwaldstättersee geteilt worden. Und klar gerät man da in Versuchung, die Gebote des Strassenverkehrs zu missachten, doch dieses Auto stimmt eigentlich weniger über- als demütig. Der besonnene Fahrer weiss von der fast übernatürlichen Kraft und Präzision seines Gefährts. Er spürt sie mit jeder Regung am Gaspedal, an der Bremse und am Lenkrad. Ob der neue California T ein richtiger Ferrari ist? Gegenfrage: Ist der Papst katholisch?

Das T des Anstosses

Fast hätte man meinen können, die Italiener verrieten ihre traditionellen Werte. Der Stein des Anstosses: das neue T im Modellnamen – Hinweis auf ein Turbotriebwerk. Nicht, dass aufgeladene Motoren in der Markengeschichte neu wären – der GTO von 1984 und der ikonische, von 1987 bis 1992 gebaute F40 wurden schliesslich ebenfalls von einem Turbo befeuert –, doch erstmals geht es um Downsizing. Um eine profane Verbrauchssenkung. Allein schon beim Gedanken, dass der Hubraum um 0,4 auf knapp 3,9 Liter gesenkt wurde und der Spritbedarf gegenüber dem Vorgänger rund 15 Prozent weniger beträgt, riskieren Ferrari-Fundamentalisten 100 Jahre Fegefeuer.

Doch das neue V8-Triebwerk ist eine Offenbarung: mit 10,5 Liter Normverbrauch nicht nur enthaltsamer als der bisherige Saugmotor, sondern auch deutlich stärker. Die Leistung stieg von 490 auf 560 PS, das maximale Drehmoment gar um 50 Prozent auf üppige 755 Newtonmeter bei 4750 Umdrehungen. Von null auf hundert sprintet der California jetzt in 3,6 Sekunden und damit immerhin zwei Zehntel schneller als zuvor, bis Tempo 200 vergehen 11,2 Sekunden, und erst bei 316 km/h endet der Vortrieb.

Laut, aggressiv, aber nicht schrill

Ungläubige werden bekehrt. Wenn nicht beim Lesen dieser Leistungsdaten, dann spätestens beim Fahren des reformierten California. Aus dem Formel- 1-Triebwerk wurden die sogenannten Twin-Scroll-Turbinen mit niedrigem Trägheitsmoment entnommen. Damit konnten die Ingenieure dem Turbomotor sämtliche Dämonen austreiben: Kein verzögertes Ansprechverhalten, kein jäher Leistungsschub – der 8-Zylinder reagiert stets gleich spontan aufs Gaspedal, und das blitzschnelle Doppelkupplungsgetriebe kann die sieben Gänge lange ausdrehen. Weitere Massnahmen am Motor sorgen dafür, dass er so klingt, wie man es von einem Ferrari erwartet: laut und aggressiv, aber ohne jene schrille Note die einem auf längeren Reisen durchaus auch auf die Nerven gehen kann.

Reisen ist ohnehin ein gutes Stichwort. Wie kaum ein anderer Sportwagen aus Maranello gibt der 4,57 Meter lange 2+2-Sitzer bei Bedarf auch den frommen Gran Turismo – gnädig zu den Bandscheiben, beruhigend fürs Gemüt. Den rechten Schalter auf dem berühmten «Manettino» von der Sport- in die Comfort-Stellung gebracht, gleitet die mit komfortablen Sitzen, exzellent verarbeitetem Semianilinleder und allerhand liebevollen Details wie den vielen «Cavallino Rampante»-Symbolen ausgestattete Sonnenbank gelassen dahin; ist das Klappverdeck geschlossen, wähnt man sich wiederum in einem leisen Luxuscoupé.

Verbrauch als Ablassbrief

Unfehlbar sind sie bei Ferrari freilich nicht. Die Verbrauchswerte auf dem Papier sind bestenfalls als Ablassbrief zu verstehen – um tatsächlich sparsam unterwegs zu sein, muss der Fahrer zusätzliche Opfer auf dem Altar des Fahrspasses bringen. Das per Touchscreen bedienbare Navigationssystem ist zwar neu, reagiert aber mit erstaunlich viel Verzögerung. Das Klappdach nimmt im geöffneten Zustand nahezu ein Drittel des Kofferraumvolumens in Anspruch, zudem lässt sich das Verdeck des «T» erstaunlicherweise nur im Stand betätigen. Und abgesehen von einer Traktionskontrolle und einer Fahrdynamikregelung haben die Italiener an elektronischen Schutzengeln gespart, bloss beim Rückwärtsfahren schlägt die Elektronik Alarm: Kaum ist der R-Knopf in der Mittelkonsole gedrückt, piepst es im eleganten, in Zusammenarbeit mit Pininfarina designten Sportwagen wie in einem Lastwagen.

Ab 220634 Franken

Nicht zuletzt ist der Einstieg in die Ferrari- Welt auch in diesem Fall sündhaft teuer: Der Basispreis für den neuen California T beträgt 220 634 Franken; die Optionenliste dürfte fast so dick wie die Bibel sein. Doch das seit 2009 mehr als 10000-mal verkaufte und erfolgreichste Ferrari-Modell dürfte auch weiterhin seine Käufer finden. Sie sind trotz allem sehr zu beneiden, und Neid ist bekanntlich eine Todsünde. Gott straft sofort: Sintflutartig fällt der Regen, als er dann doch noch kommt.

Erstellt: 12.08.2014, 07:50 Uhr

Sportlich und luxuriös: Das Cockpit des Ferrari California T, der auch im geschlossenen Zustand hervorragend aussieht.

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