Mission Impossible – erfüllt

Dass BMW den faszinierenden Plug-in-Hybrid-Sportwagen i8 ausgerechnet in der Film- und Glitzermetropole Los Angeles präsentiert, ist nicht Zufall. Sondern Kalkül.

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32 Grad zeigt das Thermometer abends um 20 Uhr in den Hügeln über Malibu. Auf der Suche nach Abkühlung bleibt der BMW-Crew und den Journalisten nur der Griff zu einem der eisgekühlten Drinks an der Bar. «Unsere Villa wird von der Natur, also dem Wind, gekühlt», erzählt der Sohn eines amerikanischen Stararchitekten, in dessen Villa in diesen Tagen der BMW i8 präsentiert wird.

Soviel zur Theorie. In der Praxis bleibt die kalifornische Hitzewelle in dem puristischen Gebäude hängen, wie der schlechte Ruf an Lindsay Lohan und Charlie Sheen. Macht nichts. In diesen Tagen befinden sich 280 Journalisten aus aller Welt nicht in Los Angeles, um das Neuste in Sachen Hausklimatisierung zu erfahren, sondern um «das innovativste Fahrzeug, das je bei BMW entwickelt und gebaut worden ist», zu fahren – den i8. Laut BMW-Projektleiter Carsten Breitfeld schlicht und einfach «der Sportwagen des 21. Jahrhunderts».

Bescheidenheit, das wissen vor allem Fussballfans, steht bei erfolgreichen Marken oder Clubs aus München nie zuoberst auf der Prioritätenliste. Wenn überhaupt. Und nach dem blamablen Auftritt des «FC Hollywood» gegen Real Madrid vergangene Woche habe ich mich gefragt, ob möglicherweise auch BMW mit dem i8 Gefahr läuft, an den eigenen (zu) hohen Ansprüchen zu scheitern?

«Sportwagen der Zukunft»

Denn bereits mit dem Auftauchen der ersten Skizzen der Studie Vision Efficient Dynamics begann im Sommer 2009 der grosse PR-Rundumschlag der Münchner: An der IAA im September 2009 wurde der Concept Car von BMW als «der Sportwagen der Zukunft» gefeiert, und mit seinem Auftritt im Hollywood-Blockbuster «Mission Impossible» an der Seite von Tom Cruise als Geheimagent Ethan Hunt prägte sich das futuristische Design des Sportlers im Bewusstsein breiter Kreise ein. Die Bayern schafften es, den i8 in den Schlagzeilen zu halten, ohne (für die Öffentlichkeit erkennbar) auch nur einen Meter gefahren zu sein.

Doch nun steht er endlich da, der laut BMW «progressivste Sportwagen». Nicht mehr im Tarnlook wie im vergangenen Sommer, sondern in Silber und mit viel blau-schwarzer Schminke, den auffälligen Schmetterlingstüren – ein Sportwagen so aufgebretzelt wie die «Real Housewives of Hollywood». Das passt. Und punktet. Egal, wo wir mit dem flachen und nur 4,69 Meter langen Ökosportler rund um und in der Traumfabrik Hollywood auftauchen – der i8 sorgt für Aufregung. Bei Mann und Frau. Bei Teenager und Senior. Im lautlosen E-Modus oder im Sport-Modus mit brüllendem 3-Zylinder.

362 PS Systemleistung

3-Zylinder? Ein Sportwagen mit 3-Zylinder- Motor? Richtig! Das von BMW so oft zitierte «progressiv» bezieht sich nicht nur auf das futuristische Design des i8, sondern auch auf den Antrieb, den Plugin- Hybrid. Was in der Vergangenheit eher als Synonym für Spassbremse herhalten musste, soll beim i8 «für die neue Freude am Fahren stehen». Heisst es in München.

Logisch: Die Kombination des 231 PS starken 3-Zylinder-Twinturbo-Benziners mit einem kleinen E-Motor (20 PS) an der Hinterachse und einem zweiten Stromer mit 131 PS an der Vorderachse stellt eine Systemleistung von 362 PS und ein Drehmoment von 570 Nm zur Verfügung. Weil es die Bayern trotz den 200 zusätzlichen Kilos für den E-Antrieb geschafft haben, das Gewicht des i8 unter 1500 Kilogramm zu halten, spurtet der Plug-in-Hybrid in nur gerade 4,4 Sekunden auf Tempo 100. Damit muss sich der avantgardistische Sportler zwar keineswegs vor der Konkurrenz verstecken, aber zumindest beim Autoquartett sind das keine Trümpfe.

Dafür sticht der i8 bei den Verbrauchswerten alle aus: 2,1 Liter Benzin auf 100 Kilometer und ein CO2 von 49 Gramm pro Kilometer stehen auf dem Datenblatt. Zudem schafft der i8 laut den Berechnungen der bayrischen Ingenieure bis zu 35 Kilometer rein elektrisch.

So viel zur Theorie. In der Praxis reklamiert die Batterie (7,1 kWh) beim Cruisen durch Beverly Hills im E-Modus schon nach knapp 20 Kilometern, dass die Kraft zur Neige geht, und wechselt automatisch in den Comfort-Modus. Um den Ladevorgang zu beschleunigen, wechsle ich in den Sport-Modus, erfreue mich am tollen Sound des 3-Zylinder-Motors und staune, wie schnell die Batterie wieder genügend Power hat, um die lautlose Fahrt durch L.A. in Richtung Malibu fortzusetzen.

Faszinierendes Gesamtpaket

«Ist der i8 ein reiner Imageträger oder kann BMW damit auch Geld verdienen?», will ich beim Lunch inMalibu wissen. «Wir bauen keine Fahrzeuge, an denen wir nicht Geld verdienen», antwortet der Efficient- Dynamics-Sprecher Manfred Poschenrieder. «Das gilt auch für unsere i-Familie. Und nun wünsche ich Ihnen viel Spass bei der Fahrt durch die Hügel – dort kommen die wahren Qualitäten des i8 erst so richtig zur Geltung.»

Tatsächlich macht der BMW dank tiefem Schwerpunkt und der omnipräsenten Leistung viel mehr Spass als alle andern Plug-in-Hybriden. Nur der Porsche 918 Spyder ist noch (viel) sportlicher als der i8, aber auch um ein Vielfaches teurer. Die Fahrdynamik des BMW wird nur durch die gewöhnungsbedürftigen Bremsen oder die zu schmalen Gummis getrübt. Ansonsten macht der i8 seine Sache auch jenseits der Komfortzone gut.

Ich bin fasziniert von dem bayrischen Gesamtpaket, auch wenn deutsche Kollegen monieren, dass der i8 als «ernst zu nehmender Sportwagen» zu viele Kompromisse eingehe. Sicher, mit einem Porsche 911er oder dem BMW M4 geht es noch einen Tick schneller. Doch vielleicht macht gerade dies und der tiefere Verbrauch des i8 den Unterschied zwischen einem erstklassigen Sportwagen und «dem Sportwagen des 21. Jahrhunderts» aus.

Und wenn ein 911er oder ein M4 nach dem Sportausflug nach Beverly Hills zum Dinner fährt, ist es ein ganz gewöhnliches Auto. Ein Sportauto, wie sie am Rodeo Drive zu Dutzenden wie an einer Perlenkette aufgezogen in der kalifornischen Sonne glänzen – von Passanten kaum beachtet. Doch wenn ich die Schmetterlingstüre des i8 hochklappe, so elegant als möglich in das edle Cockpit gleite, den Startknopf drücke und lautlos aus der Parklücke in Richtung Santa Monica fahre, dann bleiben selbst die verwöhnten Kalifornier stehen. Und wenn sich gleichentags die Agenten mehrerer Hollywoodstars bei BMW melden und fragen, ob sie dieses Auto gleich kaufen könnten, dann wissen die Bayern: Mission Impossible – vollendet.

Dieter Liechti fuhr den i8 am 1. Mai auf Einladung der BMW Schweiz AG in Kalifornien (USA). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2014, 16:29 Uhr

BMW i8

Kategorie: 2+2-sitziger Sportwagen mit Plug-in-Hybridantrieb.
Masse: Länge 4689 mm, Breite 1942 mm, Höhe 1298 mm, Radstand 2800 mm.
Kofferraum: 154 Liter.
Motoren: 1,5-Liter-3-Zylinder-Twinturbo mit 231 PS, zwei E-Motoren mit 20 PS (hinten) und 131 PS (vorne). Systemleistung 362 PS.
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 4,4 Sekunden. 80 bis 120 km/h in 2,6 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 250 km/h.
Verbrauch: 2,1 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe).
CO2-Ausstoss: 49 Gramm pro Kilometer.
Markteinführung: Juni.
Preise: ab 162'200 Franken.
Info: www.bmw.ch

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