Vorwärts mit Gebrüll

Mercedes-AMG hat in Kalifornien der Welt ein kinetisches Gesamtkunstwerk vorgestellt – den AMG GTS. Der neuste Konkurrent von Porsche & Co. lässt Hobbyrennfahrer schreien vor Glück.

Sportwagen pur: Der Mercedes-AMG GTS begeistert auf der Rennstrecke mit seiner Performance, auf der Strasse mit seinem stolzen Design. Foto: Mercedes

Sportwagen pur: Der Mercedes-AMG GTS begeistert auf der Rennstrecke mit seiner Performance, auf der Strasse mit seinem stolzen Design. Foto: Mercedes

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Mehrere Gedanken gleichzeitig, in Sekundenbruchteilen: Der Wagen verliert den Halt. Der Horizont bewegt sich quer auf mich zu. Sieht mich der Fahrer hinter mir? Kann er rechtzeitig bremsen? Verliere ich die Kontrolle? Nein, ich bin zwar mit zwei Rädern über die Curbs des Racetracks geraten und ins Schleudern gekommen, aber ich sitze in einem Mercedes-AMG GTS – einem Sportwagen mit einem Stabilitätsprogramm, mit dem selbst Omas die über 500 galoppierenden Pferde locker im Griff behalten. Doch das Adrenalin pumpt, das Herz rast.

Der Ort: Laguna Seca Raceway, eine der faszinierendsten Rennstrecken der Welt, im sonnigen Kalifornien, zwischen San Francisco und Los Angeles inmitten der Hügel des Carmel Valleys gelegen. «Laguna Seca ist meine absolute Lieblingsstrecke», sagt Tobias Moers, Geschäftsführer von Mercedes-AMG, der Performance-Division des Stuttgarter Autobauers. Moers ist ein Rennfanatiker, der lieber mit ein paar Hundert Sachen um die Kurven flitzt als vor dem Computer zu sitzen. Er soll es problemlos mit den Renninstruktoren der AMG Driving Academy aufnehmen können, wird gemunkelt. «Handcrafted by Racers», lautet entsprechend das Motto von AMG, und Laguna Seca ist der Ort, wo Moers und sein Team ihr jüngstes Kind vorstellen: den Mercedes-AMG GTS – den zweiten von Grund auf eigenständig für AMG konstruierten Wagen ohne Anleihen an ein bestehendes Produkt des Mercedes-Portfolios.

Engelsgesang für Speedheads

Moers will den Wagen aber nicht wegen des pittoresken Umfelds genau hier unter Beweis stellen, sondern, weil sich Laguna Seca perfekt für den Neuling eignet. Die Rennstrecke hat nur wenige Geraden, dafür viele schnelle Kurven. Unter diesen auch die «Corkscrew», eine Dreierfolge von steil abfallenden, in sich verschraubten Drehungen, die den Fahrer blind hinab ins Leere fallen, das Adrenalin aber an die Schädeldecke schiessen lassen. Die Intuition, das Wissen über den Streckenverlauf und blindes Vertrauen zählen hier mehr als die Sicht. Und ein Wagen, der Fehler verzeiht. Laguna Seca ist eine Strecke, auf der der AMG GTS zeigen kann, wie brillant sein Gewicht verteilt ist, wie tief der Schwerpunkt sitzt und Vertrauen verleiht, wie sehr sich der Fahrer auf Traktionskontrolle, ABS und griffigste Bremsen verlassen kann. Wie das Fahrwerk exakte Informationen über die Strasse vermittelt. Wie der Wagen sich flach wie eine Flunder an den Asphalt schmiegt und sich auch bei hohen Tempi um die engen Kurven in den Boden krallt. Und wie der Sportler mit einem Leergewicht von 1570 Kilogramm bei 510 PS und maximal 650 Nm Drehmoment in nur 3,8 Sekunden auf Tempo 100 spurtet. So dass einem Sehen und Hören verginge, wäre da nicht das sich in die Tiefe der Knochen bohrende Gebrüll der Maschine – ein Engelsgesang für Speedheads. Eine Höchstgeschwindigkeit von 310 km/h wäre möglich, auf Laguna Seca schafft es der Laie auf 230 km/h. Dass der AMG GTS zumindest auf dem Papier lediglich 9,4 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrennt, dürfte ihn auch Sportwagenfans mit grünem Gewissen näherbringen.

«100 Prozent unter Kontrolle»

«3,08 Kilogramm pro PS», strahlt Moers: «Das kann in diesem Sportwagen-Segment keiner besser.» Wenn es um sein jüngstes Baby geht, kommt der Chef ins Schwärmen. Er erzählt stolz vom von A bis Z neu konstruierten 4-Liter-V8-Motor, in dessen Verbrennungskammern die Luftströmungen und Verwirbelungen anhand von Simulationen ideal berechnet wurden. Er erklärt die beiden Turbolader, die statt seitlich am Motor oben zwischen dem V liegen, wo es zwar fast 1000 Grad warm wird, die Ansaug- und Abgaswege aber extrem kurz sind und das Auto so extrem aufs Gaspedal reagiert. Er erklärt die Vorteile des weit hinter der Vorderachse sitzenden Frontmittelmotors im Zusammenspiel mit dem 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe in Transaxle-Anordnung auf der Hinterachse, was zu einer idealen Gewichtsverteilung von 47 Prozent vorn und 53 Prozent hinten führt. Verbunden werden die beiden Aggregate durch eine extrem leichte Karbonachse. Dies alles hat – zusammen mit den dynamischen Lagern, die sich an die Fahrsituation anpassen, und den Doppelquerlenkerachsen –, zur Folge, dass Rollbewegungen laut Moers «zu hundert Prozent unter Kontrolle» bleiben und sich der Wagen extrem schnell durch die Kurven treiben lässt.

Der Mercedes-AMG GTS und sein kleiner Bruder, der GT, machen sich aber nicht nur auf der Rennstrecke gut. Die beiden Sportler können auch durchaus zivilisiert durch den Strassenverkehr bewegt werden – mit weniger Lärm, sanft gleitend, aber immer stilvoll elegant. Mit sportlichem Design, den breiten Schultern, der langen Haube, die an alte Rennklassiker erinnert, und einem Heck, das zwar ein bisschen zu deutlich an den 911er erinnert, passt der Luxusbolide auch bestens ins Zürcher Seefeld oder an die Bahnhofstrasse. Am meisten Spass dürften GTS- und GT-Besitzer ohne Rennambitionen aber auf kurvigen Bergstrecken haben, wo die Agilität des Wagens, die allgegenwärtige Performance, aber vor allem die Zuverlässigkeit und Stabilität des Wagens beim sportlichen Kurvenfahren extrem viel Vertrauen schaffen. Was sich auch – zurück auf der Rennstrecke bei meinem Ausritt – bestätigt: Ein kurzer Tritt auf die Bremse genügt, um den Wagen zu stabilisieren, und der Stuttgarter Sportler braust mit Gebrüll zurück auf die Laguna-Seca-Piste. Ich schreie dazu eine Oktave höher – nicht aus Angst, sondern vor Glück.

Jan Graber fuhr den neuen AMG GTS am 17. November auf Einladung der Mercedes Schweiz AG in den USA.

Erstellt: 28.11.2014, 18:45 Uhr

Luxuriöse Kommandozentrale: Das Cockpit des Mercedes-AMG GTS. Foto: Mercedes

Foto: Mercedes

Mercedes-AMG GT und GTS

Modell: Sportcoupé mit 2 Plätzen.
Masse: Länge 4546 mm, Breite 1939 mm, Höhe 1287 mm, Radstand 2630 mm.
Kofferraum: 350 Liter.
Motor: 4-Liter-V8-Biturbo. GT mit 462 PS und 600 Nm. GTS mit 510 PS und 650 Nm.
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 4,0 und 3,8 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit von 304 km/h und 310 km/h.
Verbrauch: 9,3 bis 9,4 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe).
CO2-Ausstoss: 216 bis 219 Gramm pro Kilometer.
Lancierung: GTS im März 2015, GT Ende 2015.
Preise: GTS 181 000 Franken, GT 156 200.
Info: www.mercedes.ch

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