Wasser(stoff) marsch!

Toyota fährt noch in diesem Jahr das erste Serienauto mit Brennstoffzelle an den Start. Tagesanzeiger.ch/Newsnet ist den Mirai schon gefahren.

Raumschiff ist gelandet: Der Toyota Mirai schafft mit seinem Brennstoffzellenantrieb bis zu 500 Kilometer. Foto: Toyota

Raumschiff ist gelandet: Der Toyota Mirai schafft mit seinem Brennstoffzellenantrieb bis zu 500 Kilometer. Foto: Toyota

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«Revolution», «die Zukunft», «Beginn einer neuen Ära»: Wenn Akio Toyoda über die Brennstoffzelle spricht, spart der Toyota-Chef nicht an grossen Worten – und lässt ihnen jetzt nach 20 Jahren Entwicklungszeit Taten folgen. Denn noch in diesem Jahr beginnen die Japaner daheim mit dem Verkauf des ersten Serienautos mit Fuel-Cell-Technologie, und ab September 2015 sind auch die USA und Europa an der Reihe. Für ihre Mission hat die Stufenheck-Limousine den passenden Namen bekommen: «Mirai ist Japanisch für Zukunft», sagt Toyoda, bevor er einen exklusiven Kreis von Journalisten zur ersten Testfahrt bittet.

Ein vornehmer Prius

Die erwartet ein Auto, das von aussen aussieht wie ein Raumschiff auf Rädern. Denn der Mirai symbolisiert mit seinen riesigen Lufteinlässen an der Front und den von Wellen umwogten Rümpfen eines Katamarans am Heck die Transformation von Sauerstoff zu Wasser, die in der Brennstoffzelle unter Einsatz von Wasserstoff den Strom für seinen Elektromotor liefert. Doch sobald man eingestiegen ist, fühlt man sich wie in einem modernisierten Prius. Die Bildschirme sind ein bisschen grösser, die Konsolen ein wenig vornehmer, die Sensorschalter auf der Mittelkonsole erinnern an iPhone & Co., und überall funkeln die Zierleisten aus Chrom. Aber im Grunde ist der Bote aus der Zukunft ein Toyota wie jeder andere auch: von der wenig lebenslustigen Farbauswahl über die eher durchschnittlichen Sitze bis hin zur mechanischen Fuss-Feststellbremse, die so gar nicht zu einem Auto von morgen passen will.

Auf der Strasse selbst ist es dann genau so, wie es Chief Engineer Ogiso versprochen hat: Der Mirai fühlt sich an wie jedes andere Elektroauto auch. Er hat zwar an seinen 1,9 Tonnen ordentlich zu schleppen, und irgendwie sind der Motor und mehr noch das Kraftwerk im Unterboden sehr viel präsenter als in jedem anderen Stromer. Aber im Grunde fährt der Futurist im Guten wie im Schlechten so unauffällig wie ein Prius mit Plug-in-Technik: Mit seinem 155 PS starken E-Motor an der Vorderachse hat er bei maximal 335 Nm auf den ersten Metern einen ordentlichen Punch, lässt sich danach aber viel Zeit.

In fünf Minuten aufgetankt

So schafft er es zwar in weniger als zehn Sekunden auf Tempo 100, doch danach muss man reichlich Geduld haben. Und solange man nicht aus dem Eco-Programm wechselt, braucht man auch viel Kraft im rechten Bein, so stark ist der Widerstand im Fahrpedal, mit dem die Japaner notorische Bleifüsse kurieren wollen. Den grössten Unterschied zu allen anderen Fahrzeugen mit jedweder Form von Elektroantrieb findet man deshalb nur in den Untermenüs des Bordcomputers: die Reichweite. Denn wo normale Akku-Autos spätestens nach 150, 200 Kilometern an die Steckdose müssen und für die Plug-in-Modelle schon nach maximal 50 Kilometern Schluss ist, stromert der Mirai im Alltag bis zu 500 Kilometer weit, bis der Brennstoffzelle der Wasserstoff ausgeht und sie den E-Motor nicht mehr versorgen kann. «Auch beim Tanken haben wir die Nase vorn», sagt Ogiso. «Statt stundenlang an der Ladesäule zu stehen, haben wir den Wasserstoff in fünf Minuten nachgefüllt.»

Wasser und utopischer Preis

Das Design ist ungewöhnlich und die Fahrdynamik nicht ganz so ausgeprägt wie bei einer konventionellen Mittelklasse- Limousine. Aber weil der Mirai ansonsten tatsächlich wie ein echtes Auto wirkt und nicht mehr wie ein Forschungslabor auf Rädern und rundherum einen durchaus alltagstauglichen Eindruck macht, hat er neben Ökos wie dem BMW i3, dem VW e-Golf oder der elektrischen B-Klasse sehr wohl seine Berechtigung. Zumal die Infrastruktur in den nächsten Jahren ja endlich wachsen soll und bis zum Ende des Jahrzehnts eine halbwegs flächendeckende Wasserstoffversorgung versprochen ist. Ausserdem ist es einfach faszinierend, wenn aus dem Auspuff nichts anderes säuselt als Dampf und am Ende der Fahrt auf Knopfdruck in bester Trinkqualität das gesammelte Abwasser aus dem Heck plätschert. Dass die Chancen des Mirai trotzdem denkbar gering sind, hat deshalb einen ganz anderen Grund – den Preis. Denn nachdem Toyota mittlerweile Milliarden in die Brennstoffzelle gesteckt hat, wollen die Japaner jetzt ganz offenbar so langsam was von ihrem Geld zurück und verlangen deshalb in Deutschland stolze 78'540 Euro für den Zukunftsboten. Damit ist der Mirai etwa doppelt so teuer wie ein i3 oder eine B-Klasse mit electric drive und sticht sogar das ähnlich avantgardistische Modell S von Tesla aus. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2014, 17:41 Uhr

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