Ein Hoch auf die Blasmusik

3,9 Liter Hubraum, 670 PS und 760 Newtonmeter: So macht der Achtzylinder-Turbo im neuen Ferrari 488 GTB den Abschied vom Saugmotor leicht.

Downsizing auf Italienisch: Trotz weniger Hubraum wird der Ferrari 488 GTB schneller als sein Vorgänger. Fotos: Ferrari/Roberto Carrer

Downsizing auf Italienisch: Trotz weniger Hubraum wird der Ferrari 488 GTB schneller als sein Vorgänger. Fotos: Ferrari/Roberto Carrer

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Wer vor dem Ferrari 488 GTB steht, will keine langen Reden hören. Den interessiert nicht, mit welchen Kunstgriffen Heerscharen von Ingenieuren den typischen Sauger-Sound gerettet haben und wie sie es schaffen, dass der Achtzylinder so schnell anspricht. Der will auch nicht wissen, welche Kurve in der Karosserie wie viel Gramm Abtrieb erzeugt, und auch nicht wie viele Bits und Bytes es braucht, um diesen italienischen Supersportler in jeder Situation auf der Strasse zu halten. Man sieht nur das Rot, die flache Haube, die schlanke Taille und das breite, kurze Heck. Und dann will man nur eines: einsteigen und fahren – alles andere ist für Autofans bei diesem Anblick nebensächlich.

Aber irgendwie muss man die Italiener auch verstehen: Erstens wollen sie mit ihren stundenlangen Vorlesungen beweisen, dass sie eine Wissenschaft betreiben und nicht einfach nur leidenschaftlich sind. Und zweitens müssen sie vor sich selbst und allen Kritikern ja rechtfertigen, dass selbst die Marke aus Maranello das Ideal vom hochdrehenden Saugmotor auf dem Altar des Downsizings opfert. Denn nachdem sie vor Jahresfrist im California T mit dem Abschied vom natürlich beatmeten V8 begonnen haben, blasen sie mit dem Wechsel vom 458 zum 488 einem weiteren Saugmotor das Licht aus.

In 3 Sekunden auf Tempo 100

Doch so skeptisch man die Turbotriebwerke bisweilen beurteilen mag, lässt dieser Achtzylinder keinen Raum für Zweifel. Was sind schon 0,6 Liter weniger Hubraum, wenn der 3,9-Liter dafür 100 PS und 220 Nm mehr aus dem Ärmel schüttelt? Und bei Spitzenwerten von 670 PS und 760 Nm verbietet sich jede weitere Diskussion ohnehin von selbst. Erst recht, wenn man dann tatsächlich irgendwann mal den Schlüssel in Händen hält, den roten Knopf im Formel-1-Lenkrad drückt und die Fahrt beginnt: In 3 Sekunden stürmt der 488 auf Tempo 100 und beschleunigt danach so mühelos weiter, als stehe er über den Gesetzen der Physik. Ohne jede Zugkraftunterbrechung wechselt die siebenstufige Doppelkupplung die Gänge, der Motor klingt, als könne er ganz alleine alle italienischen Opern von Puccini bis Verdi bestreiten.

Aber es ist nicht allein das Spurtvermögen, mit der sich die Ausfahrt im 488 GTB für ewig in die Erinnerung brennt. Sondern viel eindrucksvoller ist die Fahrt über eine kurvige Landstrasse oder auf einer Rennstrecke. Denn im Kurvenlabyrinth merkt man so richtig, wie schnell der Turbo auf jeden Gasstoss reagiert. Kunstgriffewie die symmetrischen Ansaugrohre und die kugelgelagerten Titanschaufeln zeigen ihre Wirkung – vom Turboloch spürt man nichts.

Fliehkäfte ausser Kraft

Genauso wenig spürt man die Fliehkräfte: Als hätte es Herrn Newton und seine Gesetze nie gegeben, schneidet das Coupé völlig unbeirrt durch die Kurven. Das liegt vor allem am maximierten Abtrieb, für den die Italiener jedes Blech mit Ausnahme des Daches ausgetauscht haben: «85 Prozent aller Teile sind neu», sagt Designer Flavio Manzoni und freut sich über das Zusammenspiel zwischen Konstrukteuren und Kreativen. Denn anders als viele Konkurrenten kommt Ferrari ohne pubertäres Flügelwerk aus: «So sportlich unsere Autos auch sein sollen, wollen wir unsere Eleganz nicht preisgeben», sagt Manzoni und erteilt Spoilern und Schwellern deshalb eine kategorische Absage: «Wir nehmen lieber alles Überflüssige weg», sagt der Designer. Denn anstelle eines Flügels haben die Italiener lieber eine Art Windkanal ins Blech geschnitten, durch den die Luft nach hinten strömt.

Dazu spendieren die Italiener eine rasend schnelle Elektronik für Stabilitätskontrolle und Fahrwerksregelung, die selbst Laien den perfekten Drift erlaubt. Kein Wunder, dass der 488 seinem Vorgänger auf der Hausstrecke in Fiorano zwei Sekunden abnimmt. Dass der Motor dabei auch noch weniger verbraucht, ist Ferrari nur eine Fussnote wert. «Wir hätten das Triebwerk auch deutlich unter zehn Liter bringen können», räumt Motorenchef Vittorio Dini ein. «Aber dann wäre es kein Ferrari mehr.» So ist der 488 GTB zwar kein grüner Sportwagen geworden, aber wenigstens ein bisschen weniger rot, lächelt Dini über die neue Political Correctness und lenkt den Blick auf das «Rosso Corse Metallic» – eine neue Variation des immer gleichen, immer roten Ferrari-Lacks, der dafür um so feuriger leuchtet.

Erstellt: 20.06.2015, 01:44 Uhr

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