Grosser Auftritt für grosse Märkte

Die Kreuzung aus SUV und Coupé hat BMW mit dem X6 zum Erfolg gemacht. Jetzt rückt Mercedes mit dem GLE Coupé nach.

Keine falsche Bescheidenheit: Im besten Fall steht das GLE Coupé von Mercedes-Benz mit 585 PS am Start. Fotos: Mercedes-Benz

Keine falsche Bescheidenheit: Im besten Fall steht das GLE Coupé von Mercedes-Benz mit 585 PS am Start. Fotos: Mercedes-Benz

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Als BMW vor acht Jahren den X6 als Mix aus SUV-Unterbau und Coupé-Dachlinie auf die Strassen brachte, war der Aufschrei der Ästheten gross: Niemals würde sich dieses Modell mit der gewöhnungsbedürftigen Optik verkaufen, hiess es. Der Markt hat die Pessimisten eines Besseren belehrt. Gerade in Ländern wie den USA oder China, wo Prestige und prunkvolle Erscheinung eines Fahrzeuges mehr zählen als Vernunft, erfreut sich der X6 grosser Beliebtheit. Das ist auch Thomas Weber, Vorstandsmitglied der Daimler AG und Entwicklungschef von Mercedes-Benz nicht entgangen. Seine Antwort darauf: «2015 haben wir zum Jahr des SUV erklärt.»

Selbstverständlich lässt Mercedes auf Webers Worte auch Taten folgen: So erneuern oder erweitern die Stuttgarter vier der fünf SUV-Baureihen demnächst. Den Anfang macht die GLE – vormals M-Klasse – genannte Baureihe. Der klassische SUV rollt im kommenden September als überarbeitete Version mit neuer Front- und Heckpartie und laut Hersteller um durchschnittlich 17 Prozent verbesserten Verbrauchs- und Emissionswerten auf unsere Strassen. Die Motorenpalette bietet zwischen 204 und 585 PS und mit der 9G-Tronic erstmals eine 9-Gang-Automatik. Ein Novum in der SUV-Geschichte der Stuttgarter ist zudem die Plug-in-Hybridversion GLE 500 e 4Matic, die Ende Jahr in die Schweiz kommen soll. Sie verfügt mit 442 PS Systemleistung über einen Sechszylinder-Benziner und einen Elektroantrieb mit bis zu 30 Kilometern Reichweite. Viel mehr Aufsehen dürfte bei den Mercedes-Fans aber das GLE Coupé verursachen. Denn das hat es in sich.

«Tendenz zum LKW»

Oder besser an sich? Denn alleine die äussere Erscheinung wird zumindest hierzulande wieder für Diskussionen sorgen. Selbst Entwicklungschef Weber macht vor versammelter Presse beim Anblick des auf 22-Zoll-Rädern thronenden Fahrzeuges mit einem Augenzwinkern «die Tendenz zum LKW» aus. Setzt man sich dann hinters Steuer und hat die ersten Kilometer hinter sich gebracht, muss man die Aussage revidieren. Auch wenn das GLE Coupé ein Gewicht von bis zu 2,3 Tonnen auf die Waage bringt, lässt es sich überraschend handlich und erwartungsgemäss dynamisch bewegen. Die in der Schweiz als Volumenmodell geplante Version GLE 350 d mit Allradantrieb erweist sich mit ihren 258 PS aus sechs Zylindern auf hügeligen Strassen als gerade noch ausreichend motorisiert. Die neue 9-Gang-Automatik verrichtet die Arbeit zwar tadellos und senkt den Spritverbrauch, macht sich im Fahrbetrieb ansonsten nicht bemerkbar. Vermissen würde man sie vermutlich kaum.

Zwangsweise mehr Aufmerksamkeit widmet man dagegen dem 585 PS starken Powerpaket der AMG-Version GLE 63 S 4Matic. Sie liefert am anderen Ende der Leistungsskala ein ganz besonderes Erlebnis – vor allem fürs Gehör. Über die individuell einstellbare – und bei allen Modellen serienmässig an Bord befindliche – Fahrdynamikregelung kann sie die Charakteristik des Fahrzeuges laut Mercedes in bis zu fünf Stufen «von entspannt-komfortabel bis engagiert-fahrdynamisch» verstellen. Besonders in der schärfsten Stellung Sport+ macht das SUV-Coupé in der AMG-Version beim Herunterschalten mit künstlichem Böllern Aufmerksamkeit heischend auf sich aufmerksam. Wem es gefällt . . . Auf den Probefahrten hat die übertriebene Geräuschkulisse auf Dauer eher genervt.


Opulent: Das neue GLE-Cockpit. Foto: Mercedes-Benz.


Gar nichts auszusetzen gibt es dagegen am hochwertigen Komfort des GLE Coupés bezüglich Innenausstattung und Fahrwerk. In hoher Sitzposition geniesst man auf allen Plätzen gute Sicht. Für die Passagiere der hinteren Sitzreihe ist diese trotz abfallender Dachlinie kaum eingeschränkt, dafür verlangt der Zustieg hier naturgemäss etwas mehr Beweglichkeit. Das GLE-typische Cockpit und die verwendeten Materialien sind hochwertig, die Sitze bequem, auch wenn die Sitzfläche für lange Beine etwas kurz geraten ist. Das macht der Mitbewerber besser. Und wem es in solch grossen Autos auf kurvenreichen Strassen rasch einmal schlecht wird, dem liefert Mercedes ab Dezember die aktive Wankstabilisierung gleich mit. Wem das GLE Coupé trotzdem einen Tick zu gross und zu schwer ist, den vertröstet Thomas Weber auf den Herbst 2016: Dann rollt Mercedes nämlich das GLC Coupé an den Start – quasi die kleine Stern-Version des BMW X4. Auch da lässt der Entwicklungschef nichts anbrennen.

Thomas Borowski fuhr das GLE Coupé am 25. und 26. Juni auf Einladung der Mercedes Benz Schweiz AG in Österreich.

Erstellt: 03.07.2015, 17:47 Uhr

Mercedes-Benz GLE Coupé

Kategorie: 5-türiges SUV mit 5 Sitzen

Masse: Länge 4900 mm, Breite 2003 mm, Höhe 1731 mm, Radstand 2915 mm

Kofferraum: 650 bis 1720 Liter

Motoren: V6- und V8-Motoren mit 258 bis 585 PS (190–430 kW)

Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 4,2 und 7,0 Sekunden, Höchstgeschwindigkeiten von 226 bis 250 km/h

Verbrauch: 6,9 und 11,9 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangaben)

CO2-Ausstoss: 180 bis 178 Gramm pro Kilometer

Preise: Ab 88'000 Franken

Markteinführung: ab Ende Juli 2015

Infos: www.mercedes-benz.ch

Thomas Weber, Entwicklungsvorstand Mercedes-Benz.

Thomas Weber über das GLE Coupé

«Emotionales Auto mit sexy Heck»

Thomas Weber, Mercedes-Benz positioniert das GLE Coupé als direkte Konkurrenz zum BMW X6. Warum erst so spät?

Für das GLE Coupé haben wir eine interessante Nische erkannt – auch weil einer schon mal den Mut gehabt hat, damit in den Markt zu gehen. Dafür sind wir passend zum SUV-Boom mit unserer ganzen Palette neu aufgestellt, was niemand sonst so zeitgerecht geschafft hat.

Warum ist das GLE Coupé optisch so nahe am Mitbewerber gebaut?

Das ist der erste Eindruck von Weitem. Wir haben viele Details anders gemacht. Unser Vorbild war die Designlinie eines Coupés, die wir mit dem gekreuzt haben, was ein SUV ausmacht. Kurz: Unser Modell ist ein sehr emotionales Fahrzeug mit einem sexy Heck.

Die scharfen CO2-Vorschriften fordern auch Mercedes. Wirkt da ein XXL-Auto wie das GLE Coupé nicht kontraproduktiv?

Auf dieses Thema achten wir seit Jahren, aber wir werden nie zum Kleinwagenhersteller, der mit vielen kleinen die grossen Autos subventioniert. Dafür haben wir bei der GLE-Palette die Emissionen im Schnitt um 17 Prozent ver­bessert.


Welche Persönlichkeit wünschen Sie sich als Botschafter des GLE Coupés?

Wir haben damit avantgardistische ­Life­stylemenschen im Auge, die das Besondere suchen. Die sich zu der Grösse ihre Autos bekennen. Die sagen, ich will mit einem schönen Auto auffallen. Wir werden im GLE Coupé eine Reihe bekannter Sportler sehen, weil das Auto Sport pur ist. Auch Frauen werden das Coupé lieben, weil es formal überzeugt. Und die Jungen würden es sicherlich auch kaufen, wenn die preisliche Einstiegshürde nicht so hoch wäre. (tb)

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