Märchen aus 1001 PS

Die diese Woche eröffnete Motorshow in Dubai ist ein Spielzeugladen für Scheichs und andere grosse Jungs.

Bild mit Symbolcharakter: Ein Besucher bestaunt den riesigen Mercedes-Benz G 500 4x42 an der derzeit laufenden Motorshow in Dubai. Foto: Thomas Geiger

Bild mit Symbolcharakter: Ein Besucher bestaunt den riesigen Mercedes-Benz G 500 4x42 an der derzeit laufenden Motorshow in Dubai. Foto: Thomas Geiger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Los Angeles, Moskau, Monaco oder Hongkong können Autofans glatt vergessen: Nirgendwo auf der Welt werden bezogen auf Fläche und Fuhrpark mehr Luxuslimousinen und Supersportwagen verkauft als in den Arabischen Emiraten. Denn die Krise, die auch die Golfregion erfasst hatte, ist offensichtlich vorbei, die Kräne in der Skyline drehen sich wieder, und das Märchen aus 1001 PS geht weiter. Wer das nicht glaubt, der muss nur einmal zur Motorshow in Dubai gehen: Während andere Automessen zumindest einen Hauch von Vernunft wahren, wird hier geprotzt und geprahlt, was das Zeug hält: Tiefflieger mit Hunderten von PS, Prunkschiffe in Lack und Leder und Kolosse fürs Gelände machen den kleinen, aber feinen Branchengipfel zu einem Spielzeugladen für Scheichs und andere grosse Jungs.

Gold ist Trumpf

Dass das Gold für die Automobilindustrie in Dubai buchstäblich auf der Strasse liegt, zeigt Mercedes-Veredler Brabus, der eigens für die Messe eine umgerüstete S-Klasse in Desert Gold lackiert – und schon am ersten Tag verkauft hat. Zwei Millionen Dirham teuer, 900 PS stark, 350 km/h schnell und erst einmal ein Einzelexemplar, wird dieses Goldstück demnächst eine wohl klimatisierte Garage schmücken. Was bei uns als Geschmacksverirrung durchgehen würde, steht bei den Scheichs ganz hoch im Kurs. Deshalb ist der Luxusliner aus dem Kohlenpott sogar noch eines der dezenteren Ausstellungsstücke. Selbst Rolls- Royce lackiert den Ghost in einer Gold-Edition mit glänzender Haube zum dunkelgrünen Rest oder kombiniert beim Phantom Ocker und Gold, der Bentley Bentayga passt mit seinem Bronzeton perfekt ins Farbschema, und was die Tuner so an Glitzerkram auffahren, geht auf keine Discokugel.

Die augenscheinlich schrillste Neuheit kommt aber aus Moskau: Dort baut Kirill Bilenkin auf Basis des 4er-BMW Retro-Modelle, die kitschiger kaum sein könnten. «Statt Oldtimer zu modernisieren, patinieren wir Neuwagen», sagt der Firmenchef und lässt sich in ein Cockpit fallen, in dem es von Gold und Diamanten nur so funkelt, in dem der Schaltknauf aus Bleikristall ist und in den Türen von Hand gravierte Rauchglaskonsolen schimmern. Nicht schön – aber selten. Und mit 300'000 Dollar alles andere als ein Schnäppchen.

In die Zukunft gerichtet

Während Bilenkin zurückschaut, hat Ralph Debbas nur Augen für die Zukunft. Er ist Chef von W Motors und als Vollgas-Revolutionär angetreten, den Ausländern mal zu zeigen, wo in den Emiraten der Hammer hängt. Weil er die ewigen PS-Importe leid war, hat er seinen eigenen Supersportwagen entwickelt. Und nachdem er alle sieben Exemplare des 751 PS starken Lykan für jeweils 3,4 Millionen Dollar verkauft hat, macht er jetzt den nächsten Schritt und legt den kleinen Bruder Fenyr auf. Ohne Diamanten im Scheinwerfer und all den anderen Klimbim nur noch 1,8 Millionen Dollar teuer und erst noch 900 PS stark, will er kein Preziose mehr für Sammler sein, sondern ein Sportwagen, den man vor allem zum Fahren kauft. Zudem will er nächstes Jahr auch einen Geländewagen bringen. Mit über 800 PS soll sein Wüstenschiff der stärkste und schnellste SUV aller Zeiten werden. Dass nebenan bei Bentley der Bentayga steht und für sich den gleichen Superlativ anstrebt, stört Debbas nicht an: «Sollen die Engländer nur reden», lacht er. «In einem Jahr werden wir ja sehen, wer hier das Sagen hat.» Anders als Lykan und Fenyr wird der Geländewagen dabei sogar ein halbwegs bürgerliches Auto und soll gerade einmal 300'000 Dollar kosten. Trotzdem will Debbas davon nur 100 Exemplare im Jahr verkaufen.

Jad Elias kann darüber nur lachen: Er ist Land-Rover-Chef beim Importeur Al Tayer und braucht für so viele Aufträge kaum zwei Wochen – und zwar nur für den Range Rover: «Wir sind der grösste Range-Rover-Händler der Welt», sagt er. Konkrete Zahlen mag er zwar nicht nennen, weil Al Tayer ein privates Familienunternehmen ist. «Aber allein von Range Rover und Range Rover Sport verkaufen wir Hunderte im Monat.» Weil es bei den Kollegen von Mercedes für die G-Klasse, bei BMW für den X5 und bei den Japanern für ihre Geländewagen nicht anders läuft, ist der SUV-Anteil auf den Strassen von Dubai wahrscheinlich höher als irgendwo sonst auf der Welt.

Nur ein «Öko» begeistert

Kein Wunder also, dass alle bürgerlichen Premieren der Messe für die Buckelpiste gemacht sind. Die zumindest aus globaler Perspektive wichtigste kommt dabei von Cadillac. Denn die Amerikaner ziehen noch vor dem Heimspiel in Los Angeles das Tuch vom XT5, der als Nachfolger des SRX künftig gegen BMW X5 und Audi Q5 antreten soll. Sind diese Autos alle für die herrschende Klasse gedacht, gibt es auf der Messe noch eine weitere Weltpremiere für das für das Heer der Hilfsameisen, die für die Emiratis die eigentliche Arbeit machen – den neuen Fiat Fullback. Er basiert auf dem bewährten Mitsubishi L200 und wird zum ersten Midsize-Pick-up, mit dem die Italiener künftig auch in Europa ihr Glück versuchen wollen.

Obwohl angesichts der Sport- und Geländewagen in den Hallen und der sprudelnden Ölquellen draussen vor der Stadt kaum jemand an die Zeit nach dem Öl denkt, sorgt mitten unter den PS-Protzen auch ein Öko-Auto für Furore: Der BMW i8 ist permanent umlagert, und seit sogar die Polizei die futuristische Flunder im Einsatz hat, kann sich der Händler vor Nachfrage kaum retten. Ums Sparen geht es dabei allerdings niemandem – warum auch, wenn Benzin noch immer billiger ist als Mineralwasser? Was hier auf dem Boulevard der Eitelkeiten zählt, ist etwas anderes, sagt eine der Hostessen bei den Bayern: «Wie kleine Kinder wollen auch die grossen Jungs hier vor allem ungeteilte Aufmerksamkeit.»

Erstellt: 13.11.2015, 17:30 Uhr

Artikel zum Thema

Wird der Evoque auch als Cabrio zum Trendsetter?

Land Rover verpasst dem Range Rover Evoque für den kommenden Sommer eine schmucke Stoffmütze. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Sweet Home Helle Freude!

Mamablog Vom Dammriss meiner Schwiegermutter

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...