Schnell sein genügt nicht

Vollgas geben ist zu wenig: Motorsportprofis wie der Schweizer Porsche-Pilot Neel Jani müssen Kraft und Ausdauer haben.

Motorsportprofi Neel Jani zeigte TA-Mitarbeiterin Nina Vetterli in Dijon auf, dass es für Erfolge auf der Rennstrecke eine Top-Fitness braucht. Fotos: Dirk Deckbar/Porsche

Motorsportprofi Neel Jani zeigte TA-Mitarbeiterin Nina Vetterli in Dijon auf, dass es für Erfolge auf der Rennstrecke eine Top-Fitness braucht. Fotos: Dirk Deckbar/Porsche

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Ich weiss nicht, ob er beide Hände am Lenkrad hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass er sich aus Langeweile durch die französischen Radiokanäle zappt. Oder spasseshalber durch die Untermenüs im Bordcomputer. Vielleicht amüsiert er sich darüber, dass der 475 PS starke Porsche 911 GT3, den er gerade fährt, einen ähnlichen Verbrauch vermeldet wie sein über 1000 PS starker LMP1-Rennwagen 919 Hybrid. Möglicherweise ruft er sogar jemanden an («Könnte heute etwas länger dauern»).

Schnelle Fahrten im Porsche 911 GT3 RS machen Körper und Geistmüde.

Und ganz bestimmt fasst er sich an den Kopf, wann immer er in seinen Rückspiegel blickt und sieht, wie ich – ganz und gar nicht mit Radio, Bordcomputer oder Telefonieren beschäftigt – Mühe habe, ihm im 25 PS stärkeren 911 GT3 RS zu folgen. Denn für Neel Jani, Porsche-Werkspilot in der Langstrecken-Weltmeisterschaft, ist diese Fahrt über den Circuit de Dijon-Prenois nicht mehr als ein gemütlicher Spaziergang. Für mich dagegen eine Lektion in Sachen Selbsteinschätzung: Du denkst, du fährst eine saubere Linie und holst aus den Kurven genügend Schwung heraus? Denk noch mal. Und wenn du schon beim Denken bist: Glaubst du wirklich, zwei- bis dreimal die Woche eine Runde joggen zu gehen, reicht, um fit für den Rennsport zu sein?

Bis zu 5 G im Nacken

Dass es nicht nur einen schweren Gasfuss, sondern vor allem viel Feingefühl und Erfahrung braucht, um einen Sportwagen am Limit zu bewegen, ist bekannt. Aber dass Schnellfahren körperlich anstrengend ist, scheint noch nicht überall durchgedrungen zu sein: «Viele Leute meinen, mit Tempo 140 auf der Autobahn zu fahren, sei schnell. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Kräfte in einem Rennwagen auf den Piloten einwirken», sagt der 31-jährige Schweizer, der 1998 mit Kart-Rennen begonnen hatte, 2000 in den Automobilsport umstieg und schon in der ersten Saison so erfolgreich war, dass sich namhafte Werksteams um ihn rissen. «Als ich mit 19 Jahren das erste Mal einen Formel-1-Test fuhr, konnte ich schon nach drei Runden den Kopf nicht mehr halten», erzählt er.

Und nicht nur bei den F1-Boliden, auch bei den LMP1-Prototypen reissen in den Kurven bis zu 5 G, also das fünffache Körpergewicht, an der Muskulatur des Fahrers. Jani trainiert darum täglich. Mehrere Stunden. Sowohl Kraft als auch Ausdauer. Im Winter hält er sich mit Langlaufen respektive Skating fit und legt pro Tour bis zu 60 Kilometer zurück, im Sommer geht er Mountain-Biken und steigt auch mal auf den Pilatus. Alle paar Wochen geht es zusätzlich ins Trainingszentrum, wo unter anderem ein von Michael Schumacher mitentwickeltes Kraftgerät zur Stärkung der Nackenmuskulatur bereitsteht. Bis zu 100 Tonnen mobilisiert Janis Nacken pro Trainingssession. Die Querbeschleunigungskräfte von weniger als 2 G im strassenzugelassenen 911 GT3 dürften ihm darum ein müdes Lächeln entlocken. Dass er seinen Nacken heute dennoch spürt, hat einen anderen Grund: Er war gerade mit seinem LMP1-Rennwagen in Barcelona am Testen. «Ich deute das als Zeichen, dass wir wirklich schnell waren», sagt er.

Zurück nach Dijon und nochmals auf die Rennstrecke. Ich habe in der Pause eine Kleinigkeit gegessen («Nichts, das aufliegt!»), ich bin ein wenig nervös («Nervosität hilft, um geistesgegenwärtig zu sein.»), ich bemühe mich, vor den Kurven weniger lang zu bremsen («Sonst geht der ganze Schwung verloren!») und bin darum bestens gerüstet, um diesmal näher an meinem Rennprofi-Vordermann dranzubleiben.

Welche Farbe hatte Janis GT3?

Aber dann geraten wir in einen Pulk. Jani überholt die Fahrzeuge, ich versuche, es ihm gleichzutun, verliere ihn aus den Augen, und welche Farbe hatte sein GT3 noch mal? Anthrazit? Das muss er sein. Ich folge ihm. Denke: Warum fährt er plötzlich so langsam? Weshalb fährt er eine andere Linie? Über eine Runde lang denke ich das. Bis ein anderer 911 GT3 – in Silber – sehr schnell von hinten herannaht, neben mich fährt und mir das breite Grinsen von Jani mitteilt: Denk noch mal.

Trotz 25 PS mehr fällt es schwer, demRennprofi im silbernen 911 zu folgen.

Aber irgendwie klappt selbst das mit dem Denken nicht mehr so richtig. «Auch das ein Grund, weshalb man fit sein muss», so Jani, als wir wieder zurück in der Box sind: «Wenn man müde ist, geht die Konzentration verloren, die Koordination, das Reaktionsvermögen – alles lässt nach. So hast du keine Chance.» Sein persönliches Fitnessprogramm sieht darum auch mentale Trainings vor. Schliesslich muss er beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans über sehr lange Zeit konzentriert, koordiniert und reaktionsfähig bleiben. Bis zu dreieinhalb Stunden fährt er am Stück. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von bis zu 249 km/h – wobei Jani dieses Jahr einen neuen Rundenrekord auf der Sarthe aufstellte. So viel hatte ich gerade mal auf der Start-Ziel-Geraden auf dem Tacho. Und die Fahrten dauerten nicht länger als 35 Minuten. Wenn ich könnte, würde ich über diesen Vergleich lachen. Aber dazu bin ich leider viel zu erschöpft.

Erstellt: 28.08.2015, 15:26 Uhr

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