Blech und PS statt Bits und Bytes

Nach der Präsentation der automobilen Zukunft in Las Vegas steht die Zeitmaschine an der Autoshow Naias still.

Näher an der Wirklichkeit als die Visionen von Las Vegas: Aus dem Crossover-Konzeptauto Lexus LF1 Limitless könnte bald der neue RX werden. Foto: Rebecca Cook (Reuters)

Näher an der Wirklichkeit als die Visionen von Las Vegas: Aus dem Crossover-Konzeptauto Lexus LF1 Limitless könnte bald der neue RX werden. Foto: Rebecca Cook (Reuters)

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Flimmernde Bildschirme, scharfe Sensoren, surrende Elektromotoren und schnelle Rechner – es sind noch keine zehn Tage her, da hat sich in der Autowelt niemand mehr für Leistung und Drehmoment interessiert. Denn da fand die Elektronikmesse CES in Las Vegas statt, und die Blechbieger aus der Alten Welt haben sich mit visionären Studien, autonomen Prototypen und serien­reifen Elektrofahrzeugen fit gemacht für die Zukunft.

Doch mittlerweile haben sie die Zeitmaschine wieder abgestellt und sind im Hier und Jetzt angekommen. Das ist in diesem Fall die Nordamerikanische Autoshow Naias in Detroit. Und wie in weiten Teilen des grössten Automobilmarkts der Welt, will auch dort von Bits und Bytes niemand etwas wissen. Stattdessen geht es in der Cobo Hall einmal mehr um Hubraum, Blech und Stahl – und davon bitte reichlich.

Big Three pushen den Diesel

Diesem Wunsch kommt die PS-Branche diesmal eifriger nach als in den vergangenen Jahren. Nicht umsonst sonnen sich mit dem Chevrolet Silverado und dem Ram 1500 zwei der drei meistverkauften Pick-ups auf dem US-Markt im Premieren-Licht. Weil der F-150 als Bestseller noch recht frisch ist, schiebt Ford als kleinen Bruder für den Golf der Amerikaner den neuen Ranger nach. Und selbst die deutschen Hersteller haben noch etwas aufpoliertes Altmetall. Denn nachdem der US-Markt der G-Klasse in den letzten zehn Jahren das Überleben gesichert hat, revanchiert sich Mercedes-Benz mit einer Weltpremiere der besonderen Art: 39 Jahre nahezu unverändert gebaut, gibt hier in Detroit ein überarbeiteter «Vierkant» aus Graz seinen Einstand und beweist, dass manche Legenden unvergänglich sind und über der Zeit stehen.

Zwar wirken diese wichtigen Neuheiten alle ein bisschen, als seien sie von gestern. Doch natürlich haben sich auch die G-Klasse und die grossen Pick-ups der Evolution gebeugt und sich aufgemacht in die Zukunft. Der «Vierkant» aus Graz fährt deshalb vorn jetzt mit Einzelradaufhängung und hat drinnen ein Hightech-Cockpit wie die S-Klasse, der Ranger bekommt eine vergleichsweise innovative 10-Gang-Automatik. Und während die Deutschen in Amerika dem Diesel aus gutem Grund abgeschworen haben, propagieren plötzlich die Big Three sogar den Selbstzünder und lassen ihre Pick-ups entsprechend charakteristisch nageln.

Autos mit mehr Fun und Finesse sucht man in Detroit diesmal etwas länger.

Neben den Pick-ups dreht sich in Detroit vieles um klassisch geschnittene Limousinen, die in den USA einen viel grösseren Marktanteil haben als in der Schweiz. Nicht umsonst hat VW eigens für die Amerikaner noch einmal einen neuen Jetta entwickelt und dabei zum ersten Mal in den modularen Querbaukasten gegriffen. So wird aus dem spiessigen Bruder des Golfs plötzlich eine einigermassen trendige Passat-Petitesse, die diesmal allerdings nicht nach Europa kommt. Das gilt auch für den Toyota Avalon als vornehme Ausgabe des Bestsellers Camry sowie für den Forte, mit dem Kia sehr erfolgreich just gegen den Jetta und ähnliche Mitbewerber antritt.

Ohne PS-Protze geht es nicht

Rustikale Pick-ups und Geländewagen zuhauf und jede Menge langweiliger Limousinen. Autos mit ein bisschen mehr Fun und Finesse muss man in Detroit diesmal etwas länger suchen. Und solche, die richtig Spass machen, erst recht. Doch so ganz ohne Lust, Leistung und Lifestyle geht es offenbar selbst in Motown nicht. Deshalb zeigt Mercedes-AMG hier seine neuen 53er-Modelle für CLS und die Zweitürer der E-Klasse mit einem modernisierten V6-Benziner von 435 PS, Audi stellt zum ersten Mal den A7 vor grosses Publikum, und BMW zieht das Tuch vom aufgefrischten Mini und noch einmal ganz offiziell vom X2. Dazu gibt es von Ford – allerdings vorerst nur für den US-Markt – einen auf 335 PS aufgerüsteten Edge ST und einen Mustang mit 475 V8-PS im Look des legendären «Bullitt», mit dem einst Steve McQueen für Furore und Filmgeschichte sorgte. Und auch die Asiaten gönnen sich mit Autos wie dem Hyundai Veloster zumindest ein klein bisschen Spass.

Sie sind es denn auch, die den Blick ein wenig weiter schweifen lassen und doch ein paar Studien mit nach Detroit gebracht haben. Allerdings sind auch die näher an der Wirklichkeit als die in Las Vegas präsentierten Visionen. Denn die Hybrid-Limousine Honda Insight trägt das «Concept» nur noch als Alibi für die späte Markteinführung, aus dem Lexus LF1 Limitless wird schon bald der neue RX, der Infiniti Q Inspiration gibt einen relativ konkreten Ausblick auf den Nachfolger des aktuellen Q50, der Nissan Xmotion hat das Zeug zum Nach­folger des in Amerika sehr erfolgreichen X-Terra, und aus dem Toyota FT-4X könnte schon bald ein kleiner Lifestyle-Allradler werden, der dem Jeep Wrangler ans Leder will – und damit auch wieder in der Vergangenheit fährt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 17:38 Uhr

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