Raumwunder, neu erfunden

Der Renault Espace galt als Urtyp des Vans in Europa. Im Mai kommt das «Raumwunder auf Rädern» neu – als trendiger Crossover.

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Es war ein mutiger Schritt, damals. Als erster europäischer Hersteller griff Renault die Idee einer Grossraumlimousine, kreiert – aber nie realisiert – von Matra, vor 31 Jahren auf und lancierte den Espace. Klar doch: Espace bedeutet ja vor allem Space, also Raum. Und so wurde der Siebenplätzer mit gläserner Rundumsicht und immer noch ausreichend Platz fürs Reisegepäck von den Franzosen denn auch als «Raumwunder auf Rädern» angepriesen. Was er in der Tat auch war.

Man stelle sich vor: Obwohl der erste Espace von 1984 mit einer Länge von 4,25 Metern und einer Breite von 1,78 Metern kaum viel grösser war als der damalige VW-Golf, bot er (fast) die doppelte Zahl an Sitzen. Und das bei einem Raumgefühl, das selbst die Hinterbänkler durchaus noch erfreute.

Der Start – fast ein Flop

Doch die Idee vom kantigen Raumgleiter, der äusserlich so gar nicht «spaceig » wirkte, zog vorerst nicht. Mehr noch: Der Start geriet für die Franzosen fast zum Flop – gerade mal 9 (in Worten: neun) Kunden sollen den Espace nach seiner Weltpremiere am Genfer Autosalon im ersten Verkaufsmonat geordert haben. Es war offensichtlich: Das ebenso nüchterne wie geniale Konzept einer Art doppelter Kiste, vorn eine kleine für den längs eingebauten Motor, hinten eine grössere mit vier Türen und einer Heckklappe, war vielen doch zu pragmatisch. Dann lieber doch gleich wieder einen Kleinbus à la VW-Bully, mag sich manch einer gedacht haben.

Nur 5399 Exemplare wurden beispielsweise von Renault Suisse von der ersten Generation (1984 bis 1990) abgesetzt, dann allerdings hatten die Franzosen das drohende Startdebakel auch europaweit überwunden. Das klassische Van-Konzept mit möglichst viel Innenraum, hoher Variabilität und viel Fensterfläche, schnörkellos umgesetzt und ausschliesslich auf grösstmöglichen Nutzen ausgelegt, begann zu greifen. Insgesamt 1,45 Millionen Espace haben die Franzosen produziert, knapp 60'000 davon gingen in die Schweiz. Im Herbst vergangenen Jahres lief die vierte Generation aus. Definitiv.

Van ist out, Crossover ist in

Denn jetzt ist wirklich Schluss. Zwar nicht mit dem Espace und dessen genialem Raumkonzept, aber mit dem Espace als Van. Dies aus simplem Grund: Vans sind out, Crossover sind in – und das von der Kompakt- bis in die Oberklasse. Das hat man auch bei VW erkennen müssen. Die Deutschen überlegen sich zurzeit ernsthaft, den Sharan nicht mehr weiter zu produzieren.

Und was taten die Franzosen? Auch sie haben lange überlegt. Zwölf Jahre lang liessen sie die vierte Generation des Espace sozusagen bis ins Offside laufen, ehe sie sich mit ihrem «Rauwunder auf Rädern» zu einem weiteren, mutigen Schritt entschieden: Sie erfanden den Espace neu.

Das mag verwegener klingen, als es wirklich ist. Fakt aber bleibt: Am neuen Espace ist (fast) alles neu. Auch wenn sich bei Länge, Breite und beim für das Raumvolumen entscheidenden Radstand nur wenig geändert hat. Aber allein schon deshalb, weil sich der Espace jetzt mit markant reduzierter Höhe tiefer auf die Strasse duckt, wirkt er viel dynamischer. Ein Eindruck, den die verkleinerten Seitenscheiben, die hinterste frech bis zur Heckscheibe hochgezogen, verstärken. Rein optisch jedenfalls ist aus dem Espace aber auch dank seiner bullig ausgestellten Radhäuser und den grösseren Rädern (bis 21 Zoll) ein durchaus trendiger Crossover geworden.

Ein Cockpit wie im Tesla

Innen punktet der Neue bei fast gleicher Praktikabilität mit so viel Luxus, bester Qualität und viel Liebe zum Detail, wie man das beim Espace bisher nie und bei Renault generell schon lange nicht mehr gesehen hat. Chrom und Klavierlack glänzen jetzt dort, wo über Jahrzehnte Hartplastik genügen musste, das Cockpit mutet fast so revolutionär an wie bei einem Tesla. Während die klassischen Rundinstrumente wieder direkt ins Blickfeld des Fahrers rücken, dominiert auf der hängenden Mittelkonsole ein senkrecht stehendes Touchpad, über welches praktisch alle Funktionen (von der Fahrdynamik über das Infotainment bis zum Komfort) ausgeführt werden können. So auch das Abklappen der hinteren Sitze ( jeder einzeln oder alle gleichzeitig), wobei – ein Selbstverständnis auch für den neuen Espace – ein völlig flacher Ladeboden entsteht. Das klingt gut, ist aber nicht ganz so simpel zu handhaben. Und setzt für den künftigen Espace-Käufer «geistige Vorarbeit » voraus, bevor er sich erstmals hinter das Lenkrad setzen kann. Dafür lässt sich danach die Fahrt statt in einem eher spartanischen Innenraumfast schon so geniessen, als sässe man in einer Lounge. Und klar: Massagesitze gibt es im neuen Renault Espace jetzt auch.

Allradlenkung, aber kein 4×4

Was es ebenfalls gibt: eine Allradlenkung. Weil die Hinterräder je nach Fahrsituation mit bis zu 2 Grad mit- und bis zu 3,5 Grad gegenlenken, fährt sich der Espace bei höherem Tempo viel stabiler und gibt sich beim Parkieren agiler. Dafür verzichtet Renault überraschend auf einen Allradantrieb, obwohl das eigentlich bei Crossover dieser Grösse und auch dieser Preisklasse (den Espace gibt es ab 37'500 Franken) ein Pluspunkt wäre. Offensichtlich wollten die Franzosen ihrem nicht eben üppig motorisierten Neuling ( je ein 1,6-Liter-Turbobenziner mit 200 PS und ein Turbodiesel mit gleichem Hubraum, aber wahlweise mit 130 oder 160 PS) kein Mehrgewicht zumuten. Dafür hält sich der Verbrauch laut EU-Norm im Rahmen – gemäss Renault 4,4 bis 6,2 Liter.

Peter Hegetschweiler fuhr den neuen Espace auf Einladung von Renault Schweiz am 7./8. April in Frankreich.

Erstellt: 10.04.2015, 18:03 Uhr

Renault Espace

Modell: Crossover mit 5 bis 7 Plätzen.

Masse:
Länge 4857 mm, Breite 1888 mm, Höhe 1675 mm, Radstand 2884 mm.

Kofferraum: 247 Liter (mit 7 Sitzplätzen) bis 2101 Liter (alle Rücksitze weggeklappt).

Motoren: Benziner mit 200 PS, Diesel mit 130 oder 160 PS.

Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 8,6 bis 10,7 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit von 191 bis 211 km/h.

Verbrauch: 4,4 bis 6,2 Liter auf 100 km.

CO2-Ausstoss: 116 bis 140 Gramm/Kilometer.

Markteinführung: 4. Mai 2015.

Preise: ab 37'500 Franken.

Info: www.renault.ch

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