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Auf Samtpfoten durch Raum und Zeit

Allen Unkenrufen zum Trotz setzt Mercedes-Benz weiter auf das Modell R, wie Raumkreuzer. Seit Mai rollt die R-Klasse frisch geliftet an den Start. Das ist bitter nötig: Im ersten Halbjahr 2010 wurden in der Schweiz nur gerade 19 Exemplare verkauft.

Frisch geliftet: Die R-Klasse von Mercedes holt mit stärkeren und sparsameren Motoren und neuem Design frischen Schwung.
Frisch geliftet: Die R-Klasse von Mercedes holt mit stärkeren und sparsameren Motoren und neuem Design frischen Schwung.
Mercedes-Benz
Statt das Auto beim bevorstehenden Generationswechsel der M-Klasse im kommenden Jahr sanft einzuschläfern, wurdeder Raumkreuzer jetzt sogar noch einmal mit grossem Aufwand aufgemöbelt.
Statt das Auto beim bevorstehenden Generationswechsel der M-Klasse im kommenden Jahr sanft einzuschläfern, wurdeder Raumkreuzer jetzt sogar noch einmal mit grossem Aufwand aufgemöbelt.
Mercedes-Benz
Auch innen gibt es zwar ein paar neue Dekors und Designs, und in der Preisliste findet man ein paar neue Extras.
Auch innen gibt es zwar ein paar neue Dekors und Designs, und in der Preisliste findet man ein paar neue Extras.
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Daran haben die sonst so erfolgsverwöhnten Schwaben schwer zu kauen: Mit viel Tamtam als Auto für eine neue Dimension präsentiert, gilt die R-Klasse Spöttern noch immer als veritabler Flop: Selbst die abgespeckten Varianten mit vereinfachtem Sitzkonzept und Heckantrieb konnten dem gemeinsam mit M-Klasse und GL entwickelten Raumkreuzer keinen nennenswerten Rückenwind verschaffen. Zwar ist und bleibt die R-Klasse von Mercedes ein hervorragendes Familienauto für breite Strassen und lange Strecken, und die Marktforscher bescheinigen ihr einen tollen Wiederverkaufswert und einen geringen Wertverlust. Doch ausser in China, wo man den Status auch heute noch ganz ungeniert über die Grösse des Autos definiert, fährt das 5-Meter-Schiff den Erwartungen weiter hinterher. In der Schweiz zum Beispiel fanden sich in den ersten sechs Monaten des Jahres nur gerade 19 Kunden. Selbst in Deutschland harzt der Verkauf: 1500 Exemplare im vergangenen Jahr sind für Mercedes-Verhältnisse extrem wenig.

500 Teile ausgewechselt

Doch in Stuttgart denkt derzeit noch niemand daran, den luxuriösen Businessliner deswegen einzustellen. Ganz im Gegenteil: Man sieht sich von verkappten Nachahmern wie dem 5er Gran Turismo von BMW sogar bestätigt und hält auch weiter am Konzept des SUV-Tourers fest. Statt das Auto beim bevorstehenden Generationswechsel der M-Klasse im kommenden Jahr sanft einzuschläfern, wurde der Raumkreuzer jetzt sogar noch einmal mit grossem Aufwand aufgemöbelt. «Dabei haben wir rund 500 Teile ausgewechselt und viel mehr Aufwand betrieben als bei einer üblichen Modellpflege», sagt Projektleiter Uwe Windmüller, der das Auto im US-Werk Tuscaloosa betreut.

Lohn der Mühe sind vor allem ein neues Gesicht mit stärkerem Charakter und mehr Nähe zum Rest der SUV-Familie, ein paar neue oder aktualisierte Assistenz- und Komfortsysteme und inbesondere Motoren, die alle weniger verbrauchen und zum Teil trotzdem mehr leisten. So soll das «verkannte Genie», das zu Preisen zwischen 79?600 (R 300 CDI Blue-Efficiency) und 117?500 Franken (R 500 4-Matic) ab 18. September in den Handel kommt, auf der Zielgeraden doch noch zum R-Folgsmodell werden.

Formale Frischzellenkur

Damit jeder den Kurswechsel erkennt und den Schwaben ihren Treueschwur zum Zwitter aus Limousine, Kombi und Geländewagen glaubt, haben sie für dieses Facelift ungewöhnlich tief ins Blech gegriffen: Bis auf die Kehrseite ist deshalb aussen quasi nichts mehr, wie es einmal war: Die einstigen Kulleraugen verschwinden unter eckigen Deckgläsern. Der Kühler hat mehr Charakter und steht steiler im Wind, die Motorhaube wurde stärker konturiert, und an den Flanken stechen neue Felgen mit bis zu 21 Zoll ins Auge. Die formale Frischzellenkur verleiht dem R-Klässler wieder ein zeitgemässes Aussehen. Und das war auch bitter nötig. Ob sie jedoch auch zu neuen Kunden führt, wird sich erst zeigen. «Schliesslich ist die Konkurrenz mit E-, GL- und ML-Klasse aus eigenem Haus gross genug, um dem erstarkten Businessliner das seichte Wasser abzugraben», wie Mercedes-Sprecher Christian Anosowitsch zugibt.

Auch innen gibt es zwar ein paar neue Dekors und Designs, und in der Preisliste findet man ein paar neue Extras. Doch weil es an der luxuriösen Lounge aus Lack und Leder nie ernsthaft Kritik gab, bleibt die neue R-Klasse hier ganz die Alte: Kaum steigt man ein, sinkt der Blutdruck, der Pulsschlag verlangsamt sich und man reist wie auf Samtpfoten durch Zeit und Raum. Aus der leidigen «Wann sind wir endlich da?»-Frage wird so ein überraschtes «Oh, schon am Ziel», wenn man in der zweiten Reihe die Kopfhörer zum Videosystem absetzen und sich aus den feudalen Pullmann-Sesseln schälen muss.

Platz für bis zu 2385 Liter

Dabei ist der noble Sternenkreuzer flexibler als manch klassischer Van: Auch künftig gibt es ihn in zwei Radständen, vier, fünf, sechs oder sieben Sitzen in zwei oder drei Reihen und einem Ladevolumen, das mit bis zu 2385 Litern manchem Kleinlaster zur Ehre gereichen würde. Das T-Modell der E-Klasse, für viele der Inbegriff des geräumigen Transporters, kann man dagegen glatt vergessen.

Mit der Fahrt durch den Jungbrunnen gibt es auch ein paar Frischzellen für die Motorpalette — vor allem bei den Dieseln: Während der 231 PS starke V6-Benziner im R 300 ebenso unverändert bleibt wie der V8 mit 388 PS im R 500, gibt es für die Selbstzünder nun mehr Leistung bei weniger Verbrauch und obendrein mehr Auswahl: An der Basis steht der R 300 CDI mit 190 PS, der nun sieben Prozent weniger verbraucht und mit 7,6 Litern in der Liste steht. Darüber rangiert der vor allem auf den US-Markt zugeschnittene R 350 Blue-Tec, der mit seinem Ad-Blue-Katalysator zu den saubersten Dieseln der Welt zählt. Er leistet 211 PS und verbraucht jetzt noch 8,4 Liter — 0,3 Liter weniger als früher.

Am grössten ist jedoch der Fortschritt beim R 350 CDI: Seine Leistung steigt von 224 auf 265 PS, während der Verbrauch um 0,8 auf 8,5 Liter fällt. V6-Durst bei V8-Dampf argumentiert Mercedes mit Blick auf maximal 620 Nm und einen Sprintwert von 7,6 Sekunden. «Das ist die kräftigste R-Klasse aller Zeiten», sagt Produktmanager Alfons Hierhammer, bevor er uns auf die Testfahrt schickt. Natürlich wird der Raumriese auch damit nicht zum Rennwagen. Doch reichen die Reserven locker aus, falls beim entspannten Powercruisen auf der Landstrasse mal ein Lastwagen dazwischen kommen sollte. Und auf der Autobahn ist die R-Klasse ohnehin in ihrem Element.

Doch trotz der intensiven Modellpflege dürfte der Weg zum R-Folg für den geräumigen Mercedes ebenso schwierig wie steinig werden. Deshalb ist es sicher gut, dass auch die Option auf Allradantrieb weiter im Programm geblieben ist.

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