Der wertvollste Parkplatz der Welt

Showtime auf heiligem Boden der Autogeschichte: Im kalifornischen Pebble Beach feiert die PS-Elite jedes Jahr im August ein rauschendes Fest.

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Abends um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Am Horizont fällt glutrot die Sonne in den Pazifik, in der Bucht rollen sanfte Wellen gegen den Strand, und das Green von Loch 18 in Pebble Beach gehört noch den Golfern. Doch nur ein paar Stunden später sieht die Sache schon ganz anders aus: Lange vor dem Morgengrauen schiebt sich eine Karawane von Klassikern durch dichten Nebel auf den fein gestutzten Rasen und verwandelt den berühmtesten Golfkurs in den wertvollsten Parkplatz der Welt: Denn jedes Jahr am dritten Wochenende im August steigt hier der Concours d’Elegance, und die 200 schönsten, seltensten und spektakulärsten Oldtimer geben sich ein Stelldichein.

Juroren wie Inquisitoren

Bevor ab 10.30 Uhr zigtausende Autofans über heiligen Boden der Autogeschichte flanieren und zwischen den PS-Preziosen eine ungewöhnlich unprätentiöse Party feiern, herrscht morgens allerdings erst mal eine geschäftige Ruhe auf dem Platz. Mit Staubwedeln, antistatischen Lappen, ja sogar mit der Zahnbürste wird poliert und gewachst, damit das Schmuckstück ja richtig glänzt. Zwar sind viele Autos mindestens so überrestauriert wie die Damen an der Seite ihrer stolzen Besitzer. Doch für den schönen Schein tun die Sammler in Amerika alles – und die Juroren nehmen es dankbar zur Kenntnis. Zu dritt schreiten sie wie die Inquisitoren durch die Reihen und prüfen bei jedem Auto etwa 20 einzelne Kriterien von Kleinigkeiten wie einem funktionierenden Blinker bis hin zur Qualität der Restaurierung und der Nähe zum Original und entdecken dabei auch das letzte Staubkörnchen und den kleinsten Patzer des Restaurators. «Denn nur wenn ein Auto echt und zeitgemäss ist, hat es in Pebble Beach eine Chance», sagt einer der Juroren.

Erster Gesamtsieg für Ferrari

Kandidaten dafür gibt es eine ganze Reihe. In zwei Dutzend Kategorien stehen die Autos in Reih und Glied. Ganz hinten in der Bucht parken unvorstellbare 20 Ferrari 250 Testa Rossa, weiter vorne stehen zwei Dutzend Rolls-Royce, es gibt eine Kategorie zum 100. Geburtstag von Maserati, und sogar für Tatra haben die Veranstalter in diesem Jahr eine eigene Klasse. Und neben jedem Auto steht ein nervöser Besitzer, der insgeheim darauf hofft, dass am Ende sein Wagen auf der Bühne steht und zum Gesamtsieger gekürt wird. Für die allermeisten bleibt diese Hoffnung unerfüllt, doch Jon Shirley hat heute gut lachen – selbst wenn der ehemalige Microsoft-Vorstand aus Washington seinen Ferrari 375 MM von 1954 jetzt schon wieder polieren muss. Denn das Konfetti, das in allen Ritzen der Karosserie steckt, regnet in Pebble Beach immer nur auf ein Auto: Das mit dem Ehrentitel «Best of Show». Dass der an das silberne Coupé geht, ist etwas Besonderes: Es ist der erste Gesamtsieg für einen Ferrari.

Kaviar «all you can eat»

Der Concours ist zwar der wichtigste, aber längst nicht mehr der einzige Anlass der Monterey Classic Car Week. Neben dem weltberühmten Concours gibt es in dieser Woche Dutzende anderer Schönheitswettbewerbe, Clubtreffen und Schaulaufen: In der Mainstreet von Pacific Grove flanieren die Muscle Cars, auf einem Golfplatz treffen sich alte Audi, BMW und Mercedes bei den «Legends of the Autobahn», Ferrari, Fiat & Co. feiern beim «Concorso Italiano », und die Schönsten der Schönen treffen sich beim «Motorsport-Gathering » auf der vornehmen Quail-Lodge. Zwar kosten die auf 3000 Exemplare limitierten Tickets dort schon im freien Verkauf 450 Dollar und werden auf dem Schwarzmarkt für das Fünffache gehandelt. Doch dafür gibt es neben schnellen Autos und schillernden Persönlichkeiten auch Champagner bis zum Abwinken und Kaviar «all you can eat».

Das absolute Kontrastprogramm dazu bietet der Concours de Lemons, wo aus lauter Spass mit grossem Ernst die übelsten Zitronen der Autogeschichte gekürt werden. Egal ob Ford Pinto, AMC Pacer, Yugo, Stutz IV Porte oder Pontiac Aztec – es gibt kaum eine automobile Geschmacksverirrung, die man bei diesem Concours nicht findet. Und während die Autos drüben am 17-Miles-Drive in der Sonne funkeln wie Edelsteine, sieht man hier zwischen ein paar überraschend gepflegten Skurrilitäten allerorten Beulenpest, Rostfrass und ölige Inkontinenz. «Alte Liebe rostet doch», lacht ein Teilnehmer.

Aufmarsch der Nobelhersteller

Zwar sollten bei den vielen Concours die Oldtimer im Mittelpunkt stehen. Doch wo sich so viele vermögende Autoliebhaber treffen, dürfen auch ein paar attraktive Neuwagen nicht fehlen. Denn wer ein Herz für teure Klassiker hat, ist im Alltag in der Regel nicht mit einem Ford Fiesta zufrieden. Nicht ohne Grund sieht man an diesem Wochenende auf den Strassen zwischen den einzelnen Events mehr Bentleys als BMW, mehr Lamborghini als Lexus und mehr McLaren als Mercedes. Selbst in einem Porsche Panamera oder einem Jaguar F-Type kommt man sich seltsam plebiszitär vor, wenn man auf einer Fahrt von zwei McLaren P1, einem Bugatti Veyron und einem LaFerrari überholt wird.

Damit der Nachschub nicht ausgeht, fahren die europäischen Nobelhersteller in Pebble Beach gross auf: Das heisseste Geschoss kommt von McLaren und ist eine Rennversion des P1. Als GTR wird der Rundstreckenrenner rund 1000 PS und ebenso viele Nm haben, noch böser aussehen, noch besser auf dem Asphalt kleben – und noch exklusiver sein. Denn erstens werden ab nächstem Sommer nur 30 Exemplare gebaut. Zweitens gibt es den GTR nur für alle jene, die schon mal eine Million für den P1 bezahlt haben. Und drittens kostet das Sportgerät aus Woking stolze 2,5 Millionen Euro. In Pebble Beach kein Problem: Schon am Morgen nach der Enthüllung waren die ersten 20 Autos verkauft. Dass es noch teurer geht, zeigt – wie könnte es anders sein – die noble VW-Tochter Bugatti. Die enthüllt in Pebble Beach als letzte von sechs «Legenden» den 1200 PS starken Veyron «Ettore Bugatti» und ruft für das vor allem optisch veredelte PS-Kunstwerk sogar 2,8 Millionen auf. Auch das stört die Auto- Aficionados wenig, und genau wie McLaren meldet auch Bugatti nach ein paar Stunden: «Alle drei Exemplare sind verkauft.» Doch die wohl passendste Premiere von Pebble Beach ist der Lightweight E-Type von Jaguar (TA vom Samstag). Zum einen ist der 340 PS starke Rennwagen ein nagelneues Auto, zum andern ist es eine Konstruktion von 1963, die jetzt originalgetreu umgesetzt wird. Egal ob Oldtimer oder Neuwagen: Der Lightweight hat alles, was es braucht, um in Pebble Beach zum Star zu werden – er ist schön, schnell, mit nur sechs Exemplaren extrem selten und mit knapp 2 Millionen Euro auch sehr teuer. Und vor allem ist auch er schon bei der Premiere ausverkauft.

Keine Baisse in Sicht

Ob neuer Supersportwagen, historische Luxuslimousine oder ein Zwitter wie der Lightweight – Robert Brooks und Alain Squindo machen da keine grossen Unterschiede. Als Chefs von Auktionshäusern wie Bonhams und RM bedienen sie reiche Raser genauso gerne wie die millionenschweren Sammler – und haben damit reichlich zu tun: Ein halbes Dutzend Festzelte stehen auf der Peninsula, und zum Teil schon früh am Morgen schallt daraus der fast psychedelische Singsang der Auktionatoren. Oft im Minutentakt bringen sie in dieser Woche über 15000 Autos unter den Hammer – und machen in Monterey das Geschäft ihres Lebens. «Denn nirgends werden so viele Autos verkauft wie hier», sagt Squindo. Und weil alle gut gelaunt sind wie Kinder im Spielzeugladen, schaut niemand ernsthaft aufs Geld. Nicht umsonst hat Bonhams mit den 38,1 Millionen Dollar für einen Ferrari 250 GTO (TA vom Samstag) den höchsten Preis in der Auktionsgeschichte erzielt. Brooks und Quindo haben keinen Zweifel daran, dass dieser Trend anhält: «Es gibt kaum eine bessere Anlage als Sachwerte», sagt Brooks: «Warum also sollten die Oldtimerpreise nicht weiter steigen?» Zumal man die Rendite auch einstreichen kann, ohne dass man ein Auto wieder verkaufen muss, argumentiert der Bonhams-Chef: «In dem man sich ans Steuer setzt.»

Platzverweis für BMW i3

Mittelfristig könnten die Experten mit ihrer Einschätzung recht behalten. Doch beim Blick in die fernere Zukunft wird ihnen etwas bange. Denn keiner der PS Profis glaubt ernsthaft, dass heute noch Autos gebaut werden, die in 50 Jahren Preise erzielen wie die Klassiker aus den 60ern. Elektroautos jedenfalls, das ist ein Eindruck von dieser Woche, werden das kaum: Zwar hat Tesla mehr Testwagen nach Monterey gebracht als Bentley oder McLaren. Überall auf der Halbinsel surren Neugierige in einer Demo-Flotte von BMW i8 durch die Strassen. Und auf dem Concept Car Lawn stehen ein getuntes Model S und als knapp 600000 Dollar teurer Renovo eine elektrische Neuinterpretation jenes Shelby Coupés, das 1964 in LeMans gewonnen hat. Doch so ganz angekommen sind die Stromer bei den Car-Guys noch nicht. Zumindest nicht bei den verwöhnten Jungs vom Valet- Parking in einem der Hotels: Als dort die ersten Gäste im BMW i3 vorfuhren, bekam der elektrische Kleinwagen glatt einen Platzverweis: «Unsere Parkplätze sind reserviert für echte Autos.»

Erstellt: 18.08.2014, 18:46 Uhr

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