Driften und Dinieren

Im Porsche Experience Center Los Angeles können kalifornische Fans mit der Sportwagenmarke auf Tuchfühlung gehen – selbst wenn sie noch keinen Porsche fahren.

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Disneyworld liegt jetzt gleich hinter der Müllsortierungsanlage. Allerdings fehlen das Cinderella-Schloss, die Achterbahnen und der feuerspeiende Drache, und riesengrosse Mäuse mit Segelohren sucht man auch vergebens. Aber 23'000 Tonnen feinsten Asphalts, ausgerollt auf einem rund 220'000 Quadratmeter grossen Gelände, können ja auch für beste Unterhaltung sorgen. Jedenfalls beim richtigen Publikum.

«Alles begann mit dem 356»

Albert Robles ist jedenfalls schon mal begeistert vom neuen Porsche Experience Center in Carson, California. Vier solcher Vergnügungsparks für Porsche- Fans unterhält die Marke bereits: im deutschen Leipzig, im französischen Le Mans, im britischen Silverstone und in Atlanta im Osten der USA. Und nun seit ein paar Tagen eben ein fünftes, mittendrin im Porsche-Kernland Kalifornien. Der stolze Bürgermeister der 95'000-Seelen-Kommune Carson im südlichen Los-Angeles-County lässt bei der Eröffnung Mitte November seinem Entzücken freien Lauf: «Ein Riesenschritt für die Entwicklung unserer Gemeinde!»

«Alles begann mit dem Porsche 356 in den 1950er-Jahren», sagt Porsches Nordamerika- Chef Klaus Zellmer: «Am Sonntag gewannen unsere Kunden mit dem 3000-Dollar-Auto Rennen, am Montag rannte das Publikum zum Porsche-Händler. » Und dieser Hype um die Stuttgarter Sportwagen hält bis heute. «Wäre Kalifornien ein eigener Ländermarkt, so läge er bei unserem Absatz weltweit auf Platz fünf», sagt Zellmer. Bis Ende September dieses Jahres lieferte Porsche rund 42'000 Fahrzeuge in den US-Markt, davon 23 Prozent nach Kalifornien. Der Porsche Club of North America zählt rund 150'000 Mitglieder.

Hoffen auf 50'000 Besucher

Für sie alle, aber nicht nur für sie, soll das Center einen Anlaufpunkt bieten. Hinter dem XL-Foyer des kubischen Gebäudes lauern Konferenz- und Eventräume, ein Saal mit Fahrsimulatoren – einmal im GT3 durch die Korkenzieherkurve von Laguna Seca? -, ein Studio zur virtuellen Fahrzeugkonfiguration und ein Devotionalien-Shop auf die von Zellmer erhofften 50'000 Besucher pro Jahr. «Surf and Turf» nimmt man im Restaurant 917, den flotten Espresso im Speedster- Café. Und danach könnte man sich die Nase platt drücken an der gläsernen Motorsportwerkstatt.

Gut 150 Rennwagen verkauft Porsche pro Jahr allein in den USA an Privatteams. Im Experience Center sollen sie künftig regelmässig aufgearbeitet, vorbereitet, gehegt und gepflegt werden. Restaurationen alter Renner werden zum zweiten Standbein der Werkstatt; am alten Ort in Santa Ana stellten die Mechaniker zuletzt innerhalb von zwei Jahren einen 917 K auf frische Reifen, das 1972er-Siegerauto von Spa-Francorchamps. Schneeweisser Boden wie im Operationssaal, drei Hebebühnen, und in den Ecken stehen dekorativ ein paar antike Boliden, Leihgaben aus dem Stuttgarter Porsche-Museum.

Ex-Werksfahrer Hurley Haywood erklärt am Eröffnungstag, wie er im 962 LM 1994 die 24 Stunden von Le Mans gewann – und vor dem Start noch in genau diesen 962er hier wechseln musste, weil seine kurzen Beine nicht an die auf den Riesen Hans-Joachim Stuck angepassten Pedale im anderen Auto reichten. Anfassen darf man ihn auch mal. Für den ganz grossen Spass muss man aber hinaus auf den glitzernden Asphalt, der sich zwischen dem San Diego Freeway und der Müllsortierung erstreckt. Porsche hatte Glück, solche Flächen in je 20 Minuten Entfernung nach Downtown L.A. oder zum Flughafen sind rar in der Region – und einfach in die Wüste hineinzubauen, erlaubt der Gouverneur nicht.

Nordschleife in Kalifornien

Für rund 60 Millionen US-Dollar wurde das ehemalige Golfgelände in Porsche- Fahrers Traum verwandelt: Handlingparcours, eine gewässerte Piste à la zugefrorener See, ein Driftkreisel, dazu eine lange Gerade zum Ausprobieren der Launch Control – brachialstmöglicher Spurt auf Tempo 100. Und am Ende wird stilecht im jenem der Nürburgring- Nordschleife nachgebauten Steilwand- Karussell gewendet. Auf der Schleuderplatte lässt sich das Abfangen des Autos trainieren, und im Offroadgelände kraxelt man in Cayenne und Macan über die Wippe, durchs Wasserloch oder die 80-prozentige Steigung hinauf. Und rodelt in den Gurten hängend, aber vom Bergabfahrassistenten sicher gebremst, wieder herunter.

«In den USA kann kaum ein Fahrneuling wirklich Auto fahren», sagt Instruktor Brad. Auf dem College musste er einst einen Aufsatz über die Schweizer Fahrausbildung schreiben, «Super-System, sollten wir auch haben», und er hofft, dass sich möglichst viele Porsche-Fahrer einmal auf den Parcours wagen. Der Lerneffekt mag das eine sein, doch im Vordergrund steht das Erlebnis Porsche. «Das Center ist ein analoger Gegenpol zum digitalen Leben», sagt Porsches Vertriebsvorstand Detlef von Platen. Fans der Marke können die neusten Modelle ausprobieren; solche, die es werden wollen, die ersten Erfahrungen mit den Autos sammeln. Ab Ende 2017 werden Kunden hier auch ihren neuen Porsche abholen können, samt fahrdynamischer Einführung.

Ein Thema für die Schweiz

«Solch ein Center wäre auch für uns eine tolle Sache», sagt Stefan Altrichter, CEO von Porsche Schweiz, und denkt über etwas Ähnliches nach – für Schweizer Verhältnisse: «Spruchreif ist noch nichts.» Albert Robles freut sich schon auf die zusätzlichen zahlenden Gäste in seiner Stadt; Matt Szabo, Stellvertretender Bürgermeister von Los Angeles, beschwört gar dramatisch eine Bedeutung für die Olympiabewerbung für 2024 und wird sich bald für einen Besuch anmelden: «Mein Vater will unbedingt mal hin.»

Andreas Faust besuchte das Porsche Experience Center am 14. November auf Einladung von Porsche Schweiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2016, 16:43 Uhr

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