Die Physik des Lächelns

Ob der Porsche 911 GT3 RS Spass macht? Absolut. Auch wenn es dem Fahrer nicht immer anzusehen ist.

Leichter, stärker, schneller: Der neue Porsche 911 GT3 RS verwischt die Grenzen zwischen Sport- und Rennwagen. Foto: Porsche

Leichter, stärker, schneller: Der neue Porsche 911 GT3 RS verwischt die Grenzen zwischen Sport- und Rennwagen. Foto: Porsche

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Im Nachhinein glaubt man gelächelt zu haben. Aber das stimmt nicht. Jeder, der behauptet, er habe den neuen Porsche 911 GT3 RS mit einem freudestrahlenden Gesicht über die Rennstrecke pilotiert, lügt. Auf dem Bilster-Berg-Rundkurs, genauer gesagt von der Terrasse des Clubhauses aus, liess sich beobachten, was RS-Fahrer wirklich tun, wenn sie auf eine Kurve zudonnern: die Augenbrauen anheben, die Lippen schürzen, den Kopf gegen die Sitzlehne stemmen und mit dem Oberkörper, soweit es die eng zugeschnittenen Schalensitze überhaupt zulassen, in Kurvenrichtung streben.

Nicht, dass die Gesichtsbremse und Oberkörper-Lenkunterstützung nötig wären – die Carbonbremsen stammen aus dem Supersportler 918 Spyder, die Hinterräder lenken mit, die Reifen sind breiter als bei jedem anderen Serien-Elfer, und der Fahrer weiss das auch. Aber im Unterbewusstsein ist er sich dann doch nicht sicher. Wirklich? So spät verzögern? So schnell durch die Kurve? Unmöglich! Ich helfe sicherheitshalber mit – es handelt sich also um einen natürlichen Reflex.

345 Kilogramm Abtrieb

«Nie zuvor stand ein RS dem Cup-Fahrzeug näher», sagt Projektleiter Andreas Preuninger und klärt auf: Die Kotflügel und der Kofferraumdeckel wurden aus Kunststoff gefertigt, das Dach aus Magnesium, die Heck- und Fondscheiben aus Polycarbonat, und statt der herkömmlichen Türgriffe gibt es leichte Schlaufen. Trotz der grossen Turbo- Karosserie liess sich das Leergewicht damit um 20 auf 1420 Kilogramm senken. Gemessen am Aufwand erscheint die Ersparnis zwar marginal, gleichzeitig wurde aber auch der freisaugende Boxer mit der Kurbelwelle des Le-Mans-Racers 919 Hybrid versehen, der Hubraum von 3,8 auf 4 Liter erhöht und die Leistung von 475 auf 500 PS gesteigert. Das Ergebnis: Jedes PS muss nur noch 2,84 Kilo beschleunigen.

Puristen verzichten darum auf die Klima- und die Stereoanlage, die mit 30 Kilogramm ins Gewicht fallen. Letztere ist aber ohnehin überflüssig: Wenn der 6-Zylinder-Boxer auf 8800 Touren hochdreht und die Doppelkupplung durch die Gänge rast, spielt die Musik aus der Titan-Abgasanlage – lauter und härter als jede Heavy-Metal-Band. Und klar möchte man da lächeln, doch die Mundwinkel scheitern allein schon an der Physik. Der grosse, dreistufig verstellbare Heckflügel und die Radhaus- Entlüftungen mit «Louvers» genannten Lamellen sorgen für 345 Kilogramm Abtrieb, und bei bis zu 1,8 G in den Kurven entgleisen einem die Gesichtszüge. Ein paar Clubhaus-Terrassenbesucher werden an jenem Tag sogar ein wildes Blinzeln beobachtet haben. Denn bei solchen Querbeschleunigungskräften, verrutschen auch mal die Kontaktlinsen.

Beliebter als der GT3

Obwohl Parksensoren, Totwinkelwarner und Spurhalteassistent nicht einmal optional erhältlich sind und die Ablagefläche hinter den Sitzen vorzugsweise durch einen Käfig belegt ist, spricht Porsche von einer «hohen Alltagstauglichkeit ». Das ist so zu verstehen: Weil der RS eine Strassenzulassung hat, muss er nicht per Anhänger zur Rennstrecke transportiert werden. Man gelangt mit bis zu 310 km/h auf der deutschen Autobahn einigermassen entspannt ans Ziel, bevor sich die Physik wieder am Gesicht zu schaffen macht. Wer unter Alltag dagegen Regen, Schnee, Bodenwellen und Nachbarschaftsruhe versteht, wird mit einem anderen 911er bestimmt viel glücklicher.

Und lohnt es sich denn, mindestens 221 600 Franken für den GT3 RS zu bezahlen? Ja! Zwar neigen Pressemitteilungen zu Superlativen, Porsche-Mitarbeiter erzählen uns nur, was sie erzählen wollen, und Autojournalisten gelten sowieso als Schwindler. Aber wie Kinder lügen auch die Gesichter von RS-Fahrern nie, und ihre Kaufbereitschaft übrigens auch nicht: Von den 2500 Einheiten, die dieses Jahr auf die Strasse kommen, sind schon fast alle weg. Allein in der Schweiz liegen 210 Bestellungen vor – über 70 mehr, als vom aktuellen GT3 seit Mitte 2013 abgesetzt wurden.

Nina Vetterli fuhr den neuen 911 GT3 RS am 18./19. Mai auf Einladung der Porsche Schweiz AG in Deutschland.

Erstellt: 01.06.2015, 18:38 Uhr

Porsche 911 GT3 RS

Modell: 2-türiges Sportcoupé mit 2 Plätzen.
Masse: Länge 4545 mm, Breite 1880 mm, Höhe 1281 mm, Radstand 2456 mm.
Kofferraum: 125 Liter. Motor: 4,0-Liter-6-Zylinder-Boxer mit 500 PS (368 kW).
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 3,3 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 310 km/h.
Verbrauch: 12,7 Liter auf 100 Kilometer. CO2: 296 Gramm pro Kilometer.
Markteinführung: Juni 2015.
Preise: ab 221 600 Franken.
Info: www.porsche.ch

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