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Grünes Gift

Es gab wohl noch nie ein Mercedes-Modell, das den Fahrer in einen solchen Rausch versetzen konnte, wie der AMG GT R.

Nina Vetterli, Portimão

Das Design, klar, es flösst Respekt ein. Mit seinen weit ausgestellten Kotflügeln, dem Riesenflügel und dem an Hannibal Lecters Maulkorb erinnernden Kühlergrill ist der Mercedes-AMG GT R nicht eben schön – er ist pure Aggression. Auch die technischen Daten beeindrucken: 585 PS, 700 Nm und 318 km/h sind immerhin 75 PS, 50 Nm und 8 km/h mehr, als das bisherige Topmodell GT S aufweist. Hinzu kommen Leichtbaumassnahmen für nur 2,66 Kilo pro PS, eine komplexe Aerodynamik mit aktiven Elementen sowie ein modifiziertes Fahrwerk.

Wenn AMG-Chef Tobias Moers «den nächsten Level der Driving Performance» verspricht, erwartet man nachher auf der Rennstrecke keine Spazierrunde. Aber das, was einen vor Antritt der Testfahrt so richtig gruselt; was geradezu nach einer neuen Dimension des Bösen anmutet, ist die Farbe. Dieses Grün! In Bezug auf die allein schon auf dem Prüfstand ermittelten 11,4 Liter Durchschnittsverbrauch kann das nur sarkastisch gemeint sein. Ausserdem grenzt es an Körperverletzung. Kann mal bitte jemand die Sonnenbrille aus dem Erste-Hilfe-Kasten holen?

Entwickelt auf der Nordschleife

Gewiss, es ist unprofessionell, ein Auto nach seinem Grad der Sehnervüberlastung zu beurteilen. Erst recht, wenn für dieses mindestens 209 600-fränkige Gefährt auch harmlose Lackierungen zur Auswahl stehen. Andererseits kommt die Green Hell Magno genannte Sonderfarbe nicht von ungefähr: Sie deutet auf die Nürburgring-Nordschleife, genannt «grüne Hölle», hin, wo die AMG-GT3-Boliden mit einem Vierfachsieg beim 24-Stunden-Rennen glänzten. Wo die daraus abgeleitete, strassentaugliche R-Version entwickelt wurde. Und wo mit einer Zeit von 7:10:09 Minuten ein Rundenrekord aufgestellt wurde, der den 302 PS stärkeren Porsche 918 Spyder vom Thron stiess. Gut möglich, dass die Lackierung auch die Gesichtsfarbe der Konkurrenz persifliert.

Als es losgeht – zwar nicht auf der Nordschleife, aber auf dem fast so höllisch anspruchsvollen Autódromo do Algarve – kommt der Verdacht auf, dass noch mehr hinter dem Grün steckt. Denn im Optimalfall ist man jetzt jemand, der die Strecke bereits verinnerlicht hat. Im Optimalfall jemand, der mit DTM-Rekordchampion Bernd Schneider im Führungsfahrzeug mithalten kann. Im Optimalfall auch jemand, der gross genug ist, um auf dem nur längs verstellbaren Schalensitz ohne körperliche Anstrengung übers Lenkrad zu blicken. Oder dann halt jemand, der sich sagt: Na ja, wird schon schiefgehen. Grün ist ja auch die Farbe der Hoffnung.

Die Hinterräder lenken mit

Weiss schimmert die Haut über den Knöcheln der sich im Lenkrad verkrallenden Hände. Schwarz glänzt die Mittelkonsole. Gelb strahlt der Regler für die sonst nur in Rennwagen verbaute, neunfach justierbare Traktionskontrolle. Rot ist der Drehzahlbereich, in den der spontan ansprechende V8-Biturbo hochorgelt, bevor das Doppelkupplungsgetriebe den nächsten Gang reinhämmert. Rot leuchtet es denn auch am Heck von Schneiders Pace-Car, wann immer es vor einer Kurve Zeit ist, die Keramik-bremsen zu betätigen. Momente zwischen «Ach, du grüne Neune!» und «Alles im grünen Bereich!», doch irgendwann verschwimmen sie, die Farben, und mit ihnen auch alle anderen bewussten ­Eindrücke.

Das mit einer stufenlos adaptiven Verstelldämpfung kombinierte Gewindefahrwerk bekommt man nicht mit. Genauso wenig die gute Gewichtsverteilung und die aerodynamischen Massnahmen für das bestmögliche Verhältnis zwischen niedrigem Luftwiderstand und hohem Abtrieb. Oder die erstmals bei AMG eingesetzte Hinterachslenkung, bei der die Hinterräder ab 100 km/h parallel mitlenken, um die Stabilität zu erhöhen. Man bemerkt nicht mal, mit welcher Vehemenz die 700 Nm schon ab 1900 Touren pro Minute über die hinteren 20-Zöller herfallen – man wird Teil dieser Vehemenz. Und in gewisser Weise wird man sogar Teil der Strasse, indem die variabel übersetzte Lenkung direkteste Rückmeldungen gibt und das elektronisch geregelte Sperrdifferenzial für fast unwirkliche Traktion sorgt. Das infernalische Gebrüll aus der Sportabgasanlage scheint dabei aus eigener Kehle zu kommen – gab es je zuvor ein Mercedes-­Modell, das einen in einen derartigen Rausch versetzte?

Überraschend komfortabel

Für die anschliessende Fahrt auf öffentlicher Strasse steht ein Exemplar in Sehnerv-freundlichem Anthrazit zur Ver­fügung. Im Komfort-Modus federt der 4,55-Meter-Wagen überraschend kommod, der Motorsound hält sich zurück, und die Hinterräder schlagen nun vor allem in entgegengesetzter Richtung ein, um die Agilität in engen Kehren zu erhöhen. Doch da ist das grüne Gift längst schon in der Blutbahn, und nun mehr davon, bitte! Wo gehts zur nächsten Hölle? Was haben sie sich bei AMG bloss dabei gedacht, das Auto auch in harmlosen Lackierungen anzubieten? Und kann mal jemand die Sonnenbrille in den ­Erste-Hilfe-Kasten zurücklegen?

Irgendwie sieht man die Sportwagenwelt und das, was mit Strassenzulassung heutzutage möglich ist, nach der Fahrt im GT R mit anderen Augen.

Nina Vetterli fuhr den neuen Mercedes-AMG GT R am 12. und 13. Dezember auf Einladung der Mercedes-Benz Schweiz AG in Portugal.

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