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Vier gewinnt

Der mindestens 571 PS starke V8 des Mercedes AMG E 63 kommt manchmal auch mit nur vier Zylindern aus. Und Vierradantrieb ist serienmässig.

Zum Geburtstag strengt man sich immer besonders an. Schliesslich muss man Freunden und Familie etwas bieten, wenn sie zum Feiern einfallen. Fades ­Essen, freudlose Musik – geht gar nicht. Sonst hockt man bei seiner nächsten Party allein da.

Dieses Jahr wird AMG, die Motorsport- und Sport­wagen-Tochter von Mercedes, 50 Jahre alt. Sorgen um ausbleibenden Besuch muss sich AMG-Chef ­Tobias Moers indes nicht machen. Ganz egal, was seine Marke anpackt – irgendwie gelingt ihr derzeit alles. Mit einer auf über 50 Modelle deutlich ausgebauten Palette konnte AMG im letzten Jahr 99'235 Autos verkaufen, was gegenüber 2015 einen Zuwachs von 44,1 Prozent bedeutet. Seit 2013 konnte die Marke ihren Absatz verdreifachen.

Stärker als der AMG GT

Auch wenn das Geschäft wie von selbst läuft, strengt man sich an. Am 18. März rollt die von AMG kuratierte Topversion der E-Klasse von Mercedes zu den Händlern – die stärkste aller Zeiten. Quasi der Gipfel überhaupt, selbst der hauseigene Supersportwagen AMG GT kommt nicht mit. Beide Modelle teilen sich zwar den vier Liter grossen Biturbo-V8. Aber während der extremste GT 585 PS leistet, kommt der Mercedes AMG E 63 in der S-Version bis auf 612 PS. Natürlich, man könnte auch zur, nun ja, Basisversion greifen mit 571 PS. Aber diese dürfte auf Schweizer Strassen deutlich in der Unterzahl bleiben.

Immerhin passt der V8 ohne grössere Blechschneidereien in den Motorraum der Oberklasse-Limousine. Motoren­entwickler Axel Seilkopf hatte dennoch genug zu tun: «Neue Kolben, neue Turbolader, eine angepasste Luftführung – eigentlich blieb nur der Block unangetastet», zählt er auf. Weil man ja ungern in der Öffentlichkeit die Sau rauslässt, darf der E 63 S auf der Rennstrecke von Portimão (Portugal) den AMG GT des Fahrinstruktors vor sich herjagen. Letzterer schlägt zwar schnellere Haken in den Kurven, aber auf der Zielgeraden hängt ihm die 1,9-Tonnen-Limousine gleich wieder am Heck.

Dennoch: Kaum zu glauben, dass ­tatsächlich ein Grossteil der AMG-Eigner mit ihren Autos auf Rennstrecken unterwegs ist – ungeachtet dessen, ob sie zwei oder vier Türen haben, wie Seilkopf betont. Immerhin, Brachialität war nicht alles im Entwicklungsprozess: Je nach Fahrsituation wird den Zylindern zwei, drei, fünf und acht die Spritzufuhr gekappt, und der V8 wird zum deutlich sparsameren Teilzeit-V4. Einzige Voraussetzung dafür ist nur, dass weniger als 3000 Touren anliegen – das fällt einem schwer – und weniger als 200 Newtonmeter Drehmoment benötigt werden. Im Halbstark-Modus tarnt die den Ton modulierende Klappenauspuffanlage den Vierzylinder und gaukelt akustisch einen kompletten Motor vor. «Vierzylinder tönen einfach nicht», bedauert Seilkopf. Natürlich müsse ein AMG nicht überall herumplärren, aber völlige Stille? Unmöglich.

Variabler Allradantrieb

Erstmals erhält die AMG-E-Klasse eine Neunstufenautomatik mit einer spritsparenden Anfahrkupplung statt eines trägen Drehmomentwandlers und Allradantrieb serienmässig. Bei der letzten Generation allenfalls eine Option: «Die damals feste Kraftverteilung hemmte das Auto fahrdynamisch», erklärt Seilkopf. Mit dem neuen, voll variablen System, das je nach Untergrund und Fahrsituation die komplette Antriebskraft auch nur auf die Hinterachse leite, sei dieser Nachteil aber passé – «deswegen nun der Serien-4×4». Damit liesse sich sogar eine Art Driftmodus programmieren, der fix die Leistung allein nach hinten leitet.

Auf der Testrunde durchs bergige Hinterland der Algarve merkt man davon – eigentlich nichts. Weil: Driftmodus gesperrt, richtigerweise. Die Anpassung der Kraftverteilung erfolgt unmerklich, beim Einlenken und Herausbeschleunigen aus den Kurven spürt man dafür umso mehr die erhöhte Stabilität und optimierte Traktion.

Ein bisschen Bonus-Ausstattung liefert Mercedes-AMG zum E 63 mit: LED-Scheinwerfer zum Beispiel, klappbare Rücksitzlehnen und einen Tank mit 66 Litern Volumen, den man sehr gut wird brauchen können, wenn man eben nicht immer im Vierzylinder-Betrieb ­herumrollen mag. Die 96-seitige Preisliste ist eine inspirierende Bettlektüre: Von Servomotoren zum Türenschliessen über einen 31-cm-Monitor für die Instrumente bis hin zum Assistenten-Paket für pilotiertes Fahren wäre alles lieferbar, was auch in der normalen E-Klasse zu ordern ist. Für 3825 Franken hebt AMG die Höchstgeschwindigkeit auf 300 km/h an, allerdings nur bei obligatem Fahrkurs. Nur die wenigsten E 63 dürften zu den Listenpreisen von ab 138 100 respektive 151 200 Franken für die S-Version aufgeliefert werden, erst recht in der Schweiz.

Platz für einen Elektromotor

Bis in die letzte Ecke mit Technik vollgestopft, so wirkt der E 63. Aber warum bleibt so viel Platz im Getriebe, wie man an einem aufgeschnittenen Demo-­Objekt sehen kann? «Da passt genau ein Elektromotor hinein», sagt Axel Seilkopf. Die Elektrifizierung des Auto­mobils wird auch an AMG nicht vorübergehen. Vielleicht kommen dann künftig noch ein paar Kunden mehr.

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