Kult-Autos

Auch David Bowie liebt diesen Briten

Der Bentley Corniche und sein Bruder von Rolls-Royce waren besonders bei Pop-Stars und Industriemagnaten beliebt.

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Man fühlt sich irgendwie von allen Sorgen befreit, wenn man im Bentley Corniche fast schwerelos über die Strassen gleitet, die Luft in den Haaren, das dumpfe Grollen des grossvolumigen Achtzylinder-Motors in den Ohren. Alles geht mühelos vonstatten, elektrische Unterstützung inklusive.

Der Corniche ist der Bentley/Rolls-Royce für Leute, die gerne selber fahren - obschon sich die Prominenz wie Elton John oder David Bowie, der übrigens einst im fotografierten schwarzen Bentley Corniche reiste, auch chauffieren liessen.

Bruch mit der Vergangenheit

Als Rolls-Royce 1965 die Limousine Silver Shadow und den baugleichen Bentley T Series in Paris vorstellte, wurde gleich mit einer ganzen Reihe von Traditionen gebrochen. Eine selbsttragende Karosserie aus Stahlblech, eine gegenüber den Vorgängern drastisch verbesserte Aerodynamik, erhöhte passive Sicherheit und knappere Dimensionen, ohne dabei Nutzwert zu verlieren, waren einige der Neuerungen, die die Rolls-Royce-Entwickler ab Mitte der Fünfzigerjahre zunächst mit dem Projekt Tibet und mit einer Reihe von Prototypen erprobten, und dann zur Limousine Silver Shadow gedeihen liessen. Und er wurde von denen, die sich ein derartiges Fahrzeug leisten konnten, überaus freundlich empfangen.

Coupé und Cabriolet als kreative Ableitung

Die neuen Konstruktionsprinzipien hatten auch Auswirkungen auf die kreativen Ableitungen und Individualkarosserien, die in der Vergangenheit ein bedeutendes Geschäftsfeld für verschiedene Karosseriebauer wie James Young, Barker, Freestone and Webb, Gurney Nutting, Hooper oder etwa Mulliner, Park Ward gewesen waren. Diese hatten auf den selbstragenden Chassis kunstvolle Karosserien aufgebaut, für Leute, die sich das Besondere leisten wollten.

Mit dem Übergang zur «Monocoque-Bauweise» wurden Umbauten ungleich komplexer. Immerhin gelang es James Young eine gekürzte Silver-Shadow-Coupé-Variante zu bauen, die sich rund 50 Mal verkaufte.

Die Entwicklung und der Bau der «offiziellen» Coupé- und Cabriolet-Version des Silver Shadows (und Bentley T-Series) wurde Mulliner, Park Ward anvertraut, welche bereits seit geraumer Zeit von Rolls-Royce übernommen worden waren.

In kürzester Zeit entstand das komplette Styling der zweitürigen Varianten. Das wichtigste Element war dabei der Schwung auf dem hinteren Kotflügel, der dem Wagen eine gewisse Leichtigkeit und gleichzeitig etwas Nostalgisches verlieh. Zudem war das Heck umgestaltet und wirkte zierlicher als bei der Limousine.

Design fast für die Ewigkeit

In nur sechs Wochen schuf Bill Allen ein Design, das fast dreissig Jahre lang gebaut werden sollte, was man allerdings 1965 noch nicht wissen konnte. 1966 wurde das Coupé am Genfer Autosalon vorgestellt, 1967 folgte die offene Version, die in London debütierte. Preislich lag die Coupé-Version rund 50% über der Limousine. Für das «Drophead Coupé», so wurde die Cabriolet-Version genannt, waren nochmals 5% mehr anzulegen. Dies entsprach 8500 Pfund (exklusive Steuern) oder 112'000 Franken in der Schweiz, fast 119'000 D-Mark in Deutschland. Die Bentley-Version war marginal günstiger zu haben, die Preisdifferenz zum Rolls betrug 1968 etwa 50 Pfund oder 600 Schweizer Franken.

Viel Handarbeit, lange Bauzeit

Viel Geld für ein Auto. Der Wert entsprach immerhin einem kleinen Einfamilienhäuschen und das sollte sich über die ganze Bauzeit nicht ändern. Es steckte aber auch viel Arbeit in einem zweitürigen Rolls oder Bentley. Die durch «Pressed Steel Fisher» angelieferten Silver-Shadow-Karosserien wurden bei Mulliner, Park Ward in aufwändiger Arbeit in Coupés und Cabriolets umgebaut. Für die offene Version mussten zahlreiche Verstärkungen angebracht werden, um die Stabilität der um das Dach beraubten Variante zu erhöhen. Das Cabrio-Dach wurde individuell durch eine Facharbeit in rund einer Woche Arbeit an das Fahrzeug angepasst.

Die gediegenen Interieurs wurden nach den Wünschen der Käufer individuell bezogen und ausgestattet, nur feinste Materialien (Holz, Leder) wurden verwendet. Die Standardausrüstung war weitgehend komplett, es wurde für maximalen Komfort gesorgt. Servolenkung, Servobremsen, ein elektrisch öffnendes und schliessendes Dach, sowie sogar einen servo-unterstützten Schalthebel für die Automatik sollten die Besitzer soweit wie möglich von körperlicher Arbeit entlasten.

Mindestens vier Monate betrug die Bauzeit, in vielen Fällen waren es wohl eher sechs und mehr Monate, was wesentlich über den 12 Wochen lag, die für eine Silver Shadow Limousine benötigt wurden.

Technisch entsprachen die zweitürigen Versionen weitgehend der Limousine. Der Leichtmetall-V8-Motor mit zuerst 6.25 und später 6.75 Liter Hubraum wurde mit anderen Ventilsteuerungszeiten und widerstandsärmerem Auspuffkrümmer und Luftfilter auf etwas mehr Leistung getrimmt. Wie damals üblich gab es dazu keine offiziellen Zahlenangaben, «genügend plus zehn Prozent» musste als PS-Indikation genügen. Geschaltet wurde automatisch, im Normalfall mit der GM400-Automatik, die von General Motors zugekauft wurde.

Corniche und Reader's Digest

War das Cabriolet unter der nüchternen Bezeichnung «Silver Shadow Drophead Coupé» zur Welt gekommen, erhielt es 1971 eine eigene Typenbezeichnung: Corniche. Der Name, der romantisch klingt, aus dem Französischen stammt und eine Küstenstrasse beschreibt, war in einer Schriftart auf dem Heck montiert, die Stylist Martin Bourne aus einem Reader’s Digest Magazin entliehen hatte.

Für Historiker sei angefügt, dass es bereits 1939 ein Bentley-Modell namens Corniche gegeben hatte, aber dieses von Van Dooren karossierte und auf einem Bentley Mark V Chassis aufgebaute Einzelstück war nach einer 24'000-km-Testfahrt durch eine Bombe zerstört worden.

Für verwöhnte Enthusiasten

Die «Automobil Revue» hatte 1971 die Gelegenheit, das neue Cabrio zu fahren: «Im Leerlauf hört man nichts vom Motor, und beim Niedertreten des Gaspedals setzt sich der Rolls-Royce Corniche gediegen und ohne Hast in Bewegung ... Die Federung entspricht ganz dem Luxuscharakter des Wagens und hält grosse wie kleine Unebenheiten von den Insassen fern.»

Bereits 125'000 Franken kostete das Auto 1971 und 1980, als «Auto Motor und Sport» den Rolls-Royce Corniche Convertible fuhr, wurden bereits 247'922 D-Mark als Richtpreis notiert. Während die 10.7 Sekunden für den Sprint von 0 bis 100 km/h und die Spitzengeschwindigkeit 200 km/h für kaum einen Käufer ein entscheidendes Argument gewesen sein dürften, waren es Exklusivität - 1979 waren 439 Cabriolets gebaut worden - und zeitloser Stil. Besonder dies Amerikaner liessen sich von diesen Qualitäten des Engländers überzeugen. Somit wurden 80% der Rolls-Fahrzeuge linksgelenkt ausgeliefert. «Wer Massanzüge oder italienische Schuhe kauft, für den ist eben auch im Automobil-Bereich irgendwann nur das Beste gerade gut genug», erklärte Rolls-Royce-Generaldirektor David Plastow den anhaltenden Erfolg.

Individualität und Qualität, aber nicht überall Spitzenleistungen

«Auto Motor und Sport» jedenfalls schätzte die gefühlte Qualität: «So vermittelt jeder satt einrastende Schalter das Gefühl von ausgefeilter Perfektion ...». Allerdings wurde auch kritisiert: Das Wirrwarr elektrischer Hilfen, zufällig verteilte Bedienungselemente, eine manuell zu montierende Abdeckung für das Verdeck, und ein hoher Verbrauch wurden als Minuspunkte genannt, gleichzeitig aber auf hervorragenden Federungskomfort, ein satt schliessendes und wasserdichtes Dach und spürbaren Schub beim Tritt auf das Gaspedal hingewiesen.

Ein gutes Jahr später verglich dann die «Motor Revue» das Corniche Cabrio mit dem Mercedes 500 SL, dem Porsche 911 SC Cabrio und dem Morgan Plus 8 und schloss diesen Bericht mit der Bemerkung “dem Corniche gebührt die Krone, aber auch die anderen Offen-Autos zeigen, dass der Charakter noch nicht aus allen Blechgehäusen gewichen ist - vive la différence - es lebe der Unterschied” ab.

11.3 Sekunden, die das 2298 kg schwere Corniche Cabriolet für die 0-100 km/h Messung benötigte und die 193,6 km/h Höchstgeschwindigkeit, wie auch der 21,4 Liter Durchschnittsverbrauch wurden erwähnt. Ach ja, der Preis betrug zu diesem Zeitpunkt bereits 346'910 D-Mark. Doch damit war noch nicht Ende der Fahnenstange, die letzten Modelle standen in der Schweiz für über 430'000 Franken in der Preisliste, fast das Vierfache des ursprünglichen Preises.

Lange Bauzeit und viele Verbesserungen

Der Corniche wurde über die Jahre immer weiter verbessert und an Vorschriften und Geschmack angepasst. Er erhielt massivere Stossstangen und sogar den Ansatz eines Frontspoilers. Die analoge Uhr wich einer Digitaluhr, das Heckfenster aus Plastik wich einem solchen aus Glas, Airbags und ABS wurden eingeführt, die Räder wurden breiter, die Klimaanlage und immer mehr andere Dinge wurden elektronisch gesteuert. Ab 1985 ersetzte bei Bentley die Bezeichnung Continental den Corniche-Schriftzug.

Selten, seltener, am seltensten

Immerhin 6233 Cabriolets wurden in nicht ganz 30 Jahren gebaut, nur 9% davon trugen den Bentley-Kühler und -Markennamen. Das macht eigentlich die Bentley Corniche zu besonders seltenen Artgenossen, was auch die bescheidene Zahl von 15 gebauten Bentley Corniche zwischen 1979 und 1981 beweist, denen das gefahrene und fotografisch festgehaltene Modell dieses Berichts angehört.

Trotzdem schlägt sich das nicht in einer höheren Wertschätzung nieder, die Unterschiede zwischen den Modellen waren wohl zu gering und viele Leute bevorzugen den noch mehr nach Statussymbol ausschauenden Rolls-Royce-Kühlergrill mit der «Spirit of Ecstasy» (auch Emily genannt) oben drauf.

Über 120'000 Franken oder 100'000 Euro notieren Branchenexperten als Wert für ein perfektes Corniche Cabrio, aber der Markt bietet auch bedeutend günstigere Exemplare. Wartung und Unterhalt können allerdings grosse Löcher in zu kleine Geldbeutel reissen und die Ersatzteile werden teilweise mit Gold aufgewogen.

Wie einst David Bowie

Ob David Bowie in seinem schwarzen Bentley Corniche Cabrio mit Baujahr 1980 selbst fuhr oder sich fahren liess wissen wir nicht, aber beides gehört sicher zu den genussvolleren Dingen im Leben. Mühelos gleitet der Wagen dahin, rollt sanft ab, verhindert jegliche Hektik. Es ist, als ob die Zeit langsamer läuft, der Stress entschwindet, man geniesst die Sonne, riecht Blumendüfte und hört Vögel trillern. «Space Oddity» und «Ashes to Ashes» sind da völlig unnötig, lieber stellt man fest, dass man vom Wagen fast nichts, aber von der Umwelt viel mehr hört. Majestätisch.

Garagengrösse beachten

Obschon der Wagen vergleichsweise kompakt aussieht, sind auch seine Dimensionen königlich. 5,2 Meter lang, 1,83 Meter breit und 1,52 Meter hoch ist der Corniche und überragt damit die meisten seiner wohlfeileren Artgenossen. Drum, selbst bei sinkenden und durchaus attraktiven Preisen sollte man zuerst die Garagengrösse und die Tauglichkeit der Einfahrt überprüfen, bevor man sich einen Corniche zulegt.

Weitere Informationen, viele zeitgenössische und historische Aufnahmen, unzählige Originalprospekte und Tonmuster finden sich auf Zwischengas.com (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.10.2011, 10:12 Uhr

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