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Der Ford V8 Super Deluxe kam ohne Benzin aus

Ohne Benzin, aber mit Holzabfällen und Kohle: Als Generatorenwagen wegen der Benzinknappheit in Mode kamen.

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Im Film «Back to the Future» (Teil 2) sammelt der Wissenschaftler und Erfinder Dr. Brown Abfälle aus Mülltonnen, schmeisst sie in seinen sehr speziellen De Lorean und verhilft damit dem fliegenden Sportwagen zu Treibstoff.

Ganz so fortschrittlich ging es in den 1940er-Jahren nicht zu und her, als Generatorenwagen wegen der Benzinknappheit in Mode kamen. Immerhin aber konnte mit Holzabfällen oder Holzkohle gefahren werden. Es sind kaum Fahrzeuge aus der Zeit übrig geblieben, umso interessanter, auf einen Ford V8 mit installiertem Royal-Generator zu treffen.

Die mobile Treibstofferzeugung im Auto

Die Holzvergasung als Möglichkeit, sozusagen autonom Treibstoff zu produzieren, war bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt worden. Um 1920 wurden erstmals in Frankreich Automobile mit Sauggas aus Holzkohlegasanlagen betrieben. Zu Beginn setzte man diese Energieproduktion auch wegen ihrer Grösse hauptsächlich bei Traktoren und Lastwagen ein.

Mit der Verknappung des Erdöls wurde der Holzvergaser immer populärer, Anbieter wie Imbert, Royal, Christen, Carbojura, F.M., Vula, PP oder Cabronia boten Nachrüstgeneratoren für Automobile an.

Blütezeit während der 1940er-Jahre

Während der Jahre des Zweiten Weltkriegs stieg die Bedeutung der mobilen Gaserzeugung schnell an, die Techniken wurden verbessert und perfektioniert. Fortschritte wurden insbesondere bei der Betriebssicherheit, der Brennstoffverträglichkeit, bei der Wirtschaftlichkeit, beim Wartungsaufwand, beim Bedienungskomfort und nicht zuletzt auch bei der Ästhetik gemacht. Im Jahr 1944 etwa schrieb die «Automobil Revue» anlässlich einer Testfahrt mit einem Peugeot 402 mit Royal-D-Holzkohlegenerator: «Der Generator holt Terrain auf. [...] Wir sind soweit, dass bei normalen Fahrten eigentlich nichts mehr passiert und erst grosse Anforderungen lassen uns an die Leistungsgrenze gelangen.»

Im Visier der Fachpresse

Die «Automobil Revue» testete eine Reihe von Generatorwagen, vom Mercedes-Benz 170V, über den Citroën 11, den Peugeot 402 bis zum Ford V8. Verbrauchswerte zwischen 10 bis 20 kg Holzkohle pro 100 km wurden akribisch gemessen, die Startzeit bei kaltem Gaserzeuger verbesserte sich von rund sechs (und mehr) Minuten bis zu akzeptablen Zeiten von unter einer Minute. Auch die immer einfacheren Wartungseingriffe und die geringer werdende Bedienungskomplexität wurden von den AR-Redakteuren wohlwollend notiert.

Eigens organisierte Prüfungsfahrten

Der Weiterentwicklung und der Vermarktung der Generatorenwagen waren auch gross angelegte Prüfungsfahrten förderlich, die zum Beispiel 1943 und 1944 anlässlich des Comptoir Suisse durchgeführt wurden, und bei denen nicht nur die Startprüfung – wie schnell kann der kalte Wagen in Gang gesetzt werden? – absolviert werden musste, sondern auch eine rund 1000 km lange Teststrecke zurückzulegen war.

Der Ford V8 Super Deluxe von 1948

Bereits im Jahr 1932 hatte Ford die Basis für einen wichtigen Teil seiner künftigen Modellpalette gelegt. Man baute einen neuen V8-Motor in ein modifiziertes A-Modell ein. Bereits ein Jahr darauf erschien der V8 in einem vollständig neuen Modell, dessen Grundzüge bis ans Ende der 40er-Jahre Bestand haben sollten. Der Super Deluxe des Baujahres 1948 konnte auf einen 3916 cm3 grossen Motor mit 100 PS Leistung vertrauen, genug, um eine rund fünf Meter lange und 1,5 Tonnen schwere Limousine zu anständigen Fahrleistungen zu bewegen. Die rundlichen Formen atmeten noch den Geist der Vorkriegsjahre, im Innern aber gab es eine reichhaltige Ausstattung.

Mit Royal-Generator

Die im Ford V8 installierte Gaserzeugungsanlage ist eine Einvolumenanlage, das heisst, alle für die Gaserzeugung und Filterung nötigen Komponenten sind an einem Ort, dem Heck des Wagens, untergebracht. Der Royal-Generator besteht aus Herd, Silo, Kühler, Filter und einem automatischen Temperaturregler. Von vorne ist dem Fahrzeug nicht anzusehen, dass es seine eigene Gaserzeugung mitführt, während der Wagen von hinten aussieht, als führe er ein Atomkraftwerk mit.

Aufwendige Startprozedur – schnell Brötchen holen im Dorf geht nicht

Autofahrer von heute können sich kaum daran erinnern, dass in Dieselfahrzeugen früher noch vorgeglüht werden musste, beim Holzvergaser-Mobil aber musste richtiggehend eingeheizt werden. Alles beginnt mit der richtigen Befüllung (Bunkerung), die auch bei Holzbetrieb zusätzlich rund 10 kg Holzkohle am Boden beinhalten muss. Es ist darauf zu achten, dass nur minimale Hohlräume entstehen.

Vor dem Anfeuern ist allfälliges Kondenswasser abzulassen, dann wird der Ventilator der Anlage eingeschaltet, um noch vorhandenes Restgas zu entfernen. Als nächstes wird mit einer Lunte gezündet, und die Verbrennung der Holzkohle und die Verkohlung des Holzes beginnt. In einem Schwelprozess entstehen brennbare Gase, die gereinigt und dann zum Motor geführt werden.

An der Ventilatoraustrittsöffnung kann nach ein bis zwei Minuten (im optimalen Fall) überprüft werden, ob genügend brennfähiges Gas vorhanden ist. Wenn die Flamme am Abgasrohr bestehen bleibt, dann kann der Wagen gestartet werden. Dazu wird die Zündung eingeschaltet und der Schnellstartknopf bei voll durchgetretenem Gaspedal gezogen. Sobald der Motor rundläuft, kann der Ventilator ausgeschaltet werden und das Gasgemisch mit dem Knopf für die Zusatzluft optimiert werden.

Fahren mit Weitsicht

Auch das Fahren verlangt nach zusätzlichen Eingriffen. So muss das Gas-Luft-Gemisch immer wieder dem Fahrzustand angepasst werden. Die Drehzahl des Motors sollte möglichst konstant gehalten werden, frühzeitiges Schalten wird empfohlen. Bei längeren Talfahrten muss die Bereitschaft des Generators durch dauernde oder zeitweilige Gasentnahme aufrecht erhalten bleiben. Und tanken respektive bunkern muss man spätestens dann, wenn nur noch ein Drittel des Treibstoffes vorhanden ist.

Umfangreiche Wartungsarbeiten

Auch ein moderner Generatorwagen erfordert fortlaufend Wartungseingriffe. Täglich ist das Schwelwasser abzulassen sowie allfällige Schlacke zu entfernen, nach rund 200 km muss der Rüttelrost betätigt werden, nach 400 km muss der Ascheraum des Generators entleert werden. Wöchentlich sind Lagerstellen zu schmieren, nach spätestens 2000 bis 3000 km muss der Filter gereinigt werden. Dies alles mag aufwendig erscheinen, stellt gegenüber früheren Generatoren aber schon eine wesentliche Arbeitserleichterung dar, die hauptsächlich dem Stofffilter zu verdanken ist, den Ingenieur Ottiker in aufwendiger Arbeit entwickelt hat.

Eingeschränkter Nutzwert

Nicht nur der verlorene Kofferraum war ein Nachteil für Generatorwagen-Besitzer, auch die verminderte Nutzlast wegen des Zusatzgewichtes der Gaserzeugungsanlage, die schon einmal 100 kg schwer oder schwerer sein konnte. Beim Ford V8 ist dies nicht anders. Auf dem Heck thront die archaisch anmutende Gasfabrik, das Gepäck muss in den Innenraum. Das Einfüllen des Treibstoffes, zum Beispiel Holzkohle der Körnung 10/35, erfolgt von oben. Um überhaupt in der Lage zu sein, einen Sack beim Klappdeckel einkippen zu können, wurden eigens Trittbretter über der Heckstossstange angebracht. Die grosse Anlage nimmt praktisch die gesamte Sicht nach hinten, Rückwärtsfahren und Rangieren geraten damit zur Kunstübung.

Doch immerhin erhält man im Gegenzug für die eingegangenen Kompromisse eine erdölfreie Mobilität und hat seine eigene Treibstoffversorgung, wenn man denn Waldbesitzer ist.

Reduzierte Fahrleistungen

Aus Holz oder Holzkohle erzeugtes Gas schneidet bezüglich Energiewert gegenüber Benzin schlecht ab, die Fahrleistungen des Ford V8 leiden. Als Regel ging man in den Vierzigerjahren davon aus, dass grundsätzlich einen Gang tiefer gefahren werden müsse, was beim Ford Super Deluxe mit Dreiganggetriebe besonders schmerzt. Eine Leistungsreduktion um 20 Prozent (und mehr) muss trotz erhöhter Kompression vergegenwärtigt werden. Mehr als 100 km/h sind dem Ford im Holzbetrieb kaum zu entlocken.

Aktionsradius variabel

Im Super Deluxe muss mit rund 15 bis 25 kg Holzkohleverbrauch pro 100 km gerechnet werden. Bei einer Kapazität des Silos von rund 30–40 kg (je nach Füllung und Material) ergibt sich somit eine Reichweite mit einer Tankfüllung von 120 bis 200 km. Doch im Gegensatz zu Benzin, das man vermutlich nur ungern im Wageninneren befördert, kann man natürlich gleich mehrere Säcke mit Holz oder Holzkohle auf dem Rücksitz mitnehmen und somit die Reichweite vergrössern.

Der im unrestaurierten Originalzustand erhaltene Ford V8 mit installierter Royal-Holzvergaseranlage, der hier abgebildet ist, wird am 13. Oktober im Salzhaus in Wangen an der Aare ohne Mindestgebot versteigert. Man darf gespannt sein, wie viel die Bieter für diese wohl inzwischen nahezu einmalige Spezialkonstruktion zu zahlen bereit sind.

Mehr Bilder und Informationen zum Ford Super Deluxe mit Holzvergaseranlage von 1948 finden sich auf Zwischengas.com

Erstellt: 09.10.2012, 09:03 Uhr

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