Der Wagen, mit dem John Lennon seine ersten Erfahrungen machte

Welcher ist der ideale Wagen für Leute, die gerade die Fahrprüfung bestanden haben? Nun, John Lennon von den Beatles wählte 1965 einen Ferrari 330 GT - und traf damit keine schlechte Wahl.

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Als John Lennon im Jahr 1965 seinen Führerschein machte, ging es nicht lange, und schon belagerten die Verkäufer von Luxusfahrzeugen sein Haus in Weybridge. Die Beatles hatten gerade die Arbeiten an «Ticket to Ride» abgeschlossen, und da passte wohl auch der Kauf eines Autos gut zum Titel. Lennon sah sich also einer imposanten Sammlung attraktiver Autos gegenübergestellt und wählte schliesslich statt eines Aston Martin, Jaguar oder Maserati den blauen Ferrari 330 GT 2+2 mit Chassis-Nummer 6781. Ob die Farbe einen Einfluss auf seinen Entscheid hatte, ist nicht klar, die zwei Sitzplätze im Fond jedenfalls dürften ihm wichtig gewesen sein, denn er hatte einen Sohn im Alter von 22 Monaten zu jener Zeit.

Ende der Fünfzigerjahre hatte sich Enzo Ferrari als Sport- und Rennwagenhersteller einen guten Ruf aufgebaut, seine Autos wurden in viele Länder exportiert. Der vielleicht wichtigste Markt waren die USA, wo gegen die Hälfte seiner Autos verkauft wurden. Bis 1960 hatte Ferrari seine Autos ausschliesslich (mit Ausnahme einiger Einzelanfertigungen) zweisitzig verkauft, doch mehr und mehr Kunden verlangten nach mehr Transportkapazität. So erging der Auftrag an Pininfarina, die Quadratur des Kreises zu versuchen - nämlich die Eleganz eines Zweisitzers mit der Praxistauglichkeit eines Viersitzers zu kombinieren. Es entstand der Ferrari 250 GT 2+2, der anlässlich der 24 Stunden von Le Mans als Pacecar erstmals der Öffentlichkeit gezeigt und hinterher am Pariser Autosalon im Oktober 1960 offiziell präsentiert wurde.

Ein Rekord für Ferrari

Pininfarina hatte ganze Arbeit geleistet und auf dem unveränderten Radstand des bisherigen Coupés durch Vorverlegung des Motors um rund 20 Zentimeter den Platz für zwei zusätzliche Sitzplätze im Fond geschaffen. Die Karosserie war gegenüber dem zweisitzigen Coupé um rund 30 cm in der Länge und 6 cm in der Breite gewachsen. Technisch entsprach der 250 GT 2+2 dem bisherigen Modell, als Motor diente die Dreiliter-Colombo-Maschine, die 240 PS bei 7000 Umdrehungen leistete. Der Markt jauchzte und kaufte. Etwa 950 Exemplare konnten gebaut werden, für Ferrari ein Produktionsrekord.

Um den leistungsmässig immer stärkeren Konkurrenten nicht hinterherfahren zu müssen, entschied man sich bei Ferrari, den grösseren Motor aus dem Ferrari 400 Superamerica in den 2+2 einzubauen. So entstand bereits im Winter 1960/1961 ein erster Versuchsträger, doch erst 1963 wurde das nun 330 GT America genannte Coupé im Kleid des 250 GT 2+2 an Kunden verkauft, wenn auch in minimalen Stückzahlen – man spricht von zwanzig Fahrzeugen. Von aussen verriet nur der Schriftzug «America» auf dem Kofferraumdeckel den auf vier Liter gewachsenen Hubraum. Abgelöst wurde er schon nach wenigen Wochen durch den offiziellen 330 GT.

Ein amerikanischer Europäer

Am 11. Januar 1964 wurde das neue Coupé 330 GT 2+2 an der traditionellen Ferrari-Pressekonferenz vorgestellt. Der neu gestaltete Familiensportwagen hielt für die anwesenden Journalisten eine grosse Überraschung bereit: das Vieraugengesicht. Tom Tjaarda war bei Pininfarina für das Design des leicht gewachsenen Coupés zuständig. Er sagte später, es sei ein schwieriges Projekt gewesen. Sie hätten erst nach vielen Versuchen «die Proportionen richtig hingekriegt». Er als Amerikaner habe den Wagen damals als sehr italienisch empfunden, während die Europäer das Coupé für stark amerikanisch inspiriert hielten. Dies lag eindeutig an den Doppelscheinwerfern, die sicherlich ein Zugeständnis an den amerikanischen Geschmack waren. Insgesamt war der Wagen aber sehr schlicht, fast sanft gestaltet, wirkte vor allem in gedeckten Metallic-Lackierungen sehr elegant.

Im Innern hatten die Pininfarina-Leute mehr Sitzraum geschaffen, und auch das Armaturenbrett war überarbeitet worden. Am 400-SA-Motor, der bereits im 330 America seinen Dienst getan hatte, waren keine Änderungen nötig, die 3947 cm3 reichten für 300 PS bei geradezu zivilen 6600 U/min. Geschaltet wurde über ein Vierganggetriebe mit elektrisch zuschaltbarem Overdrive.

Auch als Polizeiauto

Sie hätten auch eine Version für die italienische Polizei gebaut, ganz in Schwarz gehalten, aber mit unübersehbarem Blaulicht auf dem Dach, erzählte Tom Tjaarda in einem Interview. Mit dem 300 GT 2+2 sei ihm und Pininfarina ein Neuanfang geglückt, der nicht einfach die bisherige Linie fortgesetzt habe, sondern etwas Neues gewesen sei, meinte Tjaarda auch Jahre später noch mit viel Stolz.

Über 600 dieser (nachträglich Serie 1 genannten) 330 GT 2+2 wurden bis 1965 verkauft, die letzten rund 125 erhielten einige technische Verbesserungen, darunter ein Fünfganggetriebe. Eines dieser Coupés war John Lennons erstes Auto.

Seit den Sechzigerjahren hat sich im Sportwagenbau viel getan: Der Mittelmotor kam auf, Reifen wurden breiter und flacher, die Aerodynamik ausgefeilter, der Schwerpunkt sank. Im Vergleich mit modernen Sportwagen vom Stil eines Ferrari 458 oder FF wirkt der 330 GT so alt wie er ist, setzt man sich aber auf die Ledersitze und blickt um sich, beginnt der Sechzigerjahre-Charme sofort zu wirken.

Das mit Holzfurnier überzogene Armaturenbrett zeigt alles an, was man sich an Informationen wünscht. Grosse Instrumente für Drehzahl und Geschwindigkeit fassen je eine Öltemperatur- und Öldruckanzeige vor dem Lenkrad ein, in der Mittelkonsole gibt es weitere Runduhren. Die Drucktasten sind beim Serie-2-Coupé links vor dem Lenkrad und sogar beschriftet. Der Wagen gibt kaum Rätsel auf. Man sitzt gut und freut sich an der dank filigraner Fensterpfosten fast perfekten Rundumsicht.

Astronomischer Wendekreis

Gestartet wird per Zündschüssel rechts vom Lenkrad, und sofort ertönt der melodiöse Zwölfzylinder, der turbinenartig hochdreht und dabei in ein heiseres Staccato verfällt. Die Hand fällt vom dünnen Holzkranz des Lenkrads natürlich auf den Schalthebel, das Wechseln der Gänge vollzieht sich ohne Drama. Generell sind die Bedienungskräfte erträglich, auch Frauenwaden sollten beispielsweise mit der Kupplung zurechtkommen. Nur der Wendekreis ist fast astronomisch gross, 13,9 Meter machen manches Park- oder Wendemanöver zu einer schweisstreibenden Arbeit. Der Fahrkomfort leidet kaum unter der hinteren Starrachse, was die Aufhängungen nicht verdauen, schlucken die dicken Ballonreifen der Dimension 205 HR 15.

Beim Fahren fühlt sich der Gran Turismo grösser und massiger an, als es die 4,8 Meter Länge und das Leergewicht von knapp 1400 kg vermuten lassen, aber daran gewöhnt man sich locker. Und man geniesst die unnachahmlichen Lautäusserungen des prächtigen Colombo-V12-Motors.

Ja, man kann gut verstehen, dass sich John Lennon gerade für diesen Wagen entschieden hatte. Nur, einen guten Riecher für wertmehrende Investitionen hatte der Beatles-Frontmann damit nicht gezeigt. Während nämlich der damals ähnlich teure Ferrari 275 GTB/4 heute schnell einmal im siebenstelligen Bereich gehandelt wird, sind selbst schöne 330 GT nur einen Bruchteil davon Wert. Wenn man denn einen findet - denn viele wurden irgendwann umgebaut oder ausgeweidet, auch dies eine Folge der schlechten Wertschätzung.

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen, die uns den dezent grau gespritzten Ferrari 330 GT der Serie 2 von 1967 für eine Probefahrt überliess.

Weitere Informationen zum Ferrari 330 GT und seinen Vorgängern, sowie viele Bilder finden sich auf www.zwischengas.com.

Erstellt: 24.09.2013, 13:35 Uhr

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