Die Black Cabs fahren elektrisch

Das wohl berühmteste Taxi wird zum Öko-Mobil. Und wenn es nach seinen Herstellern geht, nicht nur in England, sondern auch auf dem Kontinent.

Aussen klassisch, innen modern: Das Black Cab fährt neu mit einem Elektromotor – und soll Europa erobern. Fotos: PD

Aussen klassisch, innen modern: Das Black Cab fährt neu mit einem Elektromotor – und soll Europa erobern. Fotos: PD

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Es ist eine Ikone und gehört zum Stadtbild von London wie der Big Ben, die Tower Bridge oder der Buckingham Palace. Genau wie diese Bauwerke innen über die Jahrhunderte immer wieder modernisiert worden sind, zollt jetzt auch das legendäre London-Taxi der neuen Zeit Tribut. Um die verschärften Emissionsvorgaben der Hauptstadt zu erfüllen und den Lärmpegel zu senken, reitet das Black Cab künftig auf der grünen Welle und surrt elektrisch durch die Stadt.

Dies zumindest stellt die London Electric Vehicle Company (Levc) in Aussicht. Mit Geld des chinesischen Mutterkonzerns Geely und Know-how der schwedischen Schwestermarke Volvo will Levc Erster sein, der eine Lösung für die verschärften Auflagen anbietet, mit denen London sein Luftproblem in den Griff bekommen will. «Ab 1. Januar 2018 dürfen nur noch Taxis neu zugelassen werden, die auch emissionsfrei fahren können», sagt Firmenchef Chris Gubbey.

Angetrieben wird das Black Cab deshalb ausschliesslich von einem Elektromotor, der mit 110 kW (150 PS) zu Werke geht und wie alle Stromer so flott beschleunigt, dass man sich hinten festhalten muss, wenn der Fahrer zu fest aufs Pedal tritt. Wenn man ab und zu trotzdem das vertraute Brummen eines Verbrenners hört, liegt das am serienmässigen Range Extender, mit dem Chefentwickler Ian Collins der Realität der Taxifahrer Rechnung trägt. Denn Batterien gross und leistungsstark wie im Tesla könnten sich die Cabs genauso wenig leisten wie stundenlange Stopps an der Ladesäule. Kein Fahrgast würde akzeptieren, dass er auf dem Weg zum Flughafen den Wagen wechseln müsse, nur weil der Akku leer sei, argumentiert Collins.

Dreizylinder lädt leere Batterie

Deshalb hat er aus dem Volvo-Regal einen Dreizylinder-Benziner an Bord genommen, der wie im BMW i3 mit konstanter Drehzahl nur einen Generator antreibt, wenn die Batterie nach 130 Kilometern leer ist. Eine Verbindung zu den Rädern gibt es nicht. Mit den 38 Litern Sprit im Tank kommt das Taxi dann noch einmal über 500 Kilometer weiter.

Während die Exil-Chinesen von Geely beim Antrieb neue Wege gehen, erfüllen sie mit ihren Autos auch eine alte Regel: Denn was sich in London ein Taxi nennen will, braucht einen minimalen Wendekreis – 8,5 Meter zwischen zwei Wänden müssen für eine Runde reichen, sagt der Chefentwickler und schickt seinen knapp fünf Meter langen Koloss auf eine Kreisbahn, als wolle er Karussell fahren. Kein Wunder, wenn sich die Vorderräder um bis zu 63 Grad einschlagen lassen.

Der neue Antrieb hebe das Taxi aber nicht nur über die strengeren Zulassungshürden und entlaste die Umwelt, sagt Gubbey. Sondern es fährt auch billiger. Zwar verlangt die Levc für das Erstlingsmodell TX nach Abzug der staatlichen Förderung noch immer 55 599 Pfund und damit rund ein Viertel mehr als für das im Sommer eingestellte TX4 mit Dieselmotor. Doch weil Strom billiger sei als Sprit, die Rekuperation die Lebensdauer der Bremsen verlängere und ein Elektroantrieb weniger Wartung brauche als ein Verbrenner, sparten die Cabs pro Woche im Schnitt 100 Pfund, rechnet Collins vor. Ausserdem sollen sie es bequemer haben im neuen Cockpit, das mit Abstandstempomat, Spurführungshilfe und Notbremsautomatik samt Fussgängererkennung das Fahrzeug fast so sicher machen soll wie ein Volvo.

Innen wird es komfortabler

Während Firmenchef Gubbey den Fahrern mit dem neuen Antrieb mehr Einnahmen verspricht, sollen die Fahrgäste vor allem vom neuen Aufbau profitieren. Denn auch wenn das Black Cab auf den ersten Blick so aussieht wie seit über 30 Jahren, ist es aussen ein bisschen und innen deutlich grösser geworden. Und vor allem komfortabler. Schon seit je geräumiger als jedes Taxi auf dem Festland, bietet es jetzt mehr Platz als eine Stretchlimousine. Für die Beine, weil der Radstand auf imposante 2,99 Meter gestreckt wurde, und für den Kopf, weil der Neuling 1,89 Meter hoch ist. Aber es ist nicht der Platz alleine, der den Unterschied macht, sondern die vielen klugen Details: Das Panoramadach für den besseren Blick auf St. Paul’s Cathedral oder The Shard ist buchstäblich offensichtlich, über die sechs USB-Anschlüsse, die 220-Volt-Steckdose für den Laptop, das halbe Dutzend LED-Fluter an der Decke oder das kostenlose WLAN-Netz freut man sich ebenso. Neu sind auch die entgegen der Fahrtrichtung angeschlagenen Türen, die man sonst nur vom Rolls-Royce Phantom kennt. «Das macht das Taxi zum Rolls-Royce des kleinen Mannes», schwärmt Chefentwickler Collins.

Allerdings haben die Briten für das London-Taxi weit mehr als ihre Hauptstadt im Blick: Das politische London mag sich zwar gerade aus Europa zurückziehen, doch das Taxi fährt in die Gegenrichtung und soll auch das Festland erobern, sagt Firmenchef Gubbey. «Wer die Londoner Regeln schafft, der ist für den Rest der Welt gerüstet.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2017, 18:40 Uhr

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