Kult-Autos

Die letzte kompakte GT-Limousine aus Italien

Er hat einen edlen Namen, einen begabten Designer und V8-Turbo-Power unter der Haube ... aber ob der Maserati Quattroporte IV damit zum Klassiker taugt?

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Der Wagen stammt von Maserati, das Design von Marcello Gandini und die Stückzahl ist relativ gering – das tönt nach den richtigen Parametern für eine hohe Wertschätzung als Klassiker und stetig steigende Preise. Die Sache hat aber zwei Haken: Beim Maserati Quattroporte IV, gebaut von 1994 bis 2001, handelt es sich um eine Limousine, und das Design wurde damals wie heute nicht zu den besten Arbeiten Gandinis gezählt. Dafür kann Maseratis vierter Viertürer auf eine eindrückliche Ahnengalerie zählen.

Anfang der Sechzigerjahre gab Maserati nach und baute die erste Limousine der damals bereits fast 50-jährigen Firmengeschichte. Man kombinierte die Technik des Maserati 5000 GT mit einer von Pietro Frua gezeichneten viertürigen Karosserie und präsentierte auf dem Autosalon Turin im November 1963 die wohl schnellste Familienlimousine im Markt. Von 1964 bis 1970/1971 wurden rund 770 Autos gebaut.

Die verschollene zweite Version

Es sollte einige Zeit dauern, bis Maserati, inzwischen in Citroën-Besitz, wieder einen Viertürer präsentieren konnte. Im Oktober 1974 zeigten die Italiener auf dem Pariser Autosalon im Prinzip einen umkarossierten Citroën SM. Die edle Schale stammte vom in Diensten Bertones zeichnenden Marcello Gandini und liess keine Assoziationen an den Technikspender aufkommen. So richtig sportlich war das Ergebnis nicht, denn das Leergewicht lag über 1,6 Tonnen und die angetriebenen Räder waren vorne. Und weil Maserati kurz darauf der Konkurs drohte, kam die Limousine nie richtig aus den Startlöchern. Alejandro de Tomaso übernahm die Firma und gab das Projekt schliesslich auf, gerade einmal ein gutes Dutzend soll produziert worden sein.

Besser lief es dann mit dem im November 1976 vorgestellten Nachfolger, der auf der bewährten Technik des De Tomaso Deauville aufsetzen konnte, aber als echter Maserati natürlich den hauseigenen V8-Motor im Bug hatte. Die Gestaltung der Karosserie war Giorgetto Giugiaro zu verdanken, eine gewisse Ähnlichkeit des Designs zum Lancia Delta war nicht zu verleugnen. Gebaut wurde der Quattroporte III von 1979 bis 1991 in rund 2200 Exemplaren, damit war er der meistgebaute Maserati in der bisherigen Firmengeschichte.

Wieder ein richtiger Quattroporte

Wiederum gab es keinen echten Nachfolger, denn seit den Achtzigerjahren setzte Maserati auf Ausstoss und produzierte besser verkäufliche V6-Sportwagen, die ursprünglich auf den Namen «Biturbo» hörten. Ein regelrechter Wildwuchs von Typen folgte, darunter auch Limousinen mit vier Türen, die aber nie als Quattroporte vermarktet wurden, sondern Typenbezeichnungen wie «Biturbo 422» oder «430» trugen und über 9000-mal verkauft wurden.

1993 stellte Maserati den Quattroporte IV vor. Die Technik wurde weitgehend vom Coupé Ghibli übernommen, die Karosseriegestaltung überliess man wiederum Marcello Gandini. Dieser zeichnete eine keilförmige Limousine, die insgesamt etwas brav und fast unauffällig daherkam. War Gandini, der unter anderem für Design-Meilensteine wie den Lamborghini Miura oder Countach verantwortlich war, altersmilde und vorsichtig geworden? Wenn man den kurz vorher präsentierten Prototypen Maserati Chubasco anschaut, der ein imposantes und exaltiertes Äusseres aufweisen konnte und ebenfalls aus Gandinis Hand stammte, kann man dem Designer sicher keinen fehlenden Mut vorwerfen. Eher liegt auf der Hand, dass Maserati einen grossen Markt ansprechen wollte und daher in Richtung schlichte Eleganz tendierte.

Zugutehalten kann man Gandini, dass der Wagen auch heute, also 20 Jahre nach seiner Präsentation, immer noch fast zeitlos und attraktiv wirkt, auch wenn sein Design keineswegs nur Freunde hatte. Vor allem aber war die Limousine mit nur gerade 4,55 Metern Länge kompakt, nachdem der Vorgänger Quattroporte III noch 4,91 Meter mass. Auch Breite und Höhe von 1,81 respektive 1,38 Metern zeigten die sportive Ausrichtung.

Ein Bild von einem Motor

Unter der Haube des Quattroporte IV setzte man auf die bewährten V6-Motoren mit vier obenliegenden Nockenwellen und zwei Turboladern mit Ladeluftkühlung. Bereits die Zweiliter-Version brachte es auf 287 PS, die 2,8-Liter-Variante entwickelte 284 PS und die etwas später vorgestellte 3,2-Liter-Version leistete gar 335 PS. Über sechs manuell geschaltete Gänge oder eine Viergangautomatik wurde die Kraft an die Hinterachse geleitet. Optisch war der Motor ein Meisterwerk, nur sparsam war er definitiv nicht, im Testbetrieb einer 3,2-Liter-Limousine liefen auf 100 km im Schnitt 16,3 Liter durch die Einspritzung.

Für den Rest der Technik verzichtete man auf Experimente und setzte mit Einzelradaufhängungen rundum, ABS und servounterstützter Zahnstangenlenkung auf das damals im oberen Segment Übliche. Das Gesamtpaket in V8-Konfiguration beschleunigte in rund 5,8 Sekunden auf 100 km/h und lief rund 270 km/h schnell. Innen verwöhnte der Maserati Quattroporte IV mit edlen Materialien – Ulmenholz und Leder – und schönen Anzeigen, darunter u. a. eine analoge Uhr, deren Zeit allerdings 1998 ablief. Götz Leyer schrieb dazu in der Zeitschrift «Auto Motor und Sport»: «Der Quattroporte pflegt einen Stil des Interieurs, der weitab liegt von den tristen Plastiklandschaften, die sich in vielen Autos selbst der gehobenen Preisklassen ausbreiten; (...) in der italienischen Eleganz liegt zweifellos der grösste Reiz des Maserati.»

Leider trübten sichtbare Qualitätsprobleme den Gesamteindruck. Der Autor erinnert sich daran, in den Neunzigerjahren nagelneue Maserati-Limousinen beim Importeur gesichtet zu haben, die nicht nur teilweise neu lackiert, sondern auch anderweitig nachgebessert werden mussten. Als Ferrari die Geschicke von Maserati übernahm, überarbeitete man das viertürige Modell konsequent. Die Verarbeitungsqualität stieg, der Motorenlauf wurde ruhiger und die Autos trugen das Wort «evoluzione» auf der Flanke. Teuer blieben sie mit deutlich über 120'000 Franken weiterhin. Trotz der Verbesserungen entwickelte sich der Quattroporte IV nicht zu einem Mengengeschäft, dies war wohl mit ein Grund, warum dessen Produktion im Jahr 2001 nach 2400 gebauten Exemplaren gestoppt wurde.

Schnell und elegant unterwegs im Ottocilindri

Den eleganten Maserati besteigt man nach wie vor gerne. Das gediegene Interieur überzeugt, so viel Leder und Holz sieht man in kaum einem Auto, das man teilweise für vierstellige Eurobeträge beim Gebrauchtwagenhändler kaufen kann. Mit der rechten Hand gestartet, singt der V8-Motor sein turbinenähnliches Lied. Fast wünschte man sich etwas mehr «Dreck» im Sound, der gleichmässige und erstaunlich stark gedämpfte Motorenlauf passt nicht so ganz zum heissblütigen Italiener. Die Gänge lassen sich problemlos sortieren, die Bedienungskräfte für Lenkung, Kupplung und Bremse sind gering, entsprechend locker gestaltet sich die Fahrt im Quattroporte IV. Auch heute beeindruckt die Leistungsentfaltung, 450 Nm Drehmoment liegen bereits bei 4400 U/min an, da geht es rasant vorwärts, egal in welchem Gang. Der regelmässige Blick auf den Tacho schützt vor dem drohenden Blitzlichtgewitter der Radaranlagen.

Auch wenn die kompakte Limousine kein Raumwunder ist: Auf den Vordersitzen fahren auch grössere Menschen gut, und der Abstand zum Rücksitz ist eigentlich gross genug. Nur nach oben geht über 1,80 Meter grossen Passagiere im Fonds die Luft aus. Als Familiengefährt taugt der elegante Südländer aber allemal, denn 495 Liter Kofferraumvolumen schlucken auch grösseres Feriengepäck. Am meisten Freude macht der Wagen bei schnellen Autobahnfahrten und auf gut ausgebauten Alpenstrassen, wo Kompaktheit und Leistungsfähigkeit besonders gut zum Zug kommen. Viel fahren sollte man ihn, denn als Investitionsobjekt ist er vermutlich noch nicht reif genug – und zum Stehen zu schade.

Erst 2003 erhielt der Quattroporte IV einen Nachfolger. Aber der über 5 Meter lange und rund 1,9 Tonnen schwere Quattroporte der fünften Generation wollte nicht so richtig in die Fussstapfen des kompakten Vorgängers passen. Wohl deshalb und auch, weil die von Pininfarina gestaltete sechste Generation sogar 5,26 Meter lang geriet, reichte Maserati 2013 auch noch die Ghibli-Limousine mit vier Türen nach, die aber gleichwohl fast 5 Meter lang und über 1,8 Tonnen schwer ist. So blieb Gandinis Quattroporte ohne wirklichen Erben. Aber wer weiss ...

Der für diesen Bericht porträtierte Maserati Quattroporte 3.2 Evoluzione von 1998 wird am 30. November 2013 von der Oldtimer-Galerie in Toffen versteigert.

Weitere Informationen zum Maserati Quattroporte IV und seinen Artgenossen finden sich auf www.zwischengas.com.

Erstellt: 11.11.2013, 11:56 Uhr

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Mehr Bilder und zusätzliche Informationen zu diesem Thema finden sich auf Zwischengas.com

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