Eilige Drucksache

Mit einem Auto aus dem 3-D-Drucker will die amerikanische Firma Local Motors den Fahrzeugbau für immer verändern.

In 44 Stunden vom 3-D-Drucker auf die Strasse: Ein Strati-Prototyp zieht seine Runden in Arizona. Foto: Thomas Geiger

In 44 Stunden vom 3-D-Drucker auf die Strasse: Ein Strati-Prototyp zieht seine Runden in Arizona. Foto: Thomas Geiger

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«Schatz, schreibst du bitte neuen Toner auf den Einkaufszettel, ich habe uns gerade ein Auto gedruckt.» Ganz so weit wird es zwar (noch) nicht kommen, doch wenn es nach John Rogers geht, können sie in Wolfsburg oder Detroit schon bald die haushohen Pressen mit ihren millionenschweren Formen ausmustern, die die Produktionsvorbereitung für ein neues Auto so langwierig und teuer machen. Denn Rogers ist Chef des amerikanischen Start-up-Unternehmens Local Motors und träumt vom Auto aus dem 3-D-Drucker.

Und vor ein paar Wochen ist er diesem Traum ein gutes Stück nähergekommen: In 44 Stunden hat sein Team auf einer Messe in Chicago den Strati gedruckt, weitere 15 Stunden wurde die Karosse computergesteuert geschliffen, gefräst und poliert, und innert zweier Tage war die Antriebstechnik des Renault Twizy eingebaut. Eine druckreife Leistung. Und eine technische Revolution. Denn statt aus Tausenden einzelner Teile besteht der Strati nur aus 50 Komponenten.

Für 18000 Dollar auf die Strasse

Während VW oder Ford Monate im Voraus ihre Werkzeuge bestellen, für Wochen die Fabrik schliessen und Millionen investieren müssen, wenn sie ein neues Modell auflegen, hat Local Motors nur eine Million Dollar in die Hand genommen und eine neue Software auf den 3-D-Drucker gespielt. Schon spritze er wie mit der Heissklebepistole aus seinen Kunststoff-Spaghetti jedes Auto, das man haben will, schwärmt der Chefingenieur Nestor Llanos: «Roadster, Geländewagen, selbst einen einzigartigen Bugatti Royale könnten wir über Nacht neu auflegen.» Wenn das irgendwann einmal im grossen Stil gelingt, könnte es den Automobilbau ähnlich verändern wie die Einführung des Fliessbands.

Während der Showstar aus Chicago von einem PR-Termin zum anderen tingelt und sich Firmenchef Rogers gebührend feiern lässt, ist Projektleiterin Allegra West längst wieder am Stammsitz in Phoenix, hat bereits einen zweiten Prototyp gedruckt und treibt die Entwicklung voran. Sie arbeitet an einem Drucker, der gleichzeitig auch fräsen kann, und macht sich Gedanken darüber, wie man den Kunststoff, aus dem der Strati gespritzt wird – übrigens der gleiche wie bei Legosteinen –, so mit Karbon anreichern kann, dass er auch Crashtests besteht. Schliesslich will ihr Chef so ein Auto schon in einem Jahr auf der Strasse sehen – für 18 000 Dollar.

Viel Zeit hat Miss West also nicht. Doch zumindest kurz gibt sie ihren Strati aus der Hand – für eine Probefahrt auf dem weitläufigen Firmengelände. Dass der Wagen noch die falschen Räder hat oder ihm ein paar Kabel aus dem Heck hängen, darf dabei nicht stören. Und dass sogar die Sitze fehlen, ist auch kein Schaden. Im Gegenteil: So kann man viel besser die kilometerlangen Kunststoffwürste erkennen, aus denen der Strati gespritzt wurde: Eine Lage nach der anderen, schön gleichmässig haben sie Minute für Minute einen kleinen Roadster geformt.

Während diese Kunststofffäden bei gewöhnlichen 3-DDruckern für den Heimgebrauch haarfein sind, hat Local Motors das Auto mit 9 mm starken Strängen gespritzt. Trotzdem sieht der offene Zweisitzer fragil aus, als wäre er aus Karton gebastelt, sodass man ganz, ganz vorsichtig über die Brüstung steigt und sich zaghaft auf die schwarze Bank niederlässt, auf der später mal die roten Sitze montiert werden sollen. Doch das Material ist extrem fest und fühlt sich an wie Beton. «Der Kunststoff hat mit den 30 Prozent Karbonanteil, die wir hineingemischt haben, die gleiche Festigkeit wie Aluminium», sagt die Projektleiterin.

Und der Strati fährt

Es kann also gar nichts passieren, wenn man irgendwo unter dem Lenkrad die frei herumbaumelnde «Schaltung» aus dem Twizy findet, auf D drückt und der Strati mit seinen 60 PS langsam davon surrt. Weil an der Antriebstechnik noch nichts geändert wurde und der Strati mit gut einer Tonne mehr als doppelt so viel wiegt wie der schräge Renault, geht es bei der Probefahrt ausgesprochen gemächlich voran. Ausserdem hat der Roadster mit den weit gespreizten Twizy-Achsen einen Wendekreis wie ein Pick-up-Truck und mit den viel zu kleinen Rädern eine Bodenfreiheit wie ein tiefer gelegter Porsche. Und bei knapp 100 km/h sei ohnehin schon wieder Schluss, schätzt West. Doch die wichtigste Mission hat der Zweisitzer damit längst erfüllt: Er hat bewiesen, dass er fährt. Und zumindest unter der sengenden Sonne Arizonas auf einem riesigen Parkplatz macht das erste Auto aus dem 3-D-Drucker sogar richtig Spass – läuft doch wie gedruckt! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 17:54 Uhr

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