Kult-Auto

Ein Brite auf Abwegen

Rolls-Royce legt viel Wert auf Tradition. Doch Mitte der Siebzigerjahre verliess man bekannte Pfade, liess den italienischen Designer Pininfarina ein Modell gestalten.

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Pininfarina zeichnete verantwortlich für eine SBB-Lok und viele Automobile. Einen Sonderstatus hat aber der Rolls-Royce Camargue, denn er war der erste und einzige Serienwagen von Rolls-Royce, der ein italienisches Design erhielt. Und er war der teuerste Wagen der Welt. Und er gefiel trotzdem nicht allen.

Pininfarina hatte bereits in den späten Vierzigerjahren und frühen Fünfzigerjahren Sonderkarosserien auf Bentley- und Rolls-Royce-Fahrgestellen gebaut, doch mit dem Erscheinen des selbsttragenden Silver Shadow (und des Bentley T) war es für Karossiers ungleich schwieriger geworden, eigene Karosserien zu konzipieren. Pininfarina hatte dies dank seiner grossen Erfahrung trotzdem geschafft und präsentierte 1968 auf der London Motor Show ein Fastback-Coupé auf der Basis des Bentley T. Während die Front mit Ausnahme der breiten Scheinwerfer typisch Bentley war, strahlte das Heck eindeutig italienisches Flair aus.

Der Wagen löste Kontroversen aus, die einen liebten ihn, andere lehnten ihn völlig ab. Beeindruckend war er auf jeden Fall und auch die Rolls-Royce-Führungsetage hatte sich intensiv mit dem Einzelstück befasst. Denn kurz danach erging der Auftrag an die italienische Designschmiede, das zukünftige Spitzenprodukt des Hauses Rolls-Royce zu gestalten, mit zwei Türen und als Coupé gekleidet. Das Projekt «Delta» war geboren.

Im Pininfarina-Stil der Zeit, aber eine Nummer grösser

Schon bald lieferte Sergio Pininfarina erste Entwürfe nach England und einer wurde ausgewählt, der dann die Basis für das Tonmodell war, das nach Crewe transportiert wurde. Bereits 1970 dürften die Linien gefestigt gewesen sein.

Wegen interner Änderungen dauerte es aber bis Mitte 1972, bis der erste Prototyp für Fahrversuche bereitstand. Als man den von Paolo Martin gestalteten Pininfarina-Entwurf zum ersten Mal neben den Silver Shadow stellte, waren die Beteiligten dann doch ein wenig geschockt. Der neue Wagen wurde mit dem Felsen von Gibraltar verglichen.

Tatsächlich war der Camargue recht kantig geraten. Nichts erinnerte an den Bentley Pininfarina. Ähnlichkeiten waren da schon eher mit einem Coupé-Entwurf Pininfarinas auf Basis eines Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 von 1969 oder dem etwa gleichzeitig entstandenen Fiat 130 zu finden, die beide ähnlich kantig und schnörkellos gestaltet waren. Während die Länge des Camargue exakt der des Silver Shadow entsprach, überragte jenen der Pininfarina-Entwurf in der Breite um zwölf Zentimeter, während die Höhe um fünf Zentimeter geringer war. Grosse Fensterflächen kaschierten die schiere Grösse ein wenig.

Die Rolls-Royce-Designer hatten einige Dinge am Pininfarina-Entwurf geändert, so wies der endgültige Wagen, der im Januar 1975 in Sizilien präsentiert wurde, Doppelscheinwerfer statt Breitbandlampen auf und die Flächen unter den Seitenscheiben waren nicht wie vom italienischen Designmeister schwarz gehalten, sondern in Wagenfarbe gespritzt.

Dass der Camargue mit den gewachsenen Dimensionen kein Leichtgewicht werden würde, erstaunte niemanden. Tatsächlich wog der 2345 Kilogramm schwere Zweitürer aber fast 200 Kilogramm mehr als die viertürige Variante und dies trotz Aluminiumblech für Türen und Hauben sowie Armaturenbrett.

Technik aus dem Regal

Für die Technik konnte man ins Regal greifen. Die Basis bot der Rolls-Royce Silver Shadow, von dem man im Prinzip die Grundplattform – Einzelradaufhängungen rundum, hydraulische Niveauregulierung, Vierradscheibenbremsen mit dreifachem Kreislauf, Aluminium-6,75-Liter-Motor – übernehmen konnte. Wegen des erhöhten Gewichts gönnte man dem Camargue die stärkere Maschine des Corniche Saloons, der mit dem Pininfarina-Coupé eigentlich hätte abgelöst werden sollen, aber parallel weiterproduziert wurde.

Acht Jahre Entwicklungsarbeit für die Klimaanlage

Ein besonderes Highlight war die Klimaanlage. Bereits 1956 konnten die Fahrzeuge aus Crewe mit diesem Zubehör auf Wunsch bestellt werden, seit 1969 waren alle Wagen serienmässig damit ausgerüstet. Für den Camargue aber führte man nach acht Jahren Entwicklung eine vollautomatische und mit Sensoren gesteuerte Version ein, die aktuelle Temperatur im Armaturenbrett, im Mitfahrerfussraum, im Bereich des linken Seitenpfostens am Dach sowie für die Aussenluft unter dem hinteren Stossfänger mass. Wenn das System auf Hochtouren lief, zweigte es rund zehn PS von der wie immer von Rolls-Royce nicht quantifizierten Motorleistung ab.

Der teuerste Wagen auf dem Markt

«Grand Prix» titelte die Zeitschrift «Auto Motor und Sport» im Jahr 1983 ihren Test des Camargue, der eben um über zehn Prozent günstiger geworden war und für 370'000 D-Mark in der Preisliste stand. Aber auch mit einem reduzierten Preis überflügelte der Rolls alle anderen offiziell angebotenen Fahrzeuge in den meisten Ländern locker.

Die gemessenen Fahrleistungen (0 bis 100 km/h in 10,6 Sekunden, Spitze 191 km/h, Testverbrauch 25,5 Liter pro 100 km) jedenfalls waren in keiner Art und Weise Superlative und wurden von jedem gut gehenden Mercedes oder BMW in den Schatten gestellt. Eher schon musste der Preis mit der aufwendigen Handarbeit und dem langen Produktionsprozess (nun drei Monate) erklärt werden.

Aufwendige Bauweise

Der Bau eines Rolls-Royce Camargue war aufwendig und dauert 1975 rund 24 Wochen, also fast ein halbes Jahr. Pro Woche wurde etwa ein Wagen fertiggestellt. Über die Jahre profitierte auch der Camargue von den Verbesserungen in den anderen Baureihen, so erhielt er 1977 eine Zahnstangenlenkung, 1979 die Aufhängungen des Silver Spirit, ab 1980 war eine Bosch-Einspritzanlage erhältlich. Die letzten Pininfarina-Coupés wurden 1986 hergestellt, nach 11 Jahren Bauzeit war Schluss, ohne dass ein direkter Nachfolger bereitstand.

Luxusgleiter

So weit die Theorie, nun zur Praxis. Um die Qualitäten eines Rolls-Royce zu erfahren, sucht man sich am besten ein Stück Kiesweg, idealerweise eine Schlossvorfahrt. Mit dosiertem Gaseinsatz, man will ja den Kies dort lassen, wo ihn der Strassenbauer verteilt hat, lässt man den Wagen an Geschwindigkeit gewinnen. Man hört die sich unter den schweren Radlasten bewegenden Kieselsteine und staunt über den unnachahmlichen Federungskomfort des Rolls bei niedrigen Geschwindigkeiten. Beinahe unbeschreiblich und ein Vergnügen, das man gerne und immer wieder geniesst. Leider gibt es heutzutage aber nicht mehr allzu viele gepflegte Kieswege, doch auch auf Asphalt benimmt sich der Camargue sehr gesittet.

Das Fahren eines Rolls-Royce Camargue setzt keine besonderen Talente voraus. Alles geht leicht von der Hand – selbst der Wahlhebel für das Automatikgetriebe am Lenkrad ist servounterstützt – und auch die für damalige Verhältnisse monumentalen Dimensionen haben im Zeitalter unübersichtlicher und riesiger SUVs ihren Schrecken verloren. Und in ein Einkaufscenterparkhaus wird man den Rolls sowieso selten stellen, obschon der riesige Kofferraum von über 700 Litern Fassungsvermögen sicher auch für die Aufnahme des Wochenendeinkaufs genügend Platz bieten würde. Neben dem Befahren von Kieszufahrten sind sicher idyllische Strassen an Seen oder an der Côte d'Azur ideal, um sich am Camargue zu erfreuen. Leise summend und mit genügend Leistungs- und Komfortreserven lässt sich der majestätisch schwere Wagen mit zwei Fingerspitzen dirigieren und geniessen.

Unterbewertet, aber wie lange noch?

Er war einst das teuerste Fahrzeug im Autoquartett und ist mit gerade einmal 526 gebauten Fahrzeugen eine Rarität geblieben. Er wurde von den begabtesten Designern der Zeit gestaltet und mit erlesener Technik und exklusivsten Materialien ausgestattet. Entsprechend würde man stetig steigende Preise auf hohem Niveau erwarten. Doch weit gefehlt, ein gut erhaltener Camargue ist immer noch für eine mittlere fünfstellige Euro- oder Frankensumme erhältlich und kostet weniger als zum Beispiel ein Morgan Plus 8 aus derselben Zeit, der als Neuwagen zu einem Bruchteil des Camargue-Preises zu kaufen war. Ob dies so bleiben wird? Vermutlich nicht, denn irgendwann wird der Pininfarina-Rolls jenen Klassikerstatus erhalten, den er verdient und dann werden sich auch Wertentwicklung und Unterhaltskosten in einem besseren Verhältnis einpendeln. Gerade deshalb sollte man sich vielleicht jetzt noch ein schönes Exemplar sichern.

Der für diesen Bericht porträtierte Rolls-Royce Camargue aus dem Jahr 1979 wurde uns dankenswerterweise vom Oldtimer-Spezialisten Goodtimer zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen, viele Bilder und Dokumente zum Rolls-Royce Camargue finden sich auf Zwischengas.com. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.06.2013, 10:20 Uhr

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