Kult-Auto

Emily und der Ford Galaxie

Mitte der Sechzigerjahre baute Ford einen Strassenkreuzer, der so leise wie ein Rolls-Royce, aber wesentlich günstiger sein sollte. Vor allem seine übereinanderliegenden Doppelscheinwerfern polarisierten.

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Es war einmal Truckfahrer Ben. Er fuhr gedankenversunken die Landstrasse runter, als er am Strassenrand eine Frau sah. Er hielt an und fragte: «Hi! Darf ich dich ein Stück mitnehmen?» Die Frau stieg wortlos in den Truck. «Ich heisse übrigens Ben, und du?» – «Ich bin Emily! Entschuldige… Ich bin etwas durcheinander. Galaxie, mein Hengst, ist heute gestorben.»

Liebe auf den ersten Blick

So fuhr Ben eine Weile durch Texas, und Emily starrte in die weite Landschaft. Plötzlich sagte Ben: «Schau mal das Auto da vorne an der Kreuzung. Es hat sogar den gleichen Namen wie dein Pferd.» Ben sah bei einem Autohändler einen 67er-Ford Galaxie 500 zum Verkauf. Ja, irgendwie schaute er sie mit seinen vier Scheinwerfer-Augen an. Emily überlegte und sagte: «Lass mich mal hier raus, Ben. Und danke fürs Mitnehmen!»

So kam Emily zu ihrem neuen Gefährten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Der metallische Lack, die grossen Blechflächen und die vertrauenswürdigen Augen. Keine grossen Ornamente, keine Theatralik, alles ehrlich und solide. John und sie wollten sowieso bald heiraten. Die vier Türen und der grosse Kofferraum wären für eine kleine Familie wie geschaffen. Vielleicht auch für eine grosse… Wer weiss!

Heute fährt sie wieder die gleiche Strasse wie damals in Bens Truck. Manchmal wird sie das Gefühl nicht los, dass der treue Galaxie ihr den Namensvetter aus Blech geschickt hat. Es ist wie früher auf dem Pferderücken. Die weite Landschaft, die Gerüche. So schön ist nur Texas. Emily existiert tatsächlich. Sie ist ein Fotomodell. Die Geschichte mit ihr ist zwar frei erfunden, könnte aber durchaus als Ford-Galaxie-Werbespot taugen.

Luxusversion des Fairlane

Der erste Ford Galaxie kam ganz zum Ende der Fünfzigerjahre zur Welt. Der Name erinnerte an das technologische Wettrüsten der damaligen Zeit. Während Amerika gegen die Sowjetunion um die Vorherrschaft im Weltraum kämpfte, tat Ford dasselbe gegen Chevrolet, wenn es um Marktanteile ging. Der Galaxie war das Luxus-Upgrade von Fords Fullsize-Modellreihe Fairlane und wies die handelsüblichen Zutaten eines grossen Autos dieser Ära auf: ausladend geformte und zweifarbig lackierte Blechflächen mit üppigem Chromschmuck, ein imposantes Doppelscheinwerfergesicht, Panoramascheibe und einen Heckabschluss mit respekteinflössenden Flossen.

Doch schon die folgende Generation des Modelljahres 1960 bekam eine völlig neue Karosserie. Die Flossen und auch die seitlichen Blechornamente wurden gestreckt und vereinfacht, die Panoramafrontscheibe wich einer konventionellen Lösung, und die Front wurde niedriger. 1961 erschien ein erneutes Facelift mit verkürzten Heckflossen und einer geänderten Front. Und auch jetzt war der Galaxie nach wie vor die Luxus-Variante des Fairlane.

Verkleinerungsphase

1962 brachte einen grösseren Schritt zum Downsizing – aber nur optisch. Die Aussenmasse und der drei Meter lange Radstand blieben. Die Gestaltung der Karosserie wirkte jetzt aber kompakter und schlichter. Charakteristisch für diese Serie sind die vom Thunderbird entliehenen runden Heckleuchten. Mit den obligatorischen jährlichen Änderungen blieb diese Modellgeneration bis zum Jahr 1964 im Programm.

1965 gab es erneut einen «Fordschritt» im Design sowohl für den Fairlane als auch für den Galaxie. Das auffälligste Detail war dabei das neue Vieraugengesicht mit je zwei übereinanderliegenden Doppelscheinwerfern. Jetzt hatte der Galaxie alle Ornamente abgelegt und war beim schlichten und gradlinigen Trend angekommen, der sich ab Mitte der Sechzigerjahre abzeichnete. Er konnte dabei seinen Charakter behalten. Denn nicht nur die Front, auch das Heck war mit den grossen hochkantigen Leuchten schnell als oberste Ausbaustufe des Ford-Line-ups zu erkennen.

Mehr Optionen als ein Verkäufer auswendig kann

Unsere Emily besitzt den Galaxie dieser Baureihe als Version 500 mit dem Code 54A, also die mittlere Ausstattungsvariante als viertürigen Sedan. Die Serie von 1965 bis 1967 war – in jedem Modelljahr leicht anders – in unzähligen Varianten und Motorisierungen lieferbar. Die Basisversion hiess Custom oder Custom 500, die Mittellösung 500, das Topmodell war als 500 XL oder LTD beschriftet. An Karosserievarianten gab es die zwei- oder viertürige Limousine mit Rahmentüren (Sedan), das pfostenlose zweitürige Coupé (Hardtop-Coupé) oder die entsprechende viertürige Limousine (Hardtop-Sedan) sowie das zweitürige Cabriolet. Alle Versionen waren Sechssitzer. Wurden jedoch anstelle der vorderen Sitzbank zwei Einzelsitze geordert, waren es entsprechend noch fünf Plätze. Wer noch mehr Raum brauchte, bestellte einen Station Wagon mit sechs oder acht Sitzen.

Zahlreiche Motoren-Varianten

Die Liste der angebotenen Motoren war ebenso endlos. Die Basis bildete der Sechszylinder-Reihenmotor mit 240 Cubic Inch (3,9 Liter) Hubraum, Einfachvergaser und 152 SAE-PS. Darüber rangierten die V8-Aggregate. Der 289 Challenger (4,7 Liter) lieferte mit Autolite-Doppelvergaser 203, der 390 Thunderbird (6,4 Liter) kam auf 274 SAE-PS. Der 390 Thunderbird Special hatte einen Vierfachvergaser und 319, der 428 Thunderbird (7,0 Liter) kräftige 365 SAE-PS, die auch äusserlich mit einem 7-Litre-Schriftzug kenntlich gemacht wurden. Doch das war noch nicht alles. Wer den legendären 427 Cobra mit bis zu 425 ungestümen Rennpferden haben wollte, bekam ihn ab Werk eingebaut. Dazu als Ergänzung der Hinweis: die 500 hatte nie etwas mit dem Hubraum zu tun, sondern bezeichnete eine Ausstattungsvariante.

Alle erdenklichen Kundenwünsche wurden erfüllt

Geschaltet wurde wahlweise mit 3- oder 4-Ganggetriebe an der Lenksäule oder als Mittelschaltung zwischen den Sitzen. Das galt auch für die 3-Gang-Automatik oder die verstärkte Cruise-O-Matic. Versionen mit durchgängiger Frontsitzbank mussten am Lenkrad bedient werden. Die Mittelschaltung galt – auch beim Automat – als sportlich und wurde oft im Zusammenhang mit Einzelsitzen geordert. Das Cockpit selber war alles andere als sportlich. Es war sehr gradlinig und aufgeräumt. Die kantige Cockpithutze beherbergte in der obersten Etage die niedrigen Breitbandinstrumente, darunter war eine Aluleiste mit Schaltern und weiteren Anzeigen. Den Abschluss bildete eine charakteristische horizontale Gitterstruktur, welche sich auf der Beifahrerseite wiederholte und die Ausströmer beherbergte.

Sondereinbauten

Paradiesische Zustände für Besteller auch bei Farben, Bezügen und Ausstattung. Rund 15 Aussenfarben, etwa 20 Zweitonlackierungen und 40 bis 50 verschiedene Innenausstattungen standen im Prospekt, wobei die Auswahl jährlich wechselte. Gegen Aufpreis (oder je nach Modell auch serienmässig) gab es Servo- oder Scheibenbremsen, Klimaanlage, elektrische Sitze und Fenster, Tempomat, von innen verstellbare Aussenspiegel, abklappbares Lenkrad, Speichenradkappen, Vinyldach oder automatische Kofferraumentriegelung. Das war aber noch längst nicht alles. Denn es gab noch Sondereinbauten wie verstärkte Hinterachsen und Rahmen für den Hängerbetrieb oder andere Getriebe- und Hinterachsübersetzungen – sei es für den sportlichen Fahrer oder den Heavy-Duty-Einsatz.

Ansonsten war unter dem kantigen Blech alles standardmässig amerikanisch mit massivem Rahmenchassis, hinterer Starrachse mit Querblattfeder und rundum Trommelbremsen.

American Upper Class

Aber der Galaxie war ein feines Auto – und kein billiges. Der 500 LTD stand als Hardtop-Coupé oder -Sedan für das Modelljahr 1966 mit 3300 Dollar in der Preisliste. Dafür bekam man laut Werbung ein Auto, das «so leise wie ein Rolls-Royce» sei. Schweizer Kunden durften nur den Galaxie 500 kaufen und hatten auch sonst weniger Auswahlmöglichkeiten als die Amerikaner. Ein Faltblatt zur neuen 1965er-Modellgeneration sagte aus, dass entweder der normale 3-Gang-Handschalter oder die Cruise-O-Matic lieferbar waren; beide jeweils mit Bedienung am Lenkrad.

Als einziger Motor fand man den später nicht mehr lieferbaren 352 Thunderbird (5,8 Liter) mit 250 SAE-PS aufgelistet. Die Karosserie war als viertüriger Sedan mit Dachpfosten ausgeführt, alle anderen Varianten fehlten. Die Ausstattung war komplett, und nur die Cruise-O-Matic sowie eine elektrische Frontsitzbank waren als Option zu haben. Hingegen gab es alle 15 Aussenfarben und sechs Innenfarben. Die Zweifarblackierung wurde nicht erwähnt. Weitere Bilder, zusätzliche Informationen und Verkaufsunterlagen gibt es auf Zwischengas.com.

Erstellt: 17.04.2013, 11:18 Uhr

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