Lärmen für die Sicherheit

Die EU verlangt, dass ab Juli 2019 alle neu entwickelten Elektroautotypen über ein akustisches Warnsystem verfügen.

Fussgänger verlassen sich auch auf das Gehör und werden so durch leise E-Autos gefährdet. Foto: David Smith

Fussgänger verlassen sich auch auf das Gehör und werden so durch leise E-Autos gefährdet. Foto: David Smith

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Ein bisschen ironisch ist das schon: Da geben sich Entwickler in der Automobilindustrie jahrelang die grösste Mühe, die Autos auf der Strasse leiser zu machen. Und jetzt, da fahrende Elektroautos kaum noch einen Mucks von sich geben, müssen sie in ebendiese Fahrzeuge künstliche Geräusche einbauen, damit sie wieder lauter sind. Das Problem: Die lautlos herannahenden Stromer sind ein zu grosses Sicherheitsrisiko für Fussgänger.

Unfallrisiko doppelt so gross

Diese Meinung vertritt zumindest die Europäische Union. Bereits 2014 hat sie deshalb eine Verordnung verabschiedet, die vorsieht, Elektro- und Hybridautos mit einem akustischen Warnsystem auszurüsten, dem Acoustic Vehicle Alerting System, kurz Avas genannt. Zunächst muss Avas von Juli 2019 an Bestandteil aller neu entwickelten Elektroautotypen sein. Ab Sommer 2021 darf dann kein Hybrid- oder reines Elektrofahrzeug mehr ohne ein solches Akustiksystem vom Fliessband laufen – das gilt auch für die Schweiz. Ist er also geplatzt, der Traum vom geräuschlosen Strassenverkehr? Ganz so tragisch ist es nicht, denn das Avas muss in der EU nur bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Kilometer pro Stunde einen Sound abspielen. Fährt das Auto schneller, sind die Rollgeräusche der Reifen ohnehin lauter als der Motor eines normalen Verbrenners, so die einhellige Meinung von Technikfachleuten. Es geht also im Prinzip nur um die Phase des Anfahrens.

Sicherheitsexperten unterstützen die Verordnung der EU. Fussgänger verliessen sich auf alle ihre Sinne – und damit eben auch auf das Gehör, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherer (UDV). «Wenn man kein Auto hört, läuft man schon mal auf die Strasse, ohne richtig zu gucken.» Gefährlich sei vor allem, dass E-Autos gerade beim Anfahren ein viel höheres Beschleunigungsvermögen haben als Verbrenner – da bleibt weniger Zeit zum Ausweichen.

Mercedes etwa will, dass sich seine Limousinen klar 
von einem Roadster unterscheiden.

Eine Studie der US-Verkehrsbehörde NHTSA ergab schon 2009, dass die Wahrscheinlichkeit eines Fussgängerunfalls bei Elektrofahrzeugen «doppelt so gross» sei wie bei ihren konventionellen Pendants. In der Folge erliess die US-Behörde ebenfalls eine Vorschrift, die einen akustischen Warnton bei Stromern vorschreibt – in den USA muss der Ton sogar anhalten, bis die Schwelle von 19 Meilen pro Stunde überschritten ist. Das sind etwa 30 Kilometer pro Stunde.

In Europa gebe es noch keine Unfallstatistiken zu Elektroautos, «dafür sind es einfach noch zu wenige», sagt UDV-Forscher Brockmann. Aktuell ermittelt sein Institut in einem Experiment, wie gross die Gefahr für Fussgänger wirklich ist. Geprüft wird dabei, ob Fussgänger die Geschwindigkeit von Elektroautos richtig einschätzen und Beschleunigungen erkennen können. Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, sei solch ein Warnton «als Sicherheitsmassnahme sehr wichtig», sagt Brockmann. Er denkt pragmatisch: «Wenn sich herausstellt, dass es doch keinen Einfluss auf die Verkehrssicherheit hat, kann man es ja wieder abschaffen.» Ähnlicher Meinung ist Welf Stankowitz vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Vor allem Blindenverbände hätten sich für ein System wie Avas starkgemacht, aber «es gibt daneben auch genügend andere Leute, die nach Gehör gehen». Brenzlige Situationen sieht er da nicht etwa an den «grossen Strassen», sondern in verkehrsberuhigten Zonen. Orte, an denen viele Fussgänger unterwegs sind und Kinder auf der Strasse herumtollen.

Wie der Avas-Sound klingen soll, gibt die EU-Verordnung nicht genau vor. Geregelt ist lediglich, dass «das Schallzeichen mit dem Geräusch eines Verbrennungsmotors vergleichbar» sein muss. Damit sind die langen, fantasiereichen Diskussionen vom Tisch, ob ein E-Auto künftig bellen, wiehern, Klingeltöne abspielen oder gar sprechen könnte. So schräg das klingen mag, glaubt man Welf Stankowitz, stand das alles mal zur Debatte. Das sei aber natürlich alles Unsinn gewesen. Ausserdem soll das Geräusch laut EU «eindeutig auf das Fahrzeugverhalten hinweisen». Sprich, Fussgänger und andere Verkehrsteilnehmer müssen erkennen, ob das Auto bremst oder beschleunigt. Diese Richtlinien lassen den Autobauern dennoch genug Spielraum, ihren individuellen Elektrosound zu entwickeln. Den nutzen sie auch kräftig: So vergleicht ein BMW-Sprecher den Klang der Elektrofahrzeuge seiner Firma mit einer Turbine, Typ «Raumschiff Enterprise». Bei Renault soll der Fahrer zwischen drei Tönen auswählen können; wonach genau die klingen werden, wollten die Franzosen nicht verraten. Partner Nissan hat seinem Sound für künftige Elektrofahrzeuge 2017 gar einen Namen gegeben: «Canto» leitet sich vom Lateinischen «Ich singe» ab.

Die Sounds sind bei einigen Herstellern je nach Fahrzeugtyp verschieden. So strebt Mercedes an, dass sich eine Limousine «eindeutig» von einem sportlichen Roadster unterscheidet; ebenso sollen die E-Autos von BMW je nach Modell und Marke andere Geräusche von sich geben. Unterschiede gibt es zudem im Innenraum: Während das Avas im Inneren von BMW-Elektroautos nicht zu hören ist, setzt Daimler sogar «einen Fokus» darauf: «Der Fahrer will hören, was er tut», sagt eine Sprecherin. Der Sound des Antriebs vermittle Information und Emotion.

Startgeräusch gefordert

Ein eher im Kleingedruckten verstecktes Detail der EU-Verordnung macht dann doch stutzig: Es besagt, dass das Avas über einen «für den Fahrer leicht erreichbaren Schalter» verfügen muss, mit dem er das System ausschalten kann. Beim Neustart des Fahrzeugs soll das System dann automatisch wieder eingeschaltet sein. Die meisten Autobauer haben die Verordnung hier beim Wort genommen; nur in Nissan-Fahrzeugen ist der Sound im Vorwärtsgang nicht abschaltbar, im Rückwärtsgang aber sehr wohl. Sicherheitsexperte Brockmann reagiert auf die Abschaltoption mit grossem Unverständnis. Das sei «absolut nicht sinnvoll». DVR-Mann Stankowitz hält es dagegen für «keine grosse Sache». Manche Situationen erforderten einfach, dass das Auto kein Geräusch von sich gebe. Wichtiger sei für ihn noch etwas anderes: Die EU schreibt nicht vor, dass ein Stromer schon beim Starten ein Geräusch abgeben muss. Das sei aber wünschenswert: «Höre ich das Auto erst, wenn es anfährt, kann es schon zu spät sein.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.11.2018, 19:04 Uhr

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